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Periodical volume Sonnabend, 16. Juni 1900 Nr, 24

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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„Ei sich, das Jungferchen schämt sich!" rief er ans. 
„Ein Frairengewand ja, Herr Herzog, es ist nur ein 
einziges Wciblein auf meiner Burg, die Wittib des Kastellans, 
und sie zählt an die Neunzig, und ob ihre Gewandung dem 
Fräulein paßt — ich weiß es nicht recht! Auch trägt sie nicht 
italische Seide, die Alte, jchindennoch Demut thut gut, und 
eine Schmach haftet auch 'nem linnenen Nöcklein nicht an!" 
„So führet das Fräulein zu ihr," befahl Swantibor, 
„und höret, mein Alter, ich will nicht, daß der Sydow ein 
Leids geschieht! Nur hüten sollt Ihr sie mir; ich weiß, daß 
ich mich auf Euch verlassen kaun! . . Jetzt aber die Humpen 
gefüllt und tragt auf, was man in der Küche bereitet hat! 
Und die Sackpfcifer her — wir wollen nns ein Liedlein 
spielen lassen, indes wir schmausen und zechen!" . . 
Also geschah es. Dietloff sah, daß die Mannen Wcllfrede 
aus der Halle führten. Es schnitt ihm durchs Herz; ihm 
ivar weh zu Mut, und er wußte doch nicht weshalb. Er 
setzte sich ganz unten an die Tafel, war still und in sich 
gekehrt. Es wollte ihm nicht aus dem Sinn, das; Wcllfrede 
das Mordmesser wider ihn gezückt hatte. So haßte sie ihn! — 
* * 
* 
Bis in den dämmernden Morgen hinein währte das 
Tafeln auf Torgelow. Swantibor pokuliertc gewaltig, ivar 
er einmal im Zuge, und der alle grimmige Hase that es ihm 
gleich. Die Sackpfeifer spielten, und die Herren sangen aller 
hand tolle und wilde Lieder oder erzählten von ihren Kricgs- 
aventiuren. Als das Frührot durch die Fenster lugte, lag 
mancher schnarchend unter dem Tisch. Dietloff hatte sich 
längst heimlich entfernt. Es drängte ihn, sich nach dem 
Geschick Wellfredes zu erkunden. Lilas er hörte, beruhigte 
ihn. Die alte Zista, das Kastellansweib, hatte sich liebevoll 
der Gefangenen angenommen. Wellfrede schlief. 
Zur Mittagszeit zog Herzog Swantibor mit Bertram 
Hase wieder davon. Aber eine Besatzung blieb in Neu- 
Torgelow zurück. Das Schloß sollte künftighin den Wall 
gegen die Neumärker bilden. Auch weiteren Fang plante 
man. Es war Swantibor Ernst, mit eiserner Faust die 
störrischen Vasallen zu züchtigen. 
Dietloff ivar glücklich, daß auch er in der Fcsie ver 
bleiben durfte. Er fürchtete, Ritter Hase werde wenig ge 
bührlich mit seiner schönen Gefangenen ninspringen; doch 
hielt der Junker die Augen offen, so konnte ihr nichts ge 
schehen. 
Tagsüber hörte man nichts von ihr. Sie blieb oben in 
ihrem einsamen Burgzinimer und nahm, . wie die Zista er 
zählte, nur kärgliche Nahrung zu sich. Sie that nichts, als 
saß auf der Steinbank in der tief eingeschnittenen Fensternische 
und starrte in den grünen Wald hinein. Starrte in das 
Grün hinein und harrte auf die Ihrigen: den Vater, dem 
das Herz bangen mußte, und der sicher nicht zögern würde, 
die Wrcechs und Schönebecks und die von der Osten und 
wer noch über der Rörickc wohnte, das ganz Gcsipp und die 
ganze Freundschaft, zusammen zu rufen und mit starker Ge 
folgschaft auszuziehen, das Töchtcrchen zu befreien. Doch 
verrann Tag auf Tag, und es kam keine Hilfe in Sicht. 
Swantibor hatte einen Unterhändler nach Mosow geschickt und 
den Sydows sagen lassen, so lange werde man das Fräulein 
Wellfrede in Haft behalten, bis die Neumärker dem Herzog 
zurückgezahlt hätten, was sic als Darlehen empfangen, und 
bis sie beim Kreuze beschivvrcn, Frieden zu halten, fünfzehn 
Jahre vom Tage des Schwurs ab. 
Wellfrede wurde es bange in ihrer Einsamkeit, und auch 
die graue Langeweile spann sich verdüsternd um ihr Gemüt. 
Auf der väterlichen Burg liebte man die Abwechslung. Da 
gab cs allzeit ein buntes Treiben; viel Gäste kehrten ein, 
auch fahrende Sänger und Spieler und zuweilen ein Mönch, 
der aus dem Morgenland« kam und gar Herrliches zu er 
zählen wußte von den heiligen Stätten und Kämpfen um 
Palästina. Oder der Burgpfaff verlas aus alten Hand 
schriften, die er in seiner Zelle übersetzte, schöne Gedichte zum 
Lobe der Frauen und edler Rittertugend zu Ehren — oder 
man ritt hinaus in den Wald zu Hatz, Birsche und Balz, 
oder im Hof gab es ein Ringclstcchen und eine Turnei auf 
grünem Wieseuplan. 
Nun aber war Wellfrede allein, ganz allein mit ihren 
Gedanken. Das war ihr so recht noch nimmer geschehen, 
und zumal mit ernsterem Denken hatte sic sich niemals ge 
plagt. So war auch in den ersten Tagen ihrer Gefangenschaft 
nichts von Ernst über sie gekommen, sondern nur Grimm und 
Aerger hatten in ihrem Herzen gewütet. Wie hatten die 
Pommcrschen ihre Hoffart geduckt! Gift und Tod über den 
rolln Greifen! Und wie hatte der Dietloff Schwerin sich ge 
rächt! Alles Blut quoll Wellfrede zum Herzen, dachte sie an 
die Schmach. Sie dachte weiter. Auch in Mosow gab es 
einen „feuchten Turm" wie auf der Torgelowcr Feste. Da 
hingen Ketten herab von der Höhe, in die man ehemals die 
Gefangenen schloß, und unten floß schmutziges Wasser vorüber, 
darin lebten Schlangen und Kröten und viel ekles Gewürm. 
Auch der Junker Schwerin sollte in dem Krötenturm beten 
lernen — und sie, Wellfrede, wollte von oben hiueinlugeu 
und ihm zurufen: „Fcin-Dietloff, komme zum Tanz, komme! 
Lautenschlüger sind da, die spielen uns aus, und wie hell 
lacht die Souuc! Oder fühlst Du Dich wohler da uutcu im 
Kühlen?! . ." 
Höhnen wollte sie ihn — wenn sie ihn erst hatte! Ja — 
wenn sie hatte! Wo blieben die Reisige der Sydowschen und 
der Wrcechs? Ach, sie kamen nicht, und die Tage wurden 
grauer und grauer, uud die Zista wußte nichts anderes zu 
erzählen, als langweilige Geschichten aus der Jugend des 
Ritters Hase, jener Zeit, da das alte Slavengeschlecht der 
Sagenz noch blühte auf Neuen-Torgelow, bis der schwarze 
Tod herüberkam aus dem nioskowitischen Reich und auf 
räumte und keiner übrig blieb außer Jung-Bertram. .. Was 
kümmerte Wellfrede das Geschick dieser Stegreifritter! Sie saß 
am Fenster und saß unthätig da und sehnte sich hinaus in 
den Wald und nach dem Klang des Jägerhorns. Wo blieben 
die Slidowschen? . . . 
Wo blieben die Sydoivschcu? Nun wo blieb Dietloff 
Schwerin, so fügte sie heimlich fragend hinzu. Sic haßte 
ihn grundtief, aber hätte er sich einmal umgeschaut nach 
ihr — es wäre ihr schon eine Abwechslung gewesen, sein 
glattes Milchgesicht zu sehen und ihm zu zeigen, daß sie ihn 
noch immer verlache. Doch Dietloff hielt sich zurück. Wohl 
kam es ihni zuiveilen zu Sinn, bei Wellfrede anzufragen, 
ob sie nicht zur Mittagszeit ein Stündchen im Burggarten 
verweilen wolle, sich an Sonne uud Licht zu erfreuen; aber 
er fürchtete eine spöttische Antwort, und das Herz war ihm 
schon schwer genug. 
Da kam 'ein Tag, an dem Wellfrede vom Walde her 
den Ton des elfenbeinernen Jagdhorns hörte. Der Herzog 
jagte wieder einmal — nur das Elfenbeinerne klang so schrill 
und weithin durch die Buchenforst. Aber nicht Swantibor 
selbst war es, sondern Prinz Kasimir, des Herzogs ältester 
Sohn, der sich im Holz erlustierte. Und brachte ein Vöglein 
mit, das in seinen hänfenen Stricken gar jammervoll piepste 
und schrie: Jochen Wrech, den dicken Junker aus Bartlow, 
den mau am Finkenherd überrascht hatte und als will- 
kommeuc Beute mit nach Torgelow nahm. 
Unten in der großen Halle, wo die Elenköpfc von der 
Wand schauten, gab cs wieder ein großes Geschmause, und
        
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