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Periodical volume Sonnabend, 13. Januar 1900 Nr, 2

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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da*+ rjicbt heilster). 
humoristische Erzählung 
(Fortsetzung.) 
wenn er kommt und mich fragt, so sage ich doch ja!" 
■Spv erwiderte Rosa von Potcn, eine neunzehnjährige, mittelgroße, 
schlanke Blondine, und ihre großen blauen Augen blitzten hell auf, 
„ich sage doch ja; denn von dem ganzen Gerede, daß er ein schlechter 
Mensch sein soll, glaube ich kein Wort; und wenn er nicht heiraten 
darf, so muß man Mitleid mit ihm haben und ihn nicht ungehört 
verurteilen und verdammen." 
Die verwitwete Exzellenz sah ihr einziges Kind entsetzt an: 
„Aber Rosa, ich verstehe Dich nicht, ich begreife Dich gar nicht, 
Du bist doch sonst ein so kluges und verständiges Mädchen. Ich 
muß sagen, das hätte ich nicht von Dir erwartet, ich hätte geglaubt, 
meine Erziehung hätte bessere Früchte getragen." 
Anstatt jeder Antwort zuckte Rosa nur mit den Achseln und 
schickte sich an, den auf einem großen Blumentisch stehenden Topf 
pflanzen Wasser zu geben. Jede ihrer Bewegungen war graziös 
von Freiherrn v. Schlicht. 
(Nachdruck verbotkn. 
„Wie ist cs, Rosa? Willst Du mich zur Stadt begleiten? 
Ich habe allerlei Besorgungen zu machen." 
Aber Rosa lehnte ab: „Laß mich zu Haus bleiben, Mama, 
ich möchte heute vormittag noch einige Briefe schreiben; auch denke 
ich, daß Blanche kommen wird, um wegen der lebenden Bilder, 
die wir bei ihren Eltern stellen sollen, Rücksprache zu nehmen." 
„Wie Du willst, mein Kind," gab die Mutter zur Antwort, 
„für mich aber wird es die höchste Zeit zum Gehen. Auf Wiedersehen." 
Eine Sekunde später war Rosa allein — sie ging in ihr 
Zimmer, um ihre Korrespondenz zu erledigen, aber schon, nachdem 
sie nur wenige Worte geschrieben, legte sie die Feder wieder bei 
Seite und gab sich ganz ihren Gedanken hin. 
Wen Herr von Becherer wohl als Vortänzerin wählen würde? 
Vielleicht Blanche? Sic war hübsch und reich, sehr reich — er 
hatte ihr im vorigen Jahr sehr den Hof gemacht, alle Welt hatte 
Dresden: Slallyof nt» kgl. Schloss. 
und zierlich, und voll zärtlicher Liebe ruhten die Blicke der Mutter 
auf ihrem Kinde. 
„Sei doch verständig Rosa, und nimm doch Vernunft an," 
bat sie, „daß Herr von Becherer gerade Dich bitten sollte, seine 
Dame zu sein, ist ja ganz ausgeschlossen; denn er ist nur ein 
einziges Mal bei uus im Haus gewesen, auch sonst bist Du nur 
wenig mit ihm in Berührung gekommen, und unsere Vermögens 
verhältnisse sind leider nicht derartig, daß Herr von Becherer hoffen 
könnte, sich durch Deine Mitgift zu arrangieren. Wer Dich einst 
heimführen will, muß in durchaus geregelten Verhältnissen leben, 
denn mehr als eine gute Aussteuer vermag ich Dir nicht zu geben, 
das weißt Du. Herr von Becherer denkt gar nicht an Dich, um 
so leichter müßte es Dir sein, Deinen Widerspruch aufzugeben." 
Rosa antivortete immer noch nicht, schon zum zweitenmal gab 
sie denselben Blumen Wasser und wendete der Mutter immer noch 
den Rücken — so sah diese nicht, wie während ihrer Worte die 
Farbe auf dem Gesicht ihrer Tochter wechselte, und wie sie sich 
gewalsam zwingen mußte, die Thränen zurückzuhalten. 
„Du magst recht habe», Mama," gab sie endlich zur Antwort, 
„Herr von Becherer denkt ja gar nicht an mich, wir kennen uns 
ja kaum." 
Für einen Moment flog ein unmerkliches Lächeln uni ihren Mund, 
dann fuhr sie fort: „Verzeih, wenn ich Dir widersprach — es ist ja 
zwecklos, daß wir uns über diesen Punkt streiten." 
Sie reichte der Mutter die Hand, und zärtlich küßte diese die 
Stirn ihres Kindes. 
geglaubt, daß sie sich verloben würden, aber mit einemmal war 
er, wie man zu sagen pflegt, abgeschwenkt. Sie erinnerte sich noch 
ganz genau des Abends — es war der Tag gewesen, an dem 
Becherer sich ihr hatte vorstellen lassen. Da hatte es plötzlich geheißen: 
er kümmert sich nicht mehr um Blanche, er muß zur Abwechselung 
einmal sein Herz wiedeik an eine andere verloren haben — aber 
darüber, wer diese andere war, zerbrachen sich alle vergebens den 
Kopf; denn er zeichnete an diesem Abend niemanden aus, keine 
einzige. Sic selbst hatte nur sehr wenig mit ihm gesprochen, 
kaum fünf Minuten hatten sie über ganz gleichgiltige, nichts 
sagende Dinge zusammen geplaudert, dann hatten sie sich verabschiedet, 
um sich erst nach vierzehn Tagen wiederzusehen. Er war ihr Tisch- 
herr, und noch nie hatte sie sich während der Tafel so gut unterhalten. 
Zuerst — ja da allerdings war er schrecklich gewesen, der 
richtige schnarrende, eingebildete Leutnant, dem auf der ganzen 
Welt weiter nichts imponiert als sei» eigenes „Ich" und verwun 
dert hatte sie sich gefragt: „Was haben die Freundinnen nur au 
ihm, daß sie mich um die Ehre beneiden, neben ihm zu sitzen, daß 
sie sich die Augen nach ihm ausgucken und sich alle der Reihe nach 
in ihn verlieben? Mir könnte er nie gefährlich werden." 
Aber kaum hatte sie das gedacht, da hatte er seine Maske 
fallen lassen und zu ihr, halb lachend halb ernsthaft, geäußert: 
„Ich glaube, ich muß, um nicht ganz in Ungnade bei Ihnen 
zu fallen, mich so geben, wie ich von Haus aus bin — ziehen wir 
also einmal, natürlich nur bildlich gesprochen, für heute Abend den 
Leutnant aus und seien wir nur Mensch." (Fortsetzung folgt.)
        
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