Path:
Periodical volume Sonnabend, 12. Mai 1900 Nr, 19

Full text: Der Bär Issue 26.1900

weil es uns S. M. S. „Blücher" in einer Thätigkeit zeig!, die 
wohl einem großen, erstklassigen Panzerschiffe, nicht aber einer alten 
Fregatte, die längst nicht mehr im Gesecht verwendet werden kann, 
gebührt. Infolge der geringen Zahl von Linienschfffen, über die 
unsere Flotte verfügt, muß der „Blücher" nämlich während der 
großen Flottenmanöver stets als Flaggschiff für den leitenden 
Admiral dienen, und wir sehen daher auf einem der Bilder ein 
Torpedoboot Depeschen an Bord dieses Schiffes bringen. — Wie 
dies geschieht, und wie die Thätigkeit der Torpedoboote sonst sich 
abspielt, davon soll uns der nachstehende, letztere Abschnitt dieser 
Arbeit ein kurzes Bild darbieten. 
Die tiefe, satte Dunkelheit einer trüben, regnerischen Herbst 
nacht lagert über den Wogen der Ostsee, Dtirch Mark und Bein 
dringt der naßkalte Wind, der von Osten her über die weite, 
schweigende Wasserfläche dahinzieht, und fröstelnd 
hüllt der einsame Matrose ans der Baek — dem 
Vorderteil — der kleinen Brigg sich fester in den 
schützenden Oelrock. 
Es ist eine langweilige Sache, svlch eine 
Stunde ans dem Ausguck, und wenn man noch 
dazu eben mit Blüh und Rot sich den süßen Schlaf 
gewaltsam aus den müden Angen gerieben hat, 
verfällt man nur allznlcicht in jenen bekannten 
Zustand, der zwar, wie man sagt, zwischen Wachen 
und Träumen die Mitte halten soll, der aber doch 
sicherlich weit mehr der letzteren sich nähert. 
An das Gangspill gelehnt, träumt der Matrose 
von der Heimkehr, und während seine Gedanken 
fern von hier auf deni festen Lande weilen, das 
er in Kürze wieder betreten soll, wandern die Angen 
noch gewohnheitsmäßig am Horizonte hin und her, 
mit mattem, schläfrigem Blick vergebens versuchend, 
die Dunkelheit ringsum zu durchdringe». 
Da, — jäh fährt der Mann auf aus seinem 
Halbschlaf, — sein scharfes Ohr hat ein langes, 
gedämpftes Rauschen vernommen, einen Ton, den 
der seegewohnte Matrose deutlich von dem Geräusch 
der Wogen zn unterscheiden vermag, und mit ge 
spannter Aufmerksamkeit späht er jetzt umher. 
Vergebens; nichts zu sehen, auch das Ohr 
vernimmt bald nicht mehr jenes verdächtige Geräusch, 
und langsam lehnt der Brave sich wieder zurück in seine bequeme 
Stellung. Eine größere Woge, deren Kamin sich rauschend brach, 
hat ihn getanscht. 
Freilich, wessen Augen die herrschende Finsternis durchdringen 
könnten, der würde ein interessanteres Schauspiel gewahre» als 
das lleberbreche» einer See. 
I» geringer Entfernung von der ruhig segeliiden Brigg gleiten 
sieben jener kleinen, schnellen Boote mit halber Maschinenkraft 
durch das Wasser dahin, wie wir sie auf unserem Bilde — Torpedo 
boot 8. 40 in Sec — sehen. 
Lautlos fast, »»heimlich, und ohne auch nur durch einen 
schwachen Lichtschimmer ihre Anwesenheit zu verraten, eilen sie 
vorwärts, dem Feinde entgegen. 
Etwa zwei bis drei Stunden mögen vergangen sein. 
Ganz langsam arbeiten jetzt die kräftigen Maschinen der 
Boote, und mit äußerster Sorgfalt ist jeder Mann an Bord be 
strebt, auch das leiseste Geräusch zu vermeiden. 
Vorn, an deni kleinen, eirunden Kommandoturm, steht der 
Führer des Bootes. Die Hand am Maschinentelcgraphen, späht 
er mit Anstrengung aller Nerven nach vorn, wo ein paar dunkle, 
senkrechte Striche sich schwach von dem Hintergrund abheben. Es 
gehören scharfe Angen dazu, diese schivachcn Linien überhaupt 
wahrzunehmen; aber der jniigc Mann wäre nicht Torpedoboots- 
Kommandant, wenn er sie nicht besäße, lind er sieht diese Striche 
nicht nur, sondern weiß auch, was sie bedeuten. 
Es sind die Masten eines Panzerschiffes, das dort ans dem 
Wasser liegt, und ihm und seinen Kameraden gilt diese nächtliche 
Fahrt. — 
Das langsame, taktmäßige Stampfen der Maschine, der 
einzige Laut, der an Bord des Bootes vernehmbar wird, dringt 
gedampft zn dem Offizier herauf, aber cs wird übertönt von dem 
ungeduldigen Schlage seines Herzens. Wird es gelingen, unbemerkt 
an den gewaltigen Gegner heranzukommen, die Vorposten, die er 
sicher ausgestellt hat, zn täuschen? 
Rein! —■ Jäh und unvermutet, wie ein Blitz aus heiterem 
Himmel, flammt plötzlich etwa 800 Meter rechts von den Booten 
der grellweißc, blendende Lichtkegel eines Scheinwerfers auf. Se 
kunden atemloser Spannung folgen. Suchend 
wandert der helle Schein ans der weiten Flüche 
hin und her, dann trifft er voll die vorderen Boote, 
— der Angriff ist entdeckt! 
Ein zuckender Feuerstrahl, — hart hallt ver 
kürze, scharfe Schlag eines schweren Schnellladers 
über das Wasser, und im Nu wird cs jetzt dort 
drüben auf den Schlachtschiffen lebendig. 
Jetzt gilt es, das letzte zn wagen für den 
verwegenen Angreifer. 
Ein schrilles Glockensignal tönt in den Ma- 
schinenranm hinab, und mit äußerster Fahrt geht 
es vorwärts, dem Höllenfcner gerade entgegen, das 
aus Gewehren, Maschinenkanonen und Schnell- 
ladcrn den Booten entgegensanst. 
Wohl ist solch ein kleines Fahrzeug bei der 
rasenden Geschwindigkeit, mit der es durch das 
Wasser jagt, schwer, sehr schwer zu treffen, aber 
eine einzige der kleinen Granaten, deren die Ma 
schinenkanonen hunderte in einer Minute verfeuern, 
ja eine einzige glückliche Gewehrkugel vermag das 
leichte Boot kampfunfähig zn machen. Wahrlich, 
neben tollkühnster, verwegenster Entschlossenheit 
gehört für einen Torpedvbootsführer im Ernsisalle 
sicher eins mit zn den unentbehrlichsten Dingen, — 
das Glück! —— — .— 
Schnelligkeit und Seefähigkeit sind, wie schon aus Vorstehendem 
hervorgehen dürfte, die Hanpterfordernisse für ein gutes Torpedo- 
fahrzeng, und eben um dieser Eigenschaften willen eignen sie sich auch 
vorzüglich zn manchen Dingen, die eigentlich dem Torpcdowesen 
sehr fern liegen. 
Bor allem gehören hierher der Rckognosziernngs- und der 
Tcpeschcndienst, so daß, wie man sicht, die Aufgaben, denen ein 
junger Offizier als Torpedoboots-Kommandant gerecht zu werden 
hat, nichts weniger als einfach sind. 
Die Notwendigkeit, eine wichtige Depesche mit größtmöglicher 
Schnelligkeit an ihren Bestimmungsort zu bringen, mutet den 
Booten wie ihren Besatzungen in schlechtem Wetter oft An 
strengungen zu, denen nur auserlesene Leute und das denkbar beste 
Material gewachsen sind. 
Daß aber diese Leute und dies Material in unserer Flotte 
vorhanden sind, dafür besitzen wir mehr als einen Beweis. — 
Mannschaften und Offiziere vom Schlage derer, die, ein Hnrrah 
für ihren Herrscher ans den Lippen, mit der unglückliche» „Iltis" 
in die Tiefe gingen, dürfe» in der ganzen Welt ihresgleichen 
suchen, in derselben Welt, die auch der deutschen Schiffsbanindnstric 
ihre vollste Auerkcnnnng zollen muß. H. de Meville. 
.Torpedoboot 8. 40.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.