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Periodical volume Sonnabend, 12. Mai 1900 Nr, 19

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Beim Bildhauer Haverkamp. 
er einen Berliner Bildhauer auffinden will, darf eine kleine 
Reise i» die Vororte nicht scheuen. Die Herren vom 
Meißel folgen dein Zuge nach dein Westen und wohnen meist da, 
wo eine Villenkolonie entstehen soll. Reicht doch selbst der der 
zeitige reiche Bestellnngsscgen 
nicht aus, um innerhalb der 
Stadt dieKosten eines Ateliers 
zu erschwingen, das bei den 
heutige» Moiinmentalan- 
sprüchen einem Reitstall an 
Ausdehnung nicht viel nach 
geben darf. An Friedenau, 
da wo voraussichtlich einmal 
die Kaiser Wilhelmstrage mit 
stattlichen Villen bebaut sein 
wird, steht ei» einsames rotes 
Hänschen mit schmucklosen 
Fachwerkivänden, die von 
großen, nuten geweißten 
Fenstern durchbrochen sind. 
Die mit Marmorabfall be 
streuten Wege führen z» einem 
niedrigen Holzthvr mit einem 
Porzellanknops, wie wir ihn 
an den Hinteren Eingängen 
unserer Großstadtwohnungen 
zu sehen pflegen. Zwei kurze 
Klingelschinge, und der Hans- 
wiihrlin H»v-rk-u,r> Herr öffnet' uns. Eine ge 
drungene Gestalt in, Arbeiis- 
anzuge, deren schlichtes, hellblondes Haar, breite Stirn und 
offenblickende hellblaue Augen den Westfalen verraten, noch ehe er 
uns mit einem getrennten „st" und dem Gannienlant „ch" begrüßt. 
Stipendium, das ihm den Besuch der Hochschule der Akademie 
der Künste in Berlin gestattete. Hier fand er in Professor 
F. Schaper seinen Meister, unter dessen Einfluß zunächst ein 
Relief entstand, das ihm den großen Staatspreis für eine 
Studienreise nach Italien eintrug. „Der Gang nach dem Hades" 
schließt sich in der Formengebnng eng an die Ueberlieferung der 
Antike an. Der Seelensührer Hermes geleitet einen Greis und 
eine Jungfrau an den Aachen des Charon, der sein Fahrzeug 
soeben mit eineni gewaltigen Ruder an das User des Styp ge 
stoßen hat. Ein helmgeschniückter nackter Krieger reicht dem Greise 
die stützende Hand entgegen, während im Hintergründe ei» nnbe- 
statteter Held, dessen Haupt und Brust ein Löivcnsell bedeckt, ver 
zweiflungsvoll die Hände ringt. Hergies und der sitzende Krieger 
sind im strengen Stil der Antike gehalten, in alle» übrigen Ge 
stalten ringt ein tiefes persönliches Empfinden nach künstlerischem 
Ausdruck. Der unsicher über den Bootrand tastende Schritt des 
blinden Alten, das müde zögernde Gleiten des blnmengcschmücktcn 
Mädchens, die kräftige Bewegung des ruderführenden Fährmanns, 
die verzweifelte Gebärde des am Ufer zurückgelassenen Helden 
weisen individuelle Roten ans, die leidenschaftlich anklingen, _ ohne 
noch zur vollen Harmonie auszntönen. Bemerkenswert ist die 
sichere Beherrschung des Reliesstils, wie sie uns eine strenge 
Schulung zu lehren vermag. In Rom beginnt für den Künstler 
die freiere Anffassnng der Antike. Die Gruppe „Der Bocksprnng", 
in Bronze ausgeführt für den Senatspräsidenten des Oberver 
waltungsgerichts Io haus, mutet wie ein in echter Künstlerlanne 
geschaffenes Tierspiel an. Mit gespreizten Beinen setzt ein nackter, 
schlichthaariger Bengel über den Rücken eines bocksbeinigen 
Faunchens fort, das willig Kranskops und Racken beugt. Es ist, 
als ob der Künstler symbolisch austeilten wollte, wie er Über die 
Antike hinausgekommen oder vielmehr mit einem Scitensprnng 
mitten in das rechte Verständnis ihrer natürlichen Entwicklungs- 
fornien hineingesetzt ist. 
Gang ,UI» Hadrs. Mit drin groyen Siaatspreis Itttttt »usgrrrichnrt. 
Wilhelm Haperkamp ist in Senden am 4. März 1864 ge- In die Heimat zurückgekehrt, findet Haverkamp ei» ergiebiges 
boren und hat seine erste berufsmäßige Ausbildung in Münster Gebiet für ein reiches, sich immer mehr zu individueller Bethätigung 
im Dienste der religiösen Kunst erhalten. Der kaum Neunzehn- durchringendes Schassen. Sein Reliefstil wird freier und malerischer, 
jährige errang sich mit einer Gruppe „Rotkäppchen" ein ministeriales Er hat über der Antike nicht die deutschen Meister des Mittelalters
        
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