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Periodical volume Sonnabend, 12. Mai 1900 Nr, 19

Full text: Der Bär Issue 26.1900

Seither habe ich viele Oesterrcicher, Ungarn und Böhmen kennen 
gelernt und bin stets gut mit ihnen ausgekommen. Ja, ich kann 
mit Stolz sage», daß selbst Direktor Lautenburg, wenn er hoch zu 
Roß die Linde» hinunter reitet und mich als bescheidenen Fußgänger 
aus dem Trottoir bemerkt, mir einen Gruß zuwinkt und mir 
ein vernehmliches: „Servus!" zuruft. Aber ich will nicht den Ver 
dacht erwecken, als wollte ich mich mit meinen Bekanntschaften 
brüsten, und möchte mich hier rein sachlich auf die Hervorhebung 
der Kultnrerrungenschaften beschränken, die Berlin von den Bundes 
brüdern dies- und jenseits der Leitha übernommen hat. 
Wer wie ich der monistischen Weltanschauung huldigt, vermag 
das Leibliche vom Geistigen nicht zu trennen, und so muß denn 
zunächst hervorgehoben werden, daß Berlin den Oesterreichcrn 
manche ständige Bereicherung des Wirtshansmenus ver 
dankt. Wenn Beinfleisch, Wiener Schnitzel, Gulasch uud Backhuhn 
nicht existierten, würden mir die ruhenden Punkte in der Speisen 
folge Flucht fehlen, und ich würde in Folge der erschwerten Aus 
wahl doppelt so lange hungern, wie ein norddeutscher Normal- 
mensch vertragen kann. Und daun die seit Jahrzehnten bei uns 
eingebürgerten Mehlspeisen! Kaiserschmarrn, Topfenkuchen, Apfel" 
strudel, Wiener Tascherln, Scheiterhaufen, Griesschmarrn sind 
Worte, bei deren Nennung selbst dein Ilrberliuer das Wasser 
im Munde zusammenläuft. Wir haben dieser süddeutschen 
Kücheninvasion nur das Eisbein uud die Jauersche entgegen 
zusetzen, und wer den Pfannkuchen mit dem Kipferl zu 
vergleichen wagt, dem fehlt jeder Sin» für den Unterschied 
des materiell Plumpen und des luftig Phantasievollen. Nehmen 
wir noch den roten oder weißen G'spritzten uud das Pilsener 
Bier hinzu, so findet sich unter den von Oesterreich aus in die Reichs 
hauptstadt importierten Genüssen alles vereinigt, was Gaumen 
»nd Zunge anregt, ohne den Magen zn überfüllen, und es ist die 
beste Aussicht vorhanden, daß wir unter dem Einfluß des ver 
besserten Stoffwechsels es in absehbarer Zeit zu einer Berliner 
Abart jener leichtfüßigen Feschheit bringen, die ein Kennzeichen des 
Wieners bildet. 
In Berlin ist fast jedes Kronland der österreich-ungarischen 
Monarchie durch einen Verein vertreten. Wir haben den Berliner 
Ungarverein, den Böhmisch slowenische» Verein, den Verein der 
Ocsterreicher, den Klub Austria, die österreichische Landsmannschaft 
Bnkoivina, den Verein österreichisch-ungarischer Reserveoffiziere und 
den österreichisch-ungarischen Hilfsverein. Wir sehen also, daß 
Die Oesterreicher ohne Unterschied der Sprache und der Nationalität 
sich bei »ns ivohl uud in dem Gedanken gewissermaßen einig fühlen, 
ihren Stamineseigeutümlichkeiten gruppenweise gesondert bei uns 
Geltung zu verschaffen. Als neutraler Boden bleibt ihnen das 
Wiener „Cafs"; hier treten sie in geschlossener Masse auf und 
haben die nachhaltigsten Erfolge zu verzeichnen. Der Schwarze, 
die Melange, der Kapuziner, die Schale Braun haben den philister 
haften Berliner „Milchkaffee" auf der ganzen Linie geschlagen. 
Er hat sich beschämt in die Bororte zurückgezogen und fristet dort, 
die große Bunzlauer Kanne verdrängend, ein bescheidenes Dasein. 
Das Wiener Cafe hat uns dem Weltstadtwcrden genähert »nd 
mehr zum Ausgleich der Stände beigetragen, als sich die Sozial- 
pvlitiker träumen lassen. Der Wiener Cafe-Kellner ist zum 
Kulturträger geworden. Geschäftig eilt er vom Buchmacher zum 
Schriftsteller, vom Schauspieler zum Artisten und vermittelt die 
jedem angemessene körperliche und geistige Nahrung. Ob man es mit 
Siechen oder Skrivanek, mit Nürnberg oder Pilsen hält, bei Bauer, 
im Kaiser-Cafs findet man sich wieder, und 
nur im National — oder bei Keck kennt man 
sich nicht — aus naheliegenden Gründen. 
Wer will es leugnen, daß der Typus 
des Wiener „Gigerl" der ganzen nord 
deutschen Jugend den Stempel seiner welt 
männischen „Wurschtigkeit" aufgedrückt 
hat? Ter schräg in die Stirn gedrückte 
Hut, der kurze, die Frackschöße zeigende, 
uud später der schlafrockähnliche lauge 
lleberzieher, der mit der Krücke nach 
unten getragene Stock, die aufgekrempelte 
Hose, die Schuabelschuhe, das alles sind 
von Wien her importierte Eigentümlich 
keiten, »nd wenn wir uns nicht die 
Habysche Bartfrisur „Es ist erreicht" 
reserviert hätten, so wäre unser äußerer 
Mensch ganz und gar „verschgniet" und 
„vcrstriezelt". Für den Gentleman waren 
wir noch nicht kulturreif, uud so haben 
wir uns mit seiner süddeutschen Abart, 
dem „Gigerl", vorläufig begnügt. 
Und nun erst Kunst und Litte 
ratur mit allen ihren Abzweigungen! 
Die klassischsten Tragödien werden bei uns 
im Wiener Dialekt gespielt. Den Herren 
Ferenczi und Lautenburg haben wir 
nur den Burgtheaterdirektor Schlenther 
gegenüberzustellen, und wir könnten uns allenfalls auf den Leiter 
der Mctropolebühne mit dein urberlinischen Namen Schulz 
berufen, wenn er nicht trotzdem zufällig — Wiener wäre. Daß 
Grillparzer und Anzengruber in unserem Theaterrepvrtoire eine 
größere Rolle spielen als in Wien, mag uns mit berechtigtem 
Stolz erfüllen. 
Vom Brandenburger Thor herab wehten bei dem Einzuge 
des Kaisers Franz Joseph die österreichisch-ungarischen Fahne», 
»nd wenn die böhmischen Fahnen vorläufig noch fehlten, so haben 
wir wahrscheinlich den bevorstehenden Ausgleich durch die Sprach- 
verordnuug abgewartet. Das Repertoire des großen Zapfen 
streiches wies neben dem Radetzki- den Pariser Einzugsmarsch, 
neben der Kaiserhymne das Heil Dir im Siegerkranz auf, und 
daß die Königgrätzerstraße nicht in Franz Josephstraße umgetauft 
worden ist, hat nur am Zeitmangel und an der bureankratischen 
Schwerfälligkeit der zuständigen Behörden gelegen. Im übrigen 
ist die Festigkeit des Dreibundes durch überflüssige historische Re 
miniszenzen nicht zu erschüttern, und wem die oben stehenden 
Ausführungen zn gallig erscheinen, den wollen wir mit der Ver 
sicherung beruhigen, daß es nach unserer Ueberzeugung trotzdem 
und alledem den Berlinern nicht schaden würde, wenn sie sich von 
der Leichtlebigkeit und Feschheit, au deni harmlosen Humor und der 
naiven Gutmütigkeit des Wieners manches aneigneten. Servus!! 
Georg Malkowsky. 
Berlin irn FrstsckMuck: Der Pariser Platz vor dem Einzüge. MoinentUnfnahiiic von Hugo Rndolphy.
        
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