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Periodical volume Sonnabend, 2. Juni 1900 Nr, 22

Full text: Der Bär Issue 26.1900

Zur Geschichte der Berliner Pferderennen. 
» ie gegenwärtig heiß umstrittene höhere Besteuerung des Tvtali- 
sators und Unterdrückung der Wettbureans geben Veranlassung 
zu einem Rückblick ans die früheren Berliner Renne». Bereits 
zur Zeit des Kurfürsten Johann (Cicero) fanden neben Jagden 
und Turnieren bei Hofe, an denen die Bürger als Zuschauer sich 
ergötzten, auch die nachweisbaren ersten Pferderennen statt. 
So erließ der damals in Arnebnrg (in der Altmark) ver 
weilende Kurfürst am Dienstag nach Jubilate (22. April) 1494 
eine Verordnung an den Rat von Berlin und Kölln, die in 
der Uebertragung ivörtlich lautet: „Lieben Getreuen. Euer 
Schreyben haben wir vormerkt, und ist unsere Meinung, daß die 
Ausschreiben an die von Leipzig und anderswo von denen zu 
Berlin und Kölln geschehen,' doch daß die von Berlin das 
Rennen der Pferde zu Berlin halten." 
Ein weiteres über diese Rennen ist uns nicht überliefert worden. 
Erst ans der Zeit des prnnkliebenden Kurfürsten Joachims II., 
an dessen Hoflager glänzende Feste einander jagten, wird uns 
ausführlichere Kunde von den Wettrennen, die alljährlich am 
Frohnleichnamstagc stattfanden, und bei denen Edelleute sowohl 
wie Bürger als Preisbewerber auftraten. Der erste, der auf 
seinem flüchtigen Rosse das Ziel erreichte, erhielt als Preis einen 
mit bunte» Bänder» und Blumen festlich geschuiiickten Ochsen, der 
zweite ein Schwert,' der dritte aber zog zum großen Jubel der 
Znschauer mit dem unästhetischen Gewinn eines — Schweines 
von dannen. 
Auch Freindcn war es gestattet, an den Wettrennen als 
Mitwirkende sich zu beteiligen, und oftmals sollen Polen ans 
ibren flinken Pferden, zum großen Verdruß der Berliner, den 
Sieg davon getragen haben. 
Bis zum Jahre 1791 liegen keine weiteren Nachrichten vor. 
An einem Juli-Vormittage jenes Jahres fand das Rennen ge 
legentlich der in Berlin erfolgten Vermählung des Herzogs 
von Jork mit der Prinzessin Friederike von Preußen statt, 
und zwar auf dem Manöver (Tempclhofer-) Felde. Als Sieger 
in diesem „Englischen Vergnügen" gingen Graf Medem von den 
Gardedncorps und die Leutnants v. Schack und v. Alvensleben 
vom Regiment Gensdarmes hervor. Die Volksmenge jubelte ihnen 
zu, während die englischen Offiziere ausgepfiffen wurden. 
Dann erst geschieht im Jahre 1830 der „Lustbarkeit" des 
Pferderennens wieder Erwähnung, nachdem durch Kabinettsordre 
vom 30. Juni 1828 der mit Korporationsrechtcn ausgestattete 
„Verein für Pferdezucht und -Dressur" unter dem Protektorat des 
Königs ins Leben getreten war. Die Mitglieder bestanden 
größtenteils aus Gutsbesitzern, Militärs und Zivilbeamten oder 
solchen Privatpersonen, die mit der Neigung für diesen Zweig in 
ländischer Kultur zugleich die Mittel verbanden, thätig für ihn 
wirken zu können. 
An dieser „Lustbarkeit", die sich den beiden Hanptfesten 
des Stralaner Fischznges und des Schützenplatzes anschloß, 
nahmen der König und sein Hof, der hohe Adel und alle die 
jenigen Privatpersonen teil, die „bei jenem Hauptzweck 
ein Interesse hatten". Dabei fand, wie es weiter heißt, die 
Beobachtung aller derjenigen Gebräuche statt, die bei solchen Fest 
lichkeiten herkömmlich sind — jedenfalls noch mit Ausschluß der 
heutigen „Buchmacher" Das „Volk" verhielt sich mehr passiv, 
weil die Teilnahme an de» Rennen mit Kosten verknüpft war. 
Anfänglich befand sich der Rennplatz auf dem Terrain des 
Ritterguts Lichterfelde. Von dort erfolgte 1835 seine Verlegung 
nach dem zwischen der Chaussee und der Potsdamer Eisenbahn 
sich ausbreitenden Teile des Tempelhofcr Feldes, woselbst all 
jährlich zur Wollmarktszeit, im Juni, die Vereinsrennen veran 
staltet wurden. 
Mit dem Entstehen der Anhalter Bahn im Jahre 1840, 
fanden die Rennen, denen sich „Banern-Rennen" (zu Fuß) an 
schlossen, auf'dem östlichen Teile des Feldes bis zum Jahre 1867 
statt. In demselben Jahr erfolgte die Auflösung des Vereins, 
dessen Mitglieder in den „Unionsklnb" übertraten. Darauf.wurden 
die Rennen nach Hoppegartcn verlegt. F. Meyer. 
Kunst und Wissenschaft. 
J3ns den Kunstsalons. 
|VV7mt kann in den Bestrebungen der ernst zu nehmenden Amatenr- 
Photographen seit ein paar Jahren eifrige Anstrengungen 
verfolgen, in den Aufgaben, die sie sich stellen, mit den von der 
zeitgenössische» Malerei behandelten zu rivalisieren. Richt mir, daß 
man dieselben Motive auf die lichtempfindliche Platte zu bannen 
sucht, man giebt sich auch die höchste Mühe, durch Anwendung von 
grobgekörnteil Papieren, durch Kopieren in alle», möglichen, oft 
sehr diskreten Farbtönen den Begriff der Photographie an sich zu 
verwischen und durch technische Kunststücke und Künsteleien, 
Retonchcn und Abdeckungen beim Druck zu erzielen, daß das ge 
wonnene Resultat nicht mehr aussieht wie ein Erzeugnis der 
mechanischen Lichtkamcra, sondern wie ein von Küustlerhand ge 
schaffenes Zeichnnngs- oder Schwarz-Weiß-Blatt. Auf der photo 
graphischen Ausstellung im Akadeniiegebäude vor Jahresfrist hat 
man schon eine Fülle staunenswerter Versuche in der Richtung zu 
bewundern Gelegenheit gehabt, und gegenwärtig sind im Salon 
Schulte wieder eine ganze Anzahl höchst gelungener Blätter dieser 
Art von Hugo Henneberg, Hans Watzek, Heinrich Kühn 
(Innsbruck) ansgestellt. Sie sind vermittels des sogenannten 
Gnmmidrnckverfahrens hergestellt. Was sofort auffällt, ist die 
Imitation der Malermotive und auch der Stileigentnmlichkeiten 
unserer Maler. Da sehen wir bald einen Liebermann, bald einen 
Dill u. s. w. So behalten die Blätter fast immer das Peinliche 
des von der Imitation ja nie zu überwindenden Unterschiedes mit 
dem Original. Einen Schritt vorwärts können diese Be 
strebungen erst kommen, wen» jemand diese mechanischen Mittel 
anwendet und mit ihnen auf eigene Art den für jedes einzelne 
geeigneten Motiven in der Natur ans den Leib rückt.. Damit 
würde dann die Photographie zu einer selbständig künstlerischen 
Technik erhoben sein. Daß das möglich ist, soll uns aber erst 
noch durch die That bewiesen werden. 
Die übrigen, gleichzeitig bei Schulte ausgestellten Werke sind 
nur zum geringsten Teil erfreulich. Drei Zügel-Schüler, Hans 
von Hayek, E. Hegenbarth und Schramm-Zittau zeige», wie 
eifrig sie ihren Meister und seine Art kopieren. Leo Lamberger 
scheint nun absolut in seiner Manier erstarrt zu sein) Meyer- 
Cassels Arbeiten zeugen zwar von einer starken künstlerischen 
Begabung, haben aber leider oft eine störend dilettantische Mache. 
Sehr schön sind die intimen landschaftlichen Bilder von Olaf 
Ternberg (Düsseldorf), während die Porträts von Klein- 
Chevalier bei aller Bravour der Mache etwas oberflächlich in 
der Auffassung und unfein in der Farbe wirken. Smith-Haid, 
den man solange für einen ernsten Künstler zu nehmen gewöhnt 
war, hat einen ganzen Saal voll schlimmster Vcrkaufsware aus 
gestellt. 
Bei Keller und Reiner kommt endlich — nach seinem Tode — 
ein deutscher Maler zum Wort, den man bei Lebzeiten kaum ge 
kannt hat: Louis Eysen (Meran). Er stammt aus jenem 
Frankfurter Künstlerkreis ans der Mitte des 19. Jahrhunderts, 
dem Viktor Müller, Schreyer, Tentwart Schmitson, auch 
Thoma angehören. Der letztere hat sich auch den Dank der 
deutschen Kunstwelt verdient, dadurch, daß er Eysens Werke nun 
mehr an die Oeffentlichkeit gebracht hat. Die Ausstellung läßt uns 
einen Künstler sehen von höchsten Qualitäten, dessen Herz bei den 
intimsten Regungen der Natur mit sang, und dessen Hand auch 
wiederzugeben vermochte, was sein Herz fühlte. Einzelne der 
Stimmnngstandschaften ans seiner Tyroler Heimat gehöre» znm 
intimsten und stärksten, das die Landschaftsmalerei hervorgebracht 
hat, und unter seinen Porträts sind einige von einer Wucht und 
Auffassung und von einer breiten Sicherheit der Malerei, wie sie 
nur ein großer Meister schafft. 
Die Tonkünstlerversammlung in Bremen. 
S ls vor mehr denn Jahresfrist das große Preisausschreiben 
des „Allgemeinen Deutschen Musikvereins" der Oeffentlichkeit 
übergeben wurde, da rüsteten sich die Komponisten Deutschlands 
zu ernstem, mutigem Kampf. Nicht in erster Linie der Preis 
von 1000 Mark, die Ehre und Auszeichnung, von dem hohen Rat 
der Mnsikergemeinde selbst als Sieger erkürt zu werden, bildete 
vor allem den Ansporn, der unseren Tondichtern die Feder in die 
Hand drückte, um iu schwarzen Rotenköpfen zu dichten und zu 
malen. Die Höhe der beanspruchten Leistung mußte natürlich den 
Bewerberkreis auf die tüchtigsten beschränken: ein sinfonisches 
Werk für Orchester ist nicht die Sache jedes Lied-Erfinders oder 
Männerchorerzengers. Ein ganzer Man«, ein Bollblutmnsikcr 
gehört dazu. Immerhin liefen 31 Bewerbungen ein, von denen 6 
in die engere Wahl gezogen wurden. Die Mehrzahl der Stimmen 
vereinigte sich auf eine „Dramatische Phantasie" mit dem Kenn 
wort: Beethoven. Philipp Scharwenka, der rühmlich bekannte 
Komponist und Direktor des seinen Namen tragenden Konser 
vatoriums war der preis- und rnhmgekrönte Lieger. Der „Allge 
meine Deutsche Mnsikvercin" beeilte sich, das durch seine Wahl 
ausgezeichnete Werk auf das Programm der diesjährigen Ton- 
künstlerversammlnng zu setzen, die vom 23. bis 27. Mai in der 
freien Reichs- und Handelsstadt Bremen tagte. Scharwenkas 
„Dramatische Phantasie" bildete gleichsam den Mittelpunkt, um 
dessen Kern sich die zahlreichen dort gebotenen Musikgeniisse 
kristallisierten. 
Die Modernen hatten das Wort. Beethoven, Liszt, Wagner 
und Brahms gaben dem ganzen die Weibe) sie sollten den un 
verrückbaren Maßstab andeuten, an dem die Leistungen der Zeit 
genossen .sich messen. Unter diesen hat Richard Strauß durch 
seine kraftvolle Eigenart sich wohl den größten Verehrerkreis 
erworben; selbst den Gegnern seiner Kunstanschauung weiß er zu 
imponieren. Sein letztes großes Orchestermerk „Ein Heldcnleben"
        
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