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Periodical volume Sonnabend, 26. Mai 1900 Nr, 21

Full text: Der Bär Issue 26.1900

solche vo» 20 Mark mib wieder an anderen solche von 10 Mark 
verabreicht. 10 Mark ist für den Sieg der kleinste Einheitssatz, 
man kann ihn natürlich so oft wie möglich verlangen. 
Die Glocke läutet zum zweitenmal, die Reiter reiten in die 
Bahn, bedächtig schreitet der Trainer neben seinem „Pflege 
befohlenen", leise unterhält er sich mit dem Jockey, natürlich 
englisch,' denn die Flachrennenjockeys sind meistens Engländer, und 
in Hoppegarten werden ja fast ausschließlich Flachrennen geritten. 
Das Programm des Tages weist zwar häufig als Anhängsel, 
Füllsel, ein Hinderiiisrciten (Hürden- oder Jagdrennen) ans, aber 
diese sind in Hoppegarten ziemlich bedeutungslos. Carlshorst 
ist die Hindernisbahn: sie hat Hoppegartens Popularität stark in den 
Hintergrund gedrängt, wenigstens beim kleinen Mann ist sic viel be 
liebter. In Hoppegarte» fragt man: „Wer rennt?", in Carls 
horst: „Wer reitet?" 
Die Pferde sind am Start, 
unruhig tänzeln sic noch 
umher, unruhiger sind noch 
die Buchmacher: in Hoppe 
garten stehen sie zuerst 
meistens vor der Wage in 
dichter Kolonne, dann am 
Eingang zum erste» Platz. 
Die Buchmacher vermitteln 
meistens große Wetten; es 
würde auffallen, wen» plötz 
lich tausend Mark und mehr 
von einem Wetter auf ein 
Pferd gesetzt würden; die 
kleinen Wetter würden das 
sehen und ihm nachlaufen, 
und dadurch die eventuelle 
TotalisatorqnotesOddsjstark 
herabdrücken. Die Buch 
macher zahlen häufig „Toto- 
kurs", häufig machen sie 
eigene Kurse; siegen die Favoriten, so verlieren sie, wie sie behaupten, 
Stangen Goldes; sind die Außenseiter siegreich, dann kennt der Jubel 
der Buchmacher keine Grenzen, dann blüht ihr Weizen, und in einem 
Rennen von wenigen Minuten heimsen sie oft ein Kapital ein, das 
ein ehrlicher Mensch im ganzen Leben nie erarbeiten wird. 
Der Starter hebt die rote Flagge, die Jockeys reiten langsam 
kommt," so donnert es ans einmal freudig bewegt aus dem am 
Gitter stehende» schwarzen Meiischenhansc» heraus. Die Jockeys 
haben die Peitschen herausgeholt, arbeiten mit Händen »nd Füßen, 
sie sind am „Reiten", der Lärm ist unbeschreiblich, eine Steigerung 
dieser Erregung nicht mehr möglich. Rur ein Jockey sitzt ruhig 
auf seinem Pferde, mit Riesensprüngen kommt es vor»; „mit 
Pfunden in der Hand", „im Kanter", „im Schritt", ruft der 
Trainer, „Cäsarion hat's", „ganz leicht, wie er will", schreien 
Hunderte. „Das giebt einen Stoß Geld". „Handvoll", „Hntvoll" 
stößt eine davon stürmende Rotte ans; der Richter in dem kleinen 
Hänschen am Ziel läßt die Nummern der drei Pferde, die zuerst 
durch das Ziel gingen, hochziehen: Nr. 5, 8, 11. — 5 ist Sieger, 
8 und 11 sind plaziert. Die Pferde sind abgestoppt, der Sieger 
reitet aus der Bahn, ein Tusch begrüßt ihn, etliche Dutzend 
Wetter rufen „Bravo, bravo, 
Smith". Es geht wieder zur 
Wage, kein Protest erfolgt, 
das Gewicht stimmt; alles 
in Ordnung. Am Totali 
sator kann die Auszahlung 
erfolgen, für 10 Mark auf 
den Sieg giebt es 120, auf 
den Platz für 20 Mark 60 
(bei Platzwetten giebt es 
keinen geringeren Satz als 
20 Mark). Freudestrahlend 
heimsen die Wetter von 
„Caesariou" ihre Gewinne 
ein, die, welche auf ein 
anderes Pferd gesetzt, fluchen 
über den Schinder, den 
Jockey, sie hätten „Cäsarion" 
ja auch haben müssen, 
aber sie seien davon ab 
gebracht. noch etliche Flüche, 
das Rennen ist vergesse», 
ein neues beginnt; sieben bringt meistens ein Renntag, das alte 
Spiel fängt von neuem an. 
Interessanter als die Rennen ans der Flachen find die über 
Hürden und schwere Hindernisse, die »ns Carlshorst bringt; Stürze 
sind nicht selten, aber auch auf der Flachen sind Unglücksfälle (Aus 
rutschen der Pferde n. s. w.) nicht ausgeschlossen. In Hvppegarten 
Antinousgraben in Hopprgartrrr. 
. 
Am Tokalijaior. 
an (in Hoppegarten funktioniert jetzt auch namentlich bei Rennen 
mit ganz kurzer Distanz die australische Startmaschine), der Start 
ist gelungen, in Linie ist das Feld entlassen, ein schrilles Klingeln, 
die Maschinen im Totalisator sind abgestellt, es kann für dieses 
Rennen nicht mehr gewettet werden, und „ab, ab" tönt es von 
ungezählten Lippen; die ersten hundert Meter find die Pferde noch 
im Rudel, da schält sich der Hohenlohesche dreijährige „X" ans dem 
Knäuel heraus; die Spannung wächst; die Bleichröderschen Farben 
kommen in Front; schwarzweiß leuchtet auf, dunkelblau und weiß 
gestreift erscheint vorn; das Bild verändert sich fast jede Sekunde, 
doch die Entscheidung naht, die Erregung ist riesengroß geworden; 
alles hat sich von den Plätzen erhoben, schreit, fuchtelt mit den 
Händen: „X geschlagen!" so ruft es vo» der Tribüne, „Cäsarion 
stürzte bei der „Armee" ein junger Leutnant von Poncet von den 
10. Husaren so schwer, daß er ans der Stelle verstarb. 
Der Abend senkt sich hernieder, zahlreiche Tickets (braun und 
grün), die ans Pferde genommen, die nicht gewonnen, bedecken den 
grünen Rasen, Blumen zu vergleichen, die in den Rasen-Teppich 
hineingewebt erscheinen; fort stürzt das Publikum, die Rennen sind zu 
Ende, ein Kamps um die Plätze in den Eisenbahnwagen beginnt; 
Programme, Eintrittskarten bedecken die Perrons; wenige Minuten, 
in Hoppcgarten ist wieder stiller Friede eingekehrt, wo noch eben 
die Geister des Spiels und der höchsten Erregung herrschten; »nd 
die alten Bäume am Wege schütteln ob dieses eigenartigen Szenen 
wechsels verwundert ihre frischbelaubten Häupter. 
Franz Holzerland.
        
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