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Periodical volume Sonnabend, 2. Juni 1900 Nr, 22

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Roman aus dem Stubcntcnlcben von 0. Engen Thossan. 
(ecfjdig.) 
ödcring hatte bett Stuhl mitsamt dem Korpsstudenten in 
die Höhe gehoben und ivieder niedergeschmettert. Der 
Stuhl streckte alle Viere von sich, und der Korps 
student wälzte sich am Boden. Seine Begleiter sprangen auf. 
Maybnum riß Dödering am Arme zurück — da stand auch 
der Wirt schon zwischen den Parteien und sagte mit der Ruhe 
eines an solche Zwischenfälle gewöhnten Menschen: „Meine 
Herren, ich bitte, verlassen Sie das Lokal." 
Aus der Gruppe drüben löste sich einer los, um 
herüber zu kommen. Dödering hatte seine Karte schon her 
vorgezogen und reichte sie hin. Dann schritt er ans seine 
Nische los und ließ sich auf dem Divan von Plüsch nieder. 
Der Wirt kam hinterdrein und wollte seine Aufforderung 
wiederholen. Dödering sah ihn mit einem Blick an wie ein 
ivütcnder Stier. 
„Wenn Sic noch ein Wort sagen, schlage ich das ganze 
Lokal kurz und klein." 
Der Wirt wußte nicht, was er anfangen sollte. Die 
Korpsstudenten zögerten noch eine kleine Weile. Sic hatten 
nicht Lust, das Feld zu räumen. Aber der Zustand des 
Hingeschmettcrten zwang sie schließlich, nachzugeben. Der war 
wie betäubt, konnte sich nicht aufrecht erhalten und faßte 
immerzu nach seinem Kopf, als ob die Erschütterung ihm da 
oben mitgespielt hätte. 
Als sic draußen waren, wandte sich Maybaum zu 
Dödering. „Du, das ivird bös." 
„Pistolen," sagte Dödering gelassen. 
Am folgenden Vormittag hatte Maybaum keine Ruhe bei 
der Arbeit. Er mußte hinaus, nach Dödering sehen. Der 
war schon weggegangen, um bei den Westfalen Waffen zu 
belegen. Ani Nachmittag ivar's ebenso, Dödering nicht zu 
erhaschen. Die Vernehmung vor dem Ehrengericht, und was 
sonst noch drum und dran hing, das nahm ihn vollständig 
in Anspruch. Erst gegen abend glückte es Maybaum, ihn 
zu treffen, nachdem er ihm über eine Stunde vor seiner 
Wohnung aufgelauert hatte. 
„Nun, ivas ivird's?" 
„Morgen noch nicht. Es sind allerlei Schwierigkeiten 
da aufgetaucht. Die Kerle machen einen Umstand uni so ein 
bißchen Piss paff — nicht zu glauben. Aber höchstwahr 
scheinlich übermorgen, früh sechs Uhr, in der Heide." 
Mehr war nicht ans ihm herauszukriegen. Er that eilig 
und zerstreut, so daß Maybaum ihn laufen ließ. 
Des Abends in der Parole kein anderes Gespräch, die 
Nacht hindurch unruhiger Schlaf, wirre Träume — Maybaum 
wunderte sich beinahe selbst, daß ihn die Sache so beschäftigte. 
Der nächste Tag war nicht viel besser. Gegen mittag kani 
Dödering zu ihm auf die Bude. Er zog einen Blies aus 
der Tasche. 
„Ich habe hier ein paar Zeilen an meine Alten ge 
schrieben, für alle Fälle. Willst Dil so gut sein?" 
Maybaum nahm den Brief. „Also morgen?" 
„Morgen um sechs." Er war nicht ini mindesten erregt, 
wenigstens nicht ängstlich erregt. Nur abivesend schien er 
Maybaum zu sein, als ob seine Gedanken ganz ivo anders 
spazieren gingen. 
„Sag mal —" fragte Maybaum zögernd, „wirst Du auf 
ihn schießen?" 
„Ach! — Wie meinst Du? — Ist ja dummes Zeug. 
Ich habe noch gar nicht daran gedacht." 
„Hm! — Und sonst hast Du nichts mehr —?" 
„Nee. — Ist ja Humbug, die ganze Geschichte. Unter 
hundert Pistolenkisten koinmt bei einer einzigen was heraus." 
Er ging ivieder. 
Für Maybaum leierte sich der Tag träge ab. 
Früh fuhr er mit einenimal im Bett hoch und griff nach 
seiner Uhr. — In zehn Minuten sechs. — Nun ging die 
Knallerei gleich los. Bis acht zwang er sich, liegen zu 
bleiben. Dann hielt cr's nicht mehr aus. Um nenn wußte 
er, daß Dödering nichts passiert war. Er war heimgekommen, 
aber sofort wieder auf und davon. Nur den schwarzen Nock 
hatte er abgelegt. Am Nachmittag begegneten sie sich in der 
Stadt, Dödering von seiner heiligen Schar umgeben. Er 
kam für einen Augenblick heran. 
„Nun, ivie ivar's?" 
„Nichts ivar's. Wir sind zwei Stunden in der Heide 
spazieren gefahren." 
„Nanu?" 
„Ja. Die Polizei war da. Nichts zu machen. Mußte 
Wind bekommen haben." 
„Und was wird nun?" 
„Na, die Sache wird aufgeschoben, acht Tage vielleicht. 
Bis die Herren sich beruhigt haben. Dann versuchen wir's 
noch einnial." — 
In diesen acht Tagen war Dödering noch einmal in 
aller Mund. Er hatte wieder einen verrückten Streich gemacht. 
Frau Wilke, die Pfandlciherin, die wahrscheinlich seit ewigen 
Zeiten keine Zinsen bekonimen hatte, war schivicrig geworden. 
Aus Rache hatte Dödering in den Korridoren der Universität 
das Gerücht verbreitet, der Universitätsrichter wäre plötzlich bei 
der Psandlciherin erschienen und hätte zwei Kommodcnkästcn 
voll Tcsticrbücher beschlagnahmt. Diese Testierbücher waren 
kleine blaue Heftchen, in die jeder Student die von ihm 
belegten Vorlesungen einzutragen hatte; am Schluffe des 
Semesters bescheinigten dann die Professoren dahinter den 
Besuch. Die Heftchen wurden von der Univcrsitätsbehördc 
umsonst verabfolgt, mit der Maßgabe jedoch, daß bei 
etivaigem Verlust für ein zweites Exemplar zwanzig Mark 
zu entrichten wären. Durch diese Bestimmung erlangten die 
unscheinbaren Hefte einen Wert, den sie sonst nie erlangt 
haben würden, den Wert eines Versatzstücks nämlich. Es 
ging die Sage, in den Kommodcnkästcn der Mutter Wilke 
ruhten zwölfhundert solcher Büchlein, die nur zum Testieren 
abgeholt und alsbald wiedergebracht würden. Die Uni 
versität zählte etwa vierzehnhundert akademische Bürger. Die 
fehlenden zweihundert sollten ausschließlich Landwirte sein,
        
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