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Periodical volume Sonnabend, 26. Mai 1900 Nr, 21

Full text: Der Bär Issue 26.1900

als sie sich wieder in den Hintergrund zurückzogen. Die 
hinterlistigen Kerle hatten ihr Opscr mit roter Farbe an 
gestrichen. Die ganze Sache war schmählich abgekartet. 
„Ich bitte uni Fortsetzung der Mensur," sagte Miedlichs 
Sekundant. 
Der Meister sah seinen Beistand mit einem wehmütigen 
Blick von der Seite an und faßte langsam nach seiner durch 
gezogenen Backe. Als er die Hand ivieder herabsinken ließ, 
sah er, daß sie mit flüssiger Röte bedeckt ivar. Er sprang 
auf, und seine Augen liefen von einem zum andern mit 
einem schrecklichnn, wilden, Mut und Angst zugleich kündenden 
Ausdruck. 
„Was?" schrie er. „Ich blute ja! Sehen Sic hier! 
Ich blute!" 
Dann faßte er seinen Sekundanten am Arm und schüttelte 
ihn. „Sie Schafskopp, was fällt Ihnen denn eigentlich ein? 
Wofür halten Sie mich? Für einen Hahnefatzke? Ich bin doch 
nicht verrückt! Ich habe Frau und Kind zu Hairfe und laste mich 
hiervon einem dämlichen Zigarrenfritzen blutig schlagen. Das ist 
doch kein Spaß mehr! Nein, ich thue nicht mehr mit. Meinen 
Rock her! Ich trete aus der Familie aus. Ich will niein 
Bier in Frieden trinken. Herr Kohlevater, ich erkläre meinen 
Austritt. Das ist überhaupt Mumpitz mit der ganzen 
Ducllicrerei, Blödsinn ist das. Ich danke dafür. Adieu!" 
Damit stürmte er hinaus. 
Die Korona, die den Zusammenhang noch nicht kannte, 
verharrte in betretenem Schweigen, bis die Mitwisser des 
Komplotts ein unauslöschliches Gelächter erhoben. 
„Mennige, Mennige!" heulten die Lazarettgchilfen, und 
mit einem Schlage war alles klar. Die Heiterkeit kannte 
keine Grenzen. Moritz steckte den Kopf in den medizinischen 
Eimer, hob ihn hoch, und indem er sich den ganzen Inhalt 
über den Körper kippte, tanzte er ivie ein Verrückter im 
Saale umher. 
Nur der Unparteiische bewahrte seine Amtsmiene und 
verkündete in ernstem Ton: 
„Hutmensur ex!" 
XIII. 
Die Parodie schien Recht zu behalten, soivcit es den 
langen Dödering betraf. Es wurde ans allen seinen Kontra 
hagen nichts. Da er jedesmal betonte, daß er bei seinem 
Alter selbstverständlich nur noch auf Säbel losginge, so zogen 
sich seine sämtlichen Gegner mit mehr oder weniger Geschick 
zurück. Sie machten seinen Karlcllträgcrn gegenüber alle 
möglichen Ausflüchte, entweder daß sie sich erst einpauken 
müßten, oder daß sie mit schweren Herzfehlern behaftet seien, 
oder sie waren überhaupt nicht aufzufinden, etliche entpuppten 
sich auch als durchaus satisfaktionsunsähig, worauf sic sich 
ganz frech stützten — kurz und gut, sie kniffen alle. Und 
der lange Dödering wurde dadurch immer anmaßender. Auch 
seine Freunde hatten nachgerade darunter zu leiden. Namentlich 
unter den Philistern machte sich mehr und mehr eine gewisse 
Unlust bemerkbar. Die Geschichte mit Meister Miedlich hatte 
schon böses Blut gemacht. Damit war man zu weit ge 
gangen, das ivar über den Spaß hinaus. Und nun brachte 
Dödering zum Uebcrflnß allerlei Elemente in die Parole, die 
sich nicht in das Familienleben schicken konnten noch wollten; 
allerlei Leute mit zweifelhafter akademischer Vergangenheit, 
vornehmlich solche, die ini Verbiudungsleben Schiffbruch ge 
litten hatten. Ein paar ulkige Käuze darunter, wie der 
Studiosus Hastenbeck, ein westfälischer Landsmann Döderings, 
der mit seiner Wirtstochtcr ein Techtelmechtel angefangen 
hatte. Diese Wirtstochter aber war zum Unglück verlobt ge 
wesen, mit einem Weinhändler. Der kam hinter die Schliche 
seines Bräntchcns, das Bräntchen wußte sich herauszureden, 
und der Weinhändler warf die volle Wucht seines Hasses 
ans den unseligen Verführer. Seitdem war der Studiosus 
Hastenbeck auf einer unablässigen Flucht vor dem gekränkten 
Bräutigam begriffen, der ihn durch ganz Halle verfolgte. Er 
war in kein öffentliches Lokal hineinzubringen, ehe sich nicht 
einer von der Gesellschaft überzeugt hatte, daß der Wein 
händler nicht drin war. Und jedesmal, wenn die Thür 
klappte, kriegte er das Zittern. Eine unerschöpfliche Quelle 
des Vergnügens für die andern. Aber was sonst noch an 
neuen Geistern auftauchte, war weniger amüsant als lästig. 
Die Kerle machten sich ungebührlich breit und dachten nicht 
daran, auf das gewohnte Treiben der Familie Rücksicht zu 
nehmen, weil sie sich hoch erhaben dünkten über solchen 
Zauber. Und dabei lag über ihnen allen und um sie heruni so 
ein Hauch von moralischer Lässigkeit — Kerls, die eigentlich 
schon mehr Hochstapler waren, die Sache aber ans Beguem- 
lichkeit noch nicht berufsmäßig trieben, weil's ihnen noch nicht 
auf den Nägeln brannte. Wenn es erst so weit war — na 
dann. . . 
Die Philister wurden kopfscheu. Sie fühlten sich nicht 
nichr behaglich und blieben weg, einer nach dem andern. 
Der mit Macht heraufziehende Sommer mochte auch niit 
daran schuld sein — es wurde still in der Parole. 
Einmal, gegen acht Uhr des Abends, wo sonst reges 
Leben geherrscht hatte, waren Bruno und Maybaum die 
einzigen Gäste. Sie spielten aus dem alten Billard, dessen 
ehemals grün gewesenes Tuch wie eine Kriegsfahnc von un 
zähligen Löchern durchbohrt war. Der Wirt hielt in seinem 
Schenkraum eine leise gucksende Zwicsprach mit seinem Fasse, 
die Bälle klapperten eintönig, sonst kein Laut. 
Da öffnete sich geheimnisvoll — leise — langsam die 
Thür, die nach außen ging. Maybaum stand dem Ausgang 
zunächst und drehte sich um, konnte aber anfangs niemand 
entdecken. Erst nach und nach hob sich gegen den niatt be 
leuchteten Hintergrund des Hausflurs eine hohe, dunkle 
Gestalt ab. Sic gewann allmählich an Schärfe der Umrisse, 
und schließlich sah Maybaum ganz deutlich einen großen 
Herrn in Reisekleidung, dessen Gesicht von einem tiefschwarzen 
mächtigen Vollbart fast ganz bedeckt war. Der Herr blieb 
steif und starr ans seinem Platz stehen und machte keine Anstalt, 
einzutreten. Verwundert kehrte sich Maybaum zu seinem 
Partner um, der nun ebenfalls neugierig näher trat. Als er 
den steinernen Gast erblickte, erstarrte er wie jener, und 
Maybaum sah die feucht glänzenden Angen des fremden 
Herrn aus dem Dunkel heraus mit einem ticfschmerzlichen, 
vorwurfsvollen Ausdruck auf Brunos bleiches Gesicht gerichtet. 
Der zuckte plötzlich zusammen, that ein paar Schritte auf die 
Thür zu, stutzte, kehrte wieder um, stellte sein Queue in die 
Ecke und verschwand durch das Büffett, von dem aus eine 
Hinterthür nach dem Hof führte. 
Der fremde Herr trat mit einigen raschen Schritten ins 
Zimmer. 
„Bruno!" sagte er mit einer üesen, leise zitternden 
Stimme. 
Aber Bruno war nicht mehr da. 
Der Wirt kani aus seinem Büffett hervor. Der fremde 
Herr lüstete leicht den Hut und fragte schroff: „Wo ist mein 
Nesse hin?" 
Die Situation war klar. 
Da Bruno seine Meldung zum Examen von Woche zu 
Woche hinzögerte, waren seine Angehörigen dahinten in 
Preußen zuerst ungeduldig, dann ärgerlich, zuletzt ängstlich 
geworden. Ein Brief hatte den andern überholt, und dieses 
fortgesetzte Drängen hatte den Aermsten nur noch verstockter
        
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