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Periodical volume Sonnabend, 26. Mai 1900 Nr, 21

Full text: Der Bär Issue 26.1900

Mautschan bei Berlin. 
ein Geschichtskalendcr, keine Chronik meldet uns den Rainen 
des Mannes, der zuerst die Idee faßte, vor de» Thoren 
Berlins jene Laubenkolonien anzulegen, die das Entzücken 
des Wanderers bilden, ivenn er auf den beschwingten Sohlen, sei es 
der Eisenbahn, sei es des Stahlrosses unserer guten Haupt- und 
Residenzstadt zueilt. In tiefes Dunkel gehüllt, wie die Gründung 
aller unserer großen Städte, ist auch der Ursprung dieser Lauben 
städte, und ob es dem Geschichtsforscher späterer Jahrhunderte 
gelingen wird, das Dunkel aufzuhellen, ist noch sehr die Frage, 
Laubenkolonie. 
Eher ist anzunehmen, daß die Sage sich dieses Stosses bemächtigen 
wird und späterhin die staunende Jugend in der Schule etwa von 
einem Brüderpaar wird Horen und lernen müssen, das, von einem 
tyrannischen Stiefvater oder einer bösen Stiefmutter 
verstoßen, in einem Korbe in der Spree ausgesetzt, 
an geeignetem Orte ans llfer getrieben, von einer 
Bärin gesäugt, in Freiheit dressiert, schließlich den 
Entschluß gefaßt hat, ans den unbebauten Terrains 
der Köllnischen Wiesen oder der Schönebcrger Saud- 
kuten oder auch in der Gegend des lieblichen Pankow 
aus Eierkisten und Dachpappe Hütten zu bauen und 
sich's wohl sein zu lassen — worauf denn, wie ja 
jede gute Idee ihre Nachahmer findet, in Bälde an 
allen Ecken und Zipfeln der Stadt die Terrain 
spekulanten, deren Objekte noch nicht der Bebauung 
erschlossen waren, zur einstweiligen Ausnutzung ihres 
im Verborgenen reifenden Anlagekapitals sich nach 
Pächtern umgesehen haben, die mit genügender land 
wirtschaftlicher Vorbildung den romantischen Sinn für 
das Freie und den gesunden Humor der werkthätigen 
Bevölkerung in reichstem Maße verbänden. 
Der jetzige Berliner oder Borortler, der des Sonn 
tags nachmittags, statt gekeilt in drangvoll fürchter 
licher Enge in Herrn von Thielens Marterküsten in die 
Ferne zu schweifen, nach Urväter Brauch mit Weib und 
Kind vors Thor geht, um von Kriegs- und Friedeus- 
zciten zu sprechen und von den Völkern, die hinten weit 
in der Türkei auf einander zu schlagen pflegen, bemerkt von diesem 
Dunkel, das über den Laubenkolonien lagert, allerdings nichts. 
Hell strahlt die Sonne über diesen Plantagen, helles Lachen aus 
Männer-, Weiber- und Kinderkehlen tönt von „Garten" zu 
„Garten" hin- und herüber, und hell flattern im Winde die bunten 
Wimpel in allen möglichen Farben, desgleichen auch die da 
zwischen aufgehängten Windeln, und hell sind die Köpfe der 
Männer, die sich zu mannhaftem Wort oder zu einem gediegenen 
Dauerschafskopf versammeln, 
Aeltere Berliner erinnern sich einer Zeit, da man diese An 
lagen noch nicht hatte. Auch damals ging man aufs Feld, auch 
damals wurde etwas Ackerbau ans den Bodcnstrecken betrieben, 
die jetzt von himmelanstrebenden Mietskasernen bedeckt sind' auch 
damals war der kleine Mann an diesem Ackerbau auf dem 
Kartosfellaud beteiligt, das die Stadt Berlin der ärmeren Be 
völkerung, ohne gerade ängstlich nach dem Armutszeugnis 
zu fragen, zur Verfügung stellte — auch sah man hier 
und da im Gelände verstreut eine Laube, zu der sich ein 
phantasiebegabter „Gutsbesitzer" aufgeschwungen hatte, und 
in der er dann romantisch seine mitgeschleppte große 
Weiße trank, aber Laubenkolonien in unserem Sinn 
gab es noch nicht. Als aber das Flaggenhissen um 
Afrika herum die neue deutsche Weltpolitik einleitete, 
da hatten wir die Laubenkolonien schon, und, empfäng 
lich für alles Gute und Edle, wie wir nun einmal 
sind, wurden sie „Kamerun", „Angra Pequeua", „Klein- 
Popo" re. genannt, 'Nun giebt es auch eine Kolonie 
„China" bei Berlin 80,, und ein „Transvaal" bei 
Berlin NO., einen „Nordpol", eine „Philippine" und 
„Kiautschau", und die Einwohiner nennen sich „Kulis" 
und „Buren", trinken „Nordlicht" und essen „Viel 
liebchen", aber das sind nur vorübergehende Episoden 
in dem großen Entwicklungsprozeß, der dem Ganzen 
seinen Charakter aufgedrückt hat. 
Es ist wirklich ein Vergnügen und eine Freude, 
das heitere Leben da draußen zu beobachten 
und mitzuleben. Man braucht dazu kein „Kuli" 
zu sein. Wenn mau auf gemütlichem Spaziergange 
dort im Vorbeigehen in der großen Zentrallaube, 
die eine primitive Wirtschaft enthält, vorspricht und gemütlich nach 
einem Glas Bier fragt, oder nach einem Paar „Knobländer", 
wird man stets gut aufgenommen. Es fragt keiner nach einer 
Kolonie Riaull'rlzan. 
Mitgliedskarte, und wenn man sonst kein Sancrtopf ist oder kein 
„Fatzte", wenn man vernünftig und lustig zu werden versteht, und 
wenn man, gebend und empfangcud, weiß, was Spaß ist, dann 
erlebt man ein paar sehr heitere Stunden, alles in Ehren, und 
das Weggehen ivird einem nachher schwerer als das Hinkommen. 
In der Woche ist es ja natürlich still, ausgenommen an den
        
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