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Periodical volume Sonnabend, 23. Juni 1900 Nr, 25

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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„Leider bin ich das," antwortete sic neckend. „Aber 
schwimmen kann ich trotzdem, was die Herren der Schöpfung 
nicht immer können." 
„Schiviinnicn kann ich schon auch," verteidigte sich Hofer. 
„Aber der Krampf. Wenn einer so keine Idee hat, und auf 
einmal hereinfliegt, dann kann's dem besten Schwimmer 
passieren, daß er ertrinkt wie ein Huhn, weil der Krampf ihm 
die Muskeln zusammenzieht. Wenn Sic nicht gewesen wären, 
Fräulein . . ." 
Er stockte und suchte sichtlich verlegen nach den richtigen 
Worten, um seine Dankbarkeit auszudrücken. Die ivollten 
sich aber nicht so rasch finden lassen. Er half sich darum mit 
der stummen Sprache, indem er die Hand des Mädchens an 
seine Lippen zog und andächtig küßte. Leonic sah mit einem 
Ausdruck glückseliger Ergriffenheit auf ihn" hernieder, daß 
I)r. Schröder sich fast die Schnurrbartcnden abbiß vor Wut. 
„Nicht nur die Toten, auch die Halbtoten reiten schnell!" 
zuckte ihm's galgenhumoristisch durch den Sinn. „Dazu ist 
der Bursch jetzt in der kläglichsten Verfassung. Pudelnaß, 
keuchend, erschöpft. In trocknem Zustand muß er ein un 
heimlich hübscher Kerl sein . . ." 
Als könnte er seine übel genug bestellte Sache dadurch 
retten, daß er die beiden Menschen aus ihrer wunderlichen 
Stimmung riß, verbeugte er sich vor Hofer und sagte 
sarkastischen Tones: 
„Erlaube mir, Sic jetzt an Bord meiner „Leonic" will- 
kommen zu heißen, Herr . . . Herr . . . 
Der Fremde sah ihn verwundert an und ließ die Hand 
seiner Retterin los. 
„Karl Hofer," ergänzte er mechanisch. „Bildhauer . . . 
München." 
„Sehr angenehm, Herr Hofer! — Mein Name ist 
Dr. Schröder. — Hier Frl. Leonic Lürsen — ihre Cousine 
Fräulein Mary Lürsen — Herr Assessor Kroncck — Herr 
Architekt Habermann!" 
Er schnarrte die Vorstellung herunter, als stände er auf 
dem Parkett des Ballsaals, ohne sich um die mißbilligenden 
Mienen seiner Freunde zu kümmern. Selbst der empörte Blick 
der Damen focht ihn nicht an. — Der Teufel auch! Nie 
mand konnte ihn zwingen, es mit anzusehen, wie Leonie sich 
von dem ivildfrcmden Lümmel, den sie aus dem Wasser ge 
zogen hatte, anhimmeln ließ und dankbar wie ein Backfisch, 
dem zum erstenmal in seinem Leben die Cour geschnitten 
wird, zurückhiuimclte. 
Es kam ihm gerade recht, daß sich jetzt in diesem Augen 
blick ein paar Ruderboote, deren Insassen das Unglück von 
weitem mit angesehen hatten, längsscit der „Leonic" legten. 
„Ist er ertrunken?" riesen die aufgeregten Leute. 
Dr. Schröder winkte mit beiden Händen ab. 
„Alles in Ordnung! — Wir haben ihn schon 'raus . . er 
lebt. Jungs!" rief er ein paar halbwüchsige Burschen an, 
die in einem der Boote saßen und neugierig hcrüberglotzten. 
„Holt doch den Skuller ein, der da unten treibt! Wenn Ihr 
ihn samt den Riemen nach dem Seglerschlößchcn bringt, kriegt 
Ihr 'n Dhaler!" 
„Hurra!" schrien die Burschen und legten sich in die 
Ruder, daß das Boot rasch davon schoß. 
Die übrig bleibenden Fahrzeuge drängten sich nun nock- 
näher an die „Leonie" heran. Allerlei neugierige und ulkhaftc 
Ausrufe schollen aus ihnen herüber. 
„Da is er ja, der Verunglückte. Der Iroße, der so 
pitschenaß is!" 
„Dat Mächen mit die schwarze Haare hat'n ransjcholt. ." 
„Gott, wie interessant . . .!" 
„Du ahnst cs nicht! — Nu kriegt bet Mächen die 
Rettnngsmedalljc " 
„Und er wahrscheinlich 's Hauskreuz." 
Hofer, von dem die Schwäche allmählich gewichen war, 
geriet bei den schnoddrigen Redensarten und Späßen in solche 
Wut, daß er am liebsten die Kömmandogeivalt über das 
Segelschiff an sich gerissen hätte, um den Kanocs eine regel 
rechte Seeschlacht zu liefern, und womöglich ein paar von 
ihnen in den Grund zu bohren. Er kannte eben als Fremder 
die Berliner Ungenierthcit noch nicht, die überall, wo es 
was zu gaffen und zu ivitzeln giebt, gafft und witzelt, ohne 
Rücksicht darauf, wie peinlich das den Betroffenen ist. 
Desto besser wußte Dr. Schröder mit dem Charakter 
seiner Landsleute Bescheid. Er wußte ganz genau, das dem, 
der von ihm angeulkt ivird, nichts dringender anzuraten ist, 
als völliges Ignorieren der Spötter und schlennigster 
Rückzug. (Forlse-mig folgt.) 
U K 
Negalta in Grünau: Achter nrik Vegleik-Danixfer und Sr. M. Alexandra.
        
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