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Periodical volume Sonnabend, 12. Mai 1900 Nr, 19

Full text: Der Bär Issue 26.1900

VIII. 
„Du, Dödering ist bimitticrt!" 
Damit stürmte der Hirsch atemlos in MaybaumS Kammer. 
Maybaum blieb laug ausgestreckt in seinem Bett liegen, 
als hätte er nichts gehört. Nur die Augen starrten nn- 
uatürlich groß aus de» Eindringling. Das dauerte eine 
ganze Weile. Taun fuhr er mit einem Schlage ivild in die 
Höhe und schrie mit heiserer Stimme: „Waas?" 
„ela ja, in allen. Ernste. Diinitticrt!" 
„Na ja, ivas denn? Meinetwegen. Natürlich auf ein 
paar Tage?" 
„Nein, I. p. In perpetuum bimitticrt. Auf deutsch: 
Für alle Zeiten rausgeiviinnielt." 
Die Antwort versetzte Maybannt iviederntn in fassungs 
loses Grausen. Er fiel auf sein Kissen zurück und sagte 
gepreßt: „Du, das ist mehr als eine Neuigkeit, das ist eine 
Hiobspost." , 
Der Hirsch hatte die Sache bis dahin weniger tragisch 
genommen. Jetzt, als er Maybaums Entsetzen sah, wurde 
auch ihm flau. Aber er wehrte sich noch. 
„Nanu," polterte er, „mach die Gäule nicht scheu!" 
Maybauin richtete sich wieder hoch. „Weißt Du den 
Grund?" 
„Nee." 
„Na also! Das genügt. Nu rede Du nicht!" 
Der Hirsch sah verdutzt und unsicher drein. „Ja — 
aber," stotterte er, „woher weißt Du denn den Grund?" 
„Ich? Keinen Ton weiß ich, kein Sterbenswörtchen. 
Aber das kann doch ein Blinder mit dem Stocke fühlen, 
daß die Scninonen um eine Kleinigkeit ihren Matador nicht 
rausgewimmelt hätte». Das ist ja sowieso der reine Selbst 
mord von denen." 
„Da hast Du recht." 
Der Hirsch wurde ganz kleinlaut vor der Tragweite 
seiner Neuigkeit. Mapbauni dagegen regte sich immer mehr auf. 
„Es ist aber egal," schnauzte er. „Was die Semnonen 
thun, kann uns furchtbar schnuppe sein. Aber ivas Dödering 
thut, ist mir gar nicht schnuppe. Ich kenne ihn schon von 
der Schule her und habe fünf Semester mit ihm — bald 
hätt' ich gesagt: studiert Da läßt einen so was nicht glcich- 
giltig. Und ich kenne ihn. Ich sage Dir, das ist ein Schlag — 
den überlebt er nicht." 
Nun war es heraus. Die beiden jungen Leute starrten 
sich ein paar Sekunden schreckensbleich an. Dann sprang 
Maybannt aus dem Bette und vertiefte sich geradewegs in 
sein Waschbecken. Und während er darin ninherplantschte, 
murmelte er von Zeit zu Zeit noch einmal: „Das überlebt 
Cr nicht." 
Der Hirsch war in das Wohnzimmer hinausgegangen, 
»in sich notdürftig zu fassen. Dazu mußte er allein sein. 
Diese Wendung ivar ihm unerwartet gekommen. Erst als er 
ein dntzendinal hin und her gelaufen war und danach eine 
Zeitlang am Fenster getrommelt hatte, fühlte er sich Mann 
genug, der Kammerthür wieder nahe zu kommen. 
„Du," sing er an, „was meinst Du denn ivohl — wes- 
halb er — Du weißt schon —" 
Maybannt keuchte unter seinem Handtuch, mit dem er 
sich rastlos bearbeitete, ohne trocken zu werden. „Was ich 
meine?" gab er endlich verstockt zur Antwort. „Ich meine 
gar nichts. Ich werde mich hüten. Und wenn ich eine 
Meinung darüber hätte, tvürde ich sie niemand sagen." 
Der Hirsch nickte beistimmend, obgleich ihn die Ber- 
schlossenheit des andern im Grunde ärgerte. Du lieber 
Himmel, man konnte doch darüber reden! Und Maybannt 
ivnßte bestimmt mehr, »j.« er merken lassen ivolltc. Der 
Hirsch gab deshalb die Hossnuüg auch noch nicht ans. „Am 
Ende," sagte er zögernd, „gingen wir mal hin zu ihm ans 
die Bude." 
„Natürlich gehe» wir hin. Das versteht sich ant Rande. 
Vielleicht giebt es dort schon zu thun für uns." 
Er sagte das mit so unheimlicher Betonung, daß der 
Hirsch anfs neue erschauerte und wieder das Wohnstiiben- 
feiister aufsuchte. 
Endlich ivar Maybannt fertig. Schnell noch ein paar 
Schluck Kaffee in den leeren Magen, Stock und Hut, und 
dann fort. 
Frau Hebestreit lächelte tvie immer, als sie die Korridor- 
thür öffnete. 
Nein, Herr Dödering war nicht da. War überhaupt 
seit gestern früh nicht heimgekommen. Dabei fing die lustige 
Witwe gar an zu lachen, richtig und laut zu lachen. Die 
beiden tauschten einen vielsagenden Blick. 
„Könnten wir vielleicht einen Augenblick eintreten, in 
sein Zimmer?" 
„Gewiß. Bitte." 
Der Hirsch stürzte sich sofort über den Schreibtisch und 
wühlte in den paar Zeitungen umher, die dort lagen. 
„Nichts da." 
„Was denn?" 
„Ach, ich dachte — vielleicht ein Brief." 
Maybannt hatte dasselbe gedacht, behielt es aber jetzt 
wohlweislich für sich. „Dummheit! Er ist doch keine ver 
lassene Konfektioneuse. So was thut man, aber man schreibt 
vorher keine sentimentalen Briefe." 
Der Hirsch kam allmählich zu der Ueberzeugung, das; 
sein Freund sich auf derlei Sachen ausgezeichnet verstände. 
Er beschloß daher, von nun au nur seine Befehle abzu 
warten. 
„Also was nun?" fragte er demütig. 
„Hierbleiben selbstverständlich. Abwarten. Hierher wird 
am ersten eine Nachricht kommen." 
Sie setzten sich, der Hirsch ans Fenster, Maybaum auf 
das Sofa. Eine Zeitlang war es still zwischen ihnen. 
Maybannt betrachtete mit wchmütigem Interesse seine Uitt- 
gebnng. Es lag allerlei umher, was ihn an die Gewohn 
heiten und Eigenschaften Döderings erinnerte. Auf dem 
Tisch ein paar Handsnche, noch ganz neu, und die Knöpfe 
abgeplatzt — weggeworfen. Auf dem Teppich ein Zehn- 
psennigstück, ein ganz neuer, blanker Nickel — verloren. Und 
so noch verschiedenes. 
„Ja," sagte er, „er war ein origineller Mensch." 
Der Hirsch nickte. 
„Wirklich, es steckte was drin in dem Kerl. So eine 
ungeheure Wurschtigkeit. Das ivar seine Größe — und wird 
auch tvohl sein Unglück gewesen sein." 
Der Hirsch spitzte die Ohren Er dachte: Jetzt kommt's. 
Aber er täuschte sich. Maybannt schüttelte nur langsam den 
Kops und murmelte: „Jammerschade. Er tvar eine Natur, 
thatsächlich eine Natur." 
„Ja," sagte der Hirsch resigniert, „und die Künste des 
Lebens verstand er auch." 
„Jammerschade!" wiederholte Maybanm. 
Da sprang der Hirsch mit einem dumpfen, halb unter 
drückten Schrei. auf und taumelte von seinem Fenster zurück 
ins Innere des Zimmers. 
„Was ist denn los?" 
Der Hirsch deutete stumm nach dem Fenster. Sprechen 
konnte er nicht. 
Auch Maybaum war wie gelähmt. Er vermochte nicht 
aufzustehen im Augenblick.
        
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