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Periodical volume Sonnabend, 12. Mai 1900 Nr, 19

Full text: Der Bär Issue 26.1900

vergessen. Der Einfluss der Veit Stoß, Ado», Krckft, Peter Bischer, 
Ricnlenschncider und Albrecht Stirer machen sich bemerkbar, ohne 
daß ihm darüber die edle Formengebung, die geschlossene Komposition 
verloren ging, wie er sie sich in der Schule Meister Schauers an 
erzogen, Zunächst entsteht eine Reihe von Reliefs für die Luther 
kirche, Das „Abendmahl" und „Christus und die Mühseligen und 
^ Ein „Großer Kurfürst" für Minden in Westfalen und das 
„Schichau - Denkmal" für Elbing gehen in voller Große im 
Modell ausgeführt soeben der Vollendung entgegen, Kraftbcivnßt, 
in steifem Tuchwams und breiter Schärpe, die Beine mit plumpen 
Stulpstiefeln bekleidet, steht der Hohenzollcrnsürst da, ein Bild 
. stolzer, energischer Männlichkeit, während der Schöpfer des 
modernen eisernen Schiffes in bescheidener Haltung, mit dem 
Gehrock bekleidet, ans einem Postament steht, das links von 
einem bärtigen Arbeiter, rechts von einer Personifikation des 
Schiffbaus flankiert wird. Besonders die weibliche Jdealsigur, 
die mit ausgedehntem Arm ein Schiffsmodell heraufreicht, zeigt in 
und Gewandbehandlung ein überaus seines, voni Modell 
ausgehendes und doch von ihm losgelöstes Stilgefühl, 
Während wir betrachtend von den einzelnen Gruppen reden, 
ist der Künstler knetend und spachtelnd mit einer kleinen Thonskizze 
beschäftigt. Es handelt sich »in einen Konknrrenzentwurf für 
einen „Monnmentalbrnnnen in Oppeln", Glättend und aus 
gleichend, hier und da anfügend, gleiten seine Finger über den 
Aufbau hin, während er uns seine Idee entwickelt. „Ein kräftiger 
Jünglingsmann, die Personifikation der Menschenkraft, schreitet 
daher im siegreichen Kampfe mit der Gewalt des Wassers. Rach 
heißem Ringen hat er einen jugendlichen Flußgott über seine 
Schulter geworfen, rechts schleift er einen greisen Rix, der sich im 
Netz gefangen, seitwärts dahin, während sich von links her eine 
Nixe an ihm emporreckt, die ihm den Körper des Besiegten zu 
entreißen sucht. An einem Felsblock zieht sich eine Putte hinauf 
und pustet mit schreckhaft aufgerissenen Augen ans de» Paus 
backe» einen Wasserstrahl empor, 
_ Die Skizze ist meisterhaft im Aufbau. Fehklos schließen die 
vielfach verschlungenen nackten Glieder zusammen. Ein leiden- 
Beladenen" fügen sich in zwanglosem Aufbau in einen Kleeblatt- 
bogen ein. Die dominierende Gestalt des von einem Glorienschein 
umgebenen Heilands bildet den Mittelpunkt der reich bewegten 
Gruppen. In vorwurfsvoller Trauer blicken die Jünger zu ihm ans, 
der soeben das Wort gesprochen von dem. der ihn verraten wird, 
und leidenschaftlich Hilfe flehend drängen sich die Vinnen im Geiste, 
Männer iiiid Frauen des Volks, um beit Trost spendenden Er 
barmen Hier' erinnert nichts mehr an überkommene Formen, Der 
Christuskopf weist wohl noch den bekannten Jdealtypus auf, aber 
in den Rebcnsignren, wie in der freien Behandlung des Gewandes 
zeigt sich überall jene Rückkehr zur Natur, der wir das Aufblühen 
der modernen Bildhauerkunst verdanken. Dasselbe gilt von den 
beiden für die Liitherkirche geschaffenen Relicftafeln: „Luther ans 
dem Reichstage zu Worms" und „Joachim II, empfängt das 
Abendmahl »iiter beiderlei Gestalt," Tie leidenschaftlich bewegte 
Gestalt des Nngnstincrmönchs, der mit dem stolzen Wort: „Hier 
stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!" seinen 
Feinden gcgenübcrtritt, die in fanatischem Grimm und ketzerischem 
Hochmut' verzerrten Gesichter der Kardinäle und Bischöfe finden 
ihren künstlerischen Gegensatz in den gleichmütigen kalten Mienen des 
Kaisers und in der wohlwollenden Anteilnahme des reformations- 
srcniidlichen Kurfürsten, Wie stiller Gottesfriedcn liegt e§ dagegen 
über dem feierlichen Abendmahlsakt in der Schloßkapelle. Kniend 
nimmt der Kurfürst aus der Hand des Geistlichen den Kelch ent 
gegen, andächtig hat feine. Gattin die Hände gefaltet, während 
hinter ihm ein kleines Gefolge von Hoflcnten kniend und stehend 
der bedeiitnngsvollen Handlung beiwohnt. 
In der Behandlung der eigentliche» Monnmentalplastik, wie 
in dem Bismarck-Denkmal für Planen und in dem Kaiser 
Wilhelm-Denkmal für EveSfeld zeigen sich noch Anklänge an die 
Schaperschc Schule, um dann einer freien naturalistischen Fvrmen- 
gebnng Platz zn machen. So verherrlicht die für den Berliner 
Andreasplatz geschaffene Marmorgrnppe „In der Mittagspause" 
die behagliche Ruhe nach der Arbeit, Voll Bewunderung sieht 
der Junge zn seinem Vater ans, den er mitten in harter Arbeit 
besucht, in» ihm das Mittagessen zn bringen. Verlangend streckt 
er die Hand ans nach dem Hammer, den die nervige Faust des 
Schmiedes umfaßt, wie wenn er keinen sehnlicheren Wunsch hegte, 
als „groß" zn sein und ihn ebenso schwingen zn können, wie sein 
Erzeuger. Die Ausführung der Figuren in Marmor wirkt be 
sonders ansprechend durch das liebevolle Eingehen ans jede Ein 
zelheit, und über dem ganze» ruht trotz der schlichten Haltung ei» 
Zug pathetischen Ernstes, der in Mienenspiel und Beegnng znm 
Ausdruck kommt. 
M.irinortiruppe. 
schastlichcr Ähythmus beherrscht den gesamten Anfban, ohne den 
Charakter monnMenkaler Ruhe zn stören. Wenn wir nicht irren, 
schafft Haverkamp ein Meisterwerk, das sich würdig dem Stettiner 
Brunnen Ludwig Munzels an die Seite stellt. Möge Pallas 
Athene das Oppelner Preiskolleginm und seine Berater erleuchten! 
G, M.
        
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