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Periodical volume Sonnabend, 19. Mai 1900 Nr, 20

Full text: Der Bär Issue 26.1900

bekanntlich von schwächlicher Körperbeschaffenheit und etwas ver 
wachsen war, ei» reichgesticktes Hofkleid schaut unter deui Krönnngs- 
ma„te£ hervor, über de» sich die Kette des neugegründeteu Ordens 
vom Schwarze» Adler schlingt. Die linke Hand hält das könig 
liche Szepter, das Haupt ist mit der Allongeperücke bedeckt, die mit 
einem Lorbeerkranz umwunden ist. Das in reichem Barockstil ge 
haltene Postament mit der Königskrone erinnert, wie die Architektur 
der ganzen Anlage, an die prächtigen Formen der Bauten und 
Kunstwerke Andreas Schlüters, dessen Büste neben der des 
Ministers Eberhard von Dankelmanii die marmorne Rundbank 
ziert. Fast Gegensatz zu der prunkvollen Ausstattung der 
Gruppe ist Schlüter im schlichten Bildhauerkittel mit entblößter 
Brust und unbedecktem Haupte dargestellt, wie er mit dem Schlägel 
an einer der von ihm geschaffenen Maske» sterbender Krieger 
arbeitet. Sinnend blickt der jugendliche Bildhauer ans sein Kunst 
werk nieder. Der Minister Freiherr von Dankelmann erscheint 
dagegen in der reichen Hostracht damaliger Zeit. Das mit der 
großen Allongeperücke bedeckte Haupt ist leicht nach vorn geneigt. 
Beide Büsten zeigen eine lebensvolle Auffassung und sind, wie auch 
die Statue des Königs, in ungezwungener Haltung vom Bildhauer 
dargestellt worden. Die Rundbank enthält dem architektonischen 
Charakter der Zeit entsprechend reiche Verzierungen, die Abschlüsse 
der Lehne bilden Adler und Kaiserkronen. 
Wieder leuchtete die Sonne im goldigen Glanze vom Himmel 
hernieder, als sich am Morgen des 6. Mai die ersten geladenen 
Gäste in der Siegesallee einfanden, um der feierlichen Enthüllung 
der Gruppe Kaiser Sigmunds beizuwohnen. Wieder umstanden 
zahlreiche, festlich gestimmte Zuschauer den Denkmalsplntz, der von 
duftenden Blumen umsäumt war. Bereits um halb acht Uhr, 
durch den Botschafter v. Szögpöuy-Marich vertreten. Noch ehe 
die geladenen Gäste sämtlich eingetroffen waren, gab der Kaiser 
das Zeichen zur Enthüllung und besichtigte daun mit dem Schöpfer 
der Gruppe, Bildhauer Eugen Börmcl, die Hauptfigur und die 
beiden Nebenfiguren. Der Kaiser war auch hier sehr befriedigt 
und ließ dein Künstler den Kronenorden 4. Klasse überreichen. 
Während der Monarch die anwesenden Vertreter der Familie 
von Bredow in ein Gespräch zog, besichtigten die Kaiserin und 
die Prinzen das Denkmal; darauf wurden verschiedene Herren, 
wie der österreichische Botschafter, die Minister Bülow, Stadt 
und Miguel und der Oberbürgermeister Kirschner, durch Ansprachen 
ausgezeichnet, und gegen acht Uhr kehrten die hohen Herrschaften, 
von den Zuschauern mit Hurrahrnfen begrüßt, nach dem Schloß 
zurück. 
Die Statue Kaiser Sigmunds ist dem kaiserlichen Aufträge 
zufolge in prächtigem Ritterkostüm dargestellt. Das Haupt bedeckt 
ein Helm, der mit einem hochragenden Flügelpaar geschmückt ist, 
den Oberkörper umschließt ein Kettenhemd, über das ein 
Wappenrock mit dem Löwen von Luxemburg gezogen ist, ei» 
wallender Mantel hüllt die ritterliche -Gestalt, die an Lohengri» 
und andere Helden der deutschen Sage erinnert, ein. In der 
rechten Hand hält der Kaiser, der zu seinem Vater Karl IV. 
hinüberblickt, das breite Schwert, in der linken eine Urkunde. 
Das Postament ist, wie die gesamte Architektur der Gruppe, in 
gotischen Formen gehalten und zeigt vorn in goldenen Buch 
staben die Inschrift „Kaiser Sigmund" und an den Seitenfläche» 
die übrigen Titel des Kaisers. Die Nebenfiguren stellen den kriegerisch 
gerüsteten Landeshauptmann der Mark, Lippold von Bredow, 
und den damaligen Bürgermeister von Berlin, Bernd Ryke, dar. 
Gruppe des Kaisers Sigismund. 
eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit der Enthüllung, 
erschienen der Kaiser und die Kaiserin, der Kronprinz, Prinz 
Heinrich und die anderen kaiserlichen Prinzen, und ihnen folgten 
nach und nach die übrigen Festteilnehmer. Der Kaiser von 
Oesterreich, dein Kaiser Wilhelm durch die Enthüllung der Statue 
eines seiner Vorfahren aus dem Thron Ungarns eine besondere 
Ehrung erweisen ivollte, war am Erscheinen verhindert und wurde 
Der Gesamteindruck der Gruppe ist ein überüus prächtiger; be 
sonders die Figur des Kaisers, der mit seinem wallenden Bart 
eine gewisse Aehnlichkeit mit Kaiser Friedrich III. zeigt, ist vor 
züglich gelungen. Das Urteil Kaiser Wilhelms bei der Be 
sichtigung lautete dementsprechend auch: „Das ist eine wunder 
volle Arbeit." 
G. A.
        
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