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Periodical volume Sonnabend, 12. Mai 1900 Nr, 19

Full text: Der Bär Issue 26.1900

Das war bös. Namentlich der Passus von der SchnapS- 
flaschc war-ihm außerordentlich unangenehm. Er war Theologe, 
und man hatte ihm gesagt, das; solche Strafverfügungen von 
der Polizei der Universitätsbehörde überschickt wurden. Dazu 
noch 10 Mark bezahlen — das war eine schöne Schmiere. 
Aber der lange Dödering fand einen Ausweg. Am 
nächsten Morgen mußte der Hirsch seinen Bratenrock anziehen 
und sich mit den nötigen Instruktionen versehen aufs Rat 
haus verfügen. 
Der Herr Rat war sehr beschäftigt, und der Hirsch mußte 
wohl eine Stunde warten, bis die Reihe an ihn kam. Aber 
er wartete geduldig und benutzte die Zeit, um mit dem Be 
amten im Vorzimmer Freundschaft zu schließe». 
Endlich war der große Moment gekommen. Der Herr 
Rat saß am Schreibtisch, drehte sich bei dem Eintritt des 
Hirschen gar nicht um und würdigte seine stilvolle Verbeugung 
auch nicht der geringsten Aufmerksamkeit. 
„Herr Rat," begann er etivas betreten, „ich habe ein 
Strafmandat über 10 Mark erhalten —" 
„Die Kasse befindet sich eine Treppe tiefer, Zimmer ’J4." 
Damit zog der Rat an der Klingelschnur, die neben ihm 
herabhing, und der Hirsch verstand, daß das in der Bureau- 
sprache soviel hieß wie in der akademischen: Vivat 8oquen8! 
Wirklich betrat der sequens alsbald das Zimmer, und 
der Hirsch zog sich niedergeschlagen zurück. 
Sein guter Freund im Vorzimmer las den Erfolg des 
Besuches von seiner gefurchten Stirn. 
„Kommen Sie heut nachmittag wieder, um vier Uhr," 
flüsterte er ihm zu. „Dann ist er allein." 
Und mit diesen Trost zog der Abgeblitzte von dannen. 
Um vier Uhr war er wieder zur Stelle. 
„Gehen Sie nur gleich hinein!" sagte sein Freund. „Er 
hat gute Laune." 
.Der Hirsch that, wie ihm geheißen. 
„Der Herr Rat hat mich herbestellt" — begann er drinnen. 
„Ich weiß von nichts." 
„Doch, Herr Rat. Ich ivar bereits heute früh hier. 
Der Herr Rat war aber sehr beschäftigt und sagte, ich solle 
um vier Uhr wiederkommen." 
„Das hätt' ich gesagt?" 
„Jawohl, Herr Rat." 
„Kein Gedanke." 
Dem Hirsch wurde schon wieder angst und bange. Er 
schielte nach der Klingelschnur und rief mit kläglicher 
Stimme: „Verehrter Herr Rat —" 
„Na, jedenfalls sind Sie jetzt da. Daran läßt sich nun 
nichts mehr ändern. Also schießen Sic mal los!" 
Und der Hirsch erzählte die Geschichte seines Straf 
mandats. 
„Nun gut," sagte der Rat, als er zu Ende ivar, „den 
Passus mit der Schnapsflasche wollen wir streichen. Sind 
Sie nun zufrieden?" 
„Herr Rat," stotterte der Hirsch, „ich bin Ihnen sehr 
dankbar, — aber — die zehn Mark —" 
„Na, was ist denn damit?" 
„Ich habe sie nicht." 
„Das thut mir recht leid, aber ich wüßte nicht —" 
„Herr Rat, in acht Tagen ist Pfingsten und meine 
Mutter hat mir das Reisegeld schon ziveimal geschickt." 
„Ich will Ihnen etivas sagen: Fahren Sie vierter Güte 
nach Hause! Das geht schon einmal, wie?" 
„Ja, Herr Rat — gewiß, das geht schon. Aber —" 
„Aber?" 
„Dazu langt's so wie so gerade noch." 
Jetzt mußte der Rat denn doch lachen. 
„Na, meinetwegen," sagte er gnädig, „ich will die Strafe 
ans die Hälfte ermäßigen. Also fünf Mark, das ist doch 
nicht zu viel." 
Der Hirsch verdankte seinen Spitznamen seinen schau 
spielerischen Leistungen Er hatte eines Tages in einem halb 
improvisierten, höchst blödsinnigen Schauspiel, das bei irgend 
einer Feier in der Familie Kohlemann ausgeführt wurde, 
einen Hirsch dargestellt, der eigentlich dem Plan gemäß in 
der letzten Szene die schöne Königstochter ans seinem Rücken 
entführen sollte. Die Geschichte hatte ihm aber zu lange ge 
dauert, und so ivar er urplötzlich mitten in das Stück eiip- 
gcbrochen und hatte mit seinen Hörnern sämtliche Personen 
von der Bühne verjagt. Damit war das Schauspiel zur 
großen Erleichterung des Personals sowohl wie der Zuschauer 
zn Ende gewesen, und seit dieser Zeit stand sein Ruf als 
Komödiant fest. 
Auch jetzt erinnerte er sich rechtzeitig seiner Talente und 
sagte mit scheinheiliger Miene: 
„Herr Rat, ich habe eine alte einsame Mutter zu Hanse, 
die es gewohnt ist, daß ich ihr jedesmal, wenn ich komme, 
eine Aufmerksamkeit mitbringe — nur eine Kleinigkeit," setzte 
er schnell hinzu, als der Rat auffahren wollte. 
„Hören Sie einmal —" 
„Herr Rat, eine alte, einfache Frau. Ich bin ihr ein 
ziger Sohn." 
„Das ist ihr Glück," warf der Rat ein. 
„Ja, ihr ganzes Glück," sagte der Hirsch treuherzig. 
„Wieviel soll die Aufmerksamkeit kosten?" fragte der Rat, 
der sich zusammennehmen mußte, um nicht herauszuplatzen. 
„Ach, der Herr Rat iveiß doch am besten —" 
„Na, mein letztes Wort. Sie zahlen drei Mark, aber 
sofort, bar auf den Tisch des Hauses." 
Der Hirsch zauderte noch einen Augenblick. Er überlegte, 
ob er nicht den Rat um diese drei Mark anpumpen solle. 
Aber schließlich siegte doch das Gefühl der Dankbarkeit in 
seiner schwarzen Seele, und er zog resigniert die Börse. 
Der Rat gab ihm die Hand. 
„Grüßen Sie mir ihre Frau Mutter und verfahren Sic 
glimpflicher mit ihr, als Sie es mit mir gethan haben." 
„Aber Herr Rat!" machte der Hirsch mit sanftem Vorwurf. 
Als er auf den Marktplatz trat, sah er zum Händcl- 
denkmal hinüber und sagte: „Ja, alter Händler, das Handeln 
muß man verstehen." 
Er war nicht sehr stark in der Musikgeschichte. — 
Dödering war hocherfreut, als er den Ausgang erfuhr. 
„Hab' ich's Dir nicht gleich gesagt? Der Rat ist ein 
Goldklumpen. Ich kenne ihn ganz genau. Der war seiner 
Zeit gerade so ein Junge wie wir. Und ivas für ein tüchtiger 
Beamter ist das geworden!" 
„Dann werden wir's ani Ende auch noch." 
„Na natürlich. Dazu sind wir doch hier, auf Deutsch 
lands hohen Schulen." 
(Foaletzung folgt.;
        
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