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Periodical volume Sonnabend, 2. Juni 1900 Nr, 22

Full text: Der Bär Issue 26.1900

Bühnengesetze. Wohl werden Entschädigungen an die Darsteller 
gezahlt, aber diese betrugen während der letzten Spielzeit nur 
240 000 Mark, während der Rest des Gesamtertrages von 
700 000 Mark statutengemäß für Gemeindezwecke verwendet wurde. 
Das Spicljahr 1900 hat manche Wandlung nicht nur i» der 
äußeren Ausstattung, sondern auch in der Rollenbesetzung gebracht. 
Das heilige Abendmahl. 
Die Oberleitung ist dieselbe geblieben. Den Christus spielt Anton 
Lang, während der bisherige Darsteller Josef Mayer den Prolog 
spricht. Die Maria hat Anna Flnnger übernommen, eine Enkelin 
des Christusspielers vom Jahre 1850. Die Zahl aller Mit 
wirkenden beträgt 564, mit den Musikern ilnd sonstigen An 
gestellten 685. Die Eröffnungsvorstellung fand am 24. Mai statt. 
Wiederholt wird das Spiel am 27. Mai; 4., 10., 16., 17., 24. 
und 29. Juni; 1., 8., 15., 18., 22., 29. Juli; 5., 8., 12., 15., 
19., 25., 26. August; 2., 8., 9., 16., 23., 30. September. 
Am Morgen des Himmclfahrttages verkündeten Kanonendonner 
und Glockengeläut den Anbruch des ersten Festspieltages. In 
Scharen strömen die aus aller Herren Länder herbeigeeilten Zu 
schauer dem Bühnenhanse zu, das ihnen durch siebzehn, mit 
religiösen Malereien nach Schnorrschen Motiven geschmückte Pforten 
Eingang gewährt. Etwa 4000 Per 
sonen füllen die mächtige Halle. Hinter 
der Szene ragen durch den offenen 
Chorraum sichtbar die schneebedeckten 
Berge herein, ein wunderbar stim 
mungsvoller Hintergrund, der die 
Handlung unmittelbar in die freie 
Natur zu versetzen scheint. 
Mit dem Glockenschlag acht tritt 
der Chor ans den Seitenpforten her 
aus, und die einladenden Worte er 
tönen: „Wirf zum heiligsten Staunen 
dich nieder, von Gottes Fluch ge 
beugtes Geschlecht!" Sie werden von 
dem bisherigen Christusdarsteller ge 
sprochen. Mit seinem herabwällenden 
weißen Bart, in prächtige Gewänder 
gekleidet, einen goldenen Stab in der 
Hand, erinnert er an die Chorführer 
der antiken Tragödie. Der Vorhang 
erhebt sich über dem ersten lebenden 
Bilde: „Die Vertreibung ans dem 
Paradies", dem unmittelbar darauf 
die „Krenzanbetnng der Engel folgt"; 
dann senkt er sich, und der Chor 
verschwindet mit den Strophen: 
„Folget dem Versöhner nun zur Seite, 
Bis er seinen rauhen Dornenpfad 
Durchgelaufen und in heißem Streite 
Blutend für uns ausgekämpfet hat." 
Gang nach Jerusalem, das heilige Abendmahl, den Verrat und 
die Szene am Oelberg darstellend, spielt sich die erste Abteilung 
des Festspiels ab. Jeder Vorstellung entsprechen Parabelszenen 
ans dem alte» Testament, die sich in lebendiger Weise verkörpern: 
die Söhne Jakobs, den Verrat an Joseph planend, der Abschied 
des Tobias, das Hohe Lied Salomonis, die Verstoßung der 
Vasthi, der Mannaregen, der 
Verkauf Josephs, Adam im 
Schweiße seines Angesichts sein 
Brot essend, die Ermordung des 
Amasa durch Joab. Immer mehr 
wird man unter den Bann an 
dächtiger Empfindungen ge 
zwungen. Still drängt sich die 
Menge um 12UhrzurErholu»gs- 
panse ans den Thoren und ver 
liert sich in den Gassen des Dorfes. 
Ilm iy s 11 hr beginnt die zweite 
Abteilung, die Vorgänge von der 
Gefangennahme bis zum Urteil 
umfassend: Jesus vor Hannas, 
Kaiphas, Pilatus und Herodes, 
die Verzweiflung des Judas, die 
Geißelung und Dornenkrönung 
und die Verurteilung. Als sym 
bolische alttestamentarische Bilder 
werden Raboths Verurteilung, 
Kain, Daniel in der Löwengrube- 
Jakob, Josephs blutgetränkter 
Rock, Joseph als Landesvatcr, 
Moses im Gebet dargestellt. 
Dann beginnt der Schlußakt der 
Tragödie der Menschenerlösnng: 
der Kreuzweg, Golgatha, die 
Grablegung und die Auferstehung, von den Parabelszenen der 
Jsaakopfers und der ehernen Schlange begleitet. Der Chor tritt 
in schwarzem Gewand, schwarze Kreuze an der Stirn auf. Hinter 
der Szene vernimmt man die Hammerschläge der Krenznagelnng. 
Ein banger Schauder geht durch die Menge, und Golgatha mit 
allen seinen Schrecken steht vor unseren Augen. Das Haupt des 
Heilands neigt sich: „Es ist vollbracht". Ein Donnerrollen, der 
Stein sinkt vom Grabe, und der Erlöser schwebt, von goldigem 
Glanze nmwoben, unter dem Halleluja des Chors gen Himmel. 
Als das Festspiel begann, hingen schwere Nebelschleier an den 
Berghängen herab. Im Laufe des Nachmittags zogen sie sich 
langsam an den Felsen hinauf, und am Schluß der Vorstellung 
ergoß die Sonne ihre ganze Strahleiiflut durch die Oesfnnng über 
dem Proscenium herab, alles wie mit einem Glorienschein umziehend. 
Ctzrrgr Himmelfahrt. 
Hofiannarufen ertönt hinter der Szene: Kinder nahen, Palm 
zweige tragend, eine bunte Volksmenge drängt durch die Thore 
herein, und Christus erscheint, ans einem Eselfüllen reitend. Anton 
Lang ist kleiner als sein Vorgänger Mayer, aber seine ebenmäßige 
Gestalt, sein edler Gesichtsansdruck und seine natürliche Dekla 
mation machen auch ihn zu einem berufenen Vertreter der Haupt 
rolle. In sieben Vorstellungen, den Einzug in Jerusalem, Aufzug des 
Hohen Rates, den Abschied von der Mutter Maria, den letzten 
Es sind unvergeßliche Eindrücke, die man ans Oberammerga» mit 
nimmt. UnserEmpfinden reinigt und klürtsich an einem schlichten Schau 
spiel, das sich als Ausfluß begeisterter Andacht darstellt. Für die Mit 
wirkenden handelt es sich um eine selbstlose Art des Gottesdienstes, 
dessen Weihe sich unmittelbar auf den Zuschauer überträgt. Man geht 
mit dem erhebenden Gefühl hinweg, daß in das Alltagsleben ein Un 
faßbares, Höheres hineinragt, zu dem von Zeit zu Zeit man hinauf 
schauen darf wie zu einem über das Irdische erhabenen Allerhciligstcn.
        
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