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Periodical volume Sonnabend, 5. Mai 1900 Nr, 18

Full text: Der Bär Issue 26.1900

gcschüfts verfaßt und mit interessanten Illustrationen ausgestattet ist, 
und mehrere Schulprogramme, von denen eins die Wasserzufnhr und 
die Entwässerung Berlins, zwei andere die Geschichte des Friedrichs- 
Gymnasiums und Rcalgyninasiiiins, ein viertes die draniatischen Auf 
führungen ans Berliner Gymnasien im 17. Jahrhundert behandelt. 
Der Vorsitzende Gcheimrat E. Friede! machte dann einige geschäft 
liche Mitteilungen, der zweite Schriftwart, der Bibliothekar und der 
Archivar erstatteten Bericht über die Eingänge des verflossenen VereinS- 
jahrs, und zuletzt wurde die Neuwahl des Ausschusses vorgenommen. 
Den Hanptvortrag des Abends hielt Prof. Dr. Krüner über 
„Märkische» Handel und Handelsstraßen im Mittelalter". 
Der Vortragende sprach in der Einleitung seines Vortrags über die Quellen, 
aus denen man Nachrichten über den Handelsverkehr im frühen Mittel- 
alter schöpfen kann und bezeichnete als solche die Zollvcrträge der Städte 
und die Hansarezessc; doch sind die gewonnenen Nachrichten nur sehr 
dürftig. Besser kann 
man die Entwicklung 
der Handelsstädte an 
den Uebertragungen 
des Magdebnrgischen 
und Lübischen Rechts 
erkennen. Die älte 
sten Zeugnisse für die 
zunehmende komnicr- 
zielle Bedeutung Ber 
lins sind verschiedene 
Privilegien aus dem 
Ende des 13. Jahr 
hunderts, besonders 
die Verleihung des 
Niederlagsrechts und 
des Wasserzolls aus 
der Obersprce durch 
den Markgrafen 
OttoV.imJahre1298. 
Die von den Kauf 
mannsgilden in ver 
schiedenen Kirchen ge 
stifteten Altäre zuni 
Tank für die glück 
liche Heimkehr ihrer 
Mitglieder von weiter 
Fahrt weisen darauf 
hin, daß die Handcls- 
wcge der märkischen 
Kaufleute räumlich 
bereits ziemlich aus 
gedehnt waren. 
Der märkische 
Städtebund gewährte 
dem Handel des 14. 
Jahrhunderts ge 
wichtigen Schutz, iuib 
in noch höherem Maße 
wurde die Sicherheit 
des Handelsverkehrs 
gestärkt, seit die mär 
kischen Städte in die 
Hansa eintraten.Ueber 
die uni jene Zeit in 
der Mark üblichen 
Handelsartikel belehrt 
uns das um 1397 
entstandene Berliner 
Stadtbuch, nach dem 
zu den eingeführten 
Waren Heringe und 
getrocknete Fische, 
Kolonialwaren, feine 
Weine und Oele, Ei 
sen- und Bronze 
sachen, feinere Tuche, 
Felle und Häute, zu 
den Exportartikeln 
Feld- und Garten- 
produkte, Fische, Bier Kaiser Franz Joseph 
und Wein und grobe 
Tuche gehörten/ Ein 
Teil des Handelsverkehrs zog sich von der Ostsee über Oderberg nach Berlin 
und dem Westen und über Frankfurt nach der Lausitz und nach Schlesien, 
ein Teil von Berlin die Havel und Elbe entlang nach Hamburg, ein 
anderer Teil von Erfurt und Magdeburg über Brandenburg, Berlin 
und Frankfurt nach dem Osten und umgekehrt. Unter der Regierung 
Kaiser Karls IV. erreichte der märkische Handel seinen Höhepunkt, da 
der Kaiser treffliche Maßregeln für die Sicherheit und Ordnung auf deu 
Landstraßen einführte. Mit dem Verlust der städtischen Freiheiten unter 
Kurfürst Friedrich II. sinkt die Bedeutung der Städte, die Handelsstraßen 
veröden, und die veralteten Privilegien der Niederlage und des Straßen 
zwanges können den Verfall nicht aufhalten. —t. 
Kleine Mitteilungen. 
Kaiser Franz Joseph von Oesterreich trifft am 5. Mai zur 
Feier der Mündigkeitserklärung des Kronprinzen in Berlin ein. 
Märkischer Aberglauben. Beim Abbruch der alten Kirche in 
Buckow bei Kalau hat man in den Spalten der Balken und Holz- 
sänlen des Kirchenschiffs eine Anzahl Geldstücke, meist Thaler- und 
Zweithalerstücke aus dem 18. Jahrhundert, vorgefunden, die einzeln 
in Papier eingewickelt waren. Diese Geldstücke sind dort infolge eines 
Aberglaubens versteckt worden, der sich in vereinzelten Fällen noch bis 
heute erhalten hat. Sobald nämlich in einer Familie mehrere Kinder 
schnell hinter einander gestorben waren, opferte man der Kirche heimlich 
ein Geldstück und versteckte es an einem verborgenen Orte, wie im vor 
liegenden Fall in den Fugen und Spalten der Balken oder in einer 
Ritze des Altars oder der Kanzel. Der Zweck dieses Aberglaubens war, 
den vermeintlichen Zorn des Himmels zu versöhnen und weitere Todes 
fälle in der Familie abzuwehren. Dieser noch heutzutage vereinzelt 
ausgeübte Aberglauben erinnert an den heidnischen Brauch, Weihgcschenkc 
in Gestalt von Steiuwaffen unter die Rinde heiliger Bäume zu stecken, 
um deu Zorn der Götter, Blitzschlag, Feucrsgefahr und Krankheit ab 
zuwenden, und steht vermutlich zu dieser heidnischen Sitte in Beziehung. 
Doch ist es auch 
möglich, daß er sich 
als Ueberrest katho 
lischen Opferknlts un 
ter der Landbevölke 
rung erhalten hat. 
Der Herzog von 
Reichstadt. Man 
war bisher der An 
sicht, daß der Herzog 
von Reichstadt, der 
Sohn Napoleon l. 
aus der Ehe mit 
Maria Luise von 
Oesterreich, der 
1832 zu Schönbrunn 
im 21. Lebensjahre 
in den Armen seiner 
Mutter an der 
Schwindsucht starb, 
seinem Vater stets die 
leidenschaftlichste Ver 
ehrung erwiesen habe. 
Dieser Ansicht, die be 
reits durch die jüngst 
veröffentlichten Briefe 
des jungen Prinzen 
an den Grafen Neip- 
pcrg erschüttert wer 
den, tritt nunmehr 
in der „Revue de Pa 
ris" auch Frederic 
Masson, der Ge 
schichtsschreiber der 
Bonapartes, entge 
gen. Mnssou glaubt, 
daß der junge Herzog 
von Reichstädt bis 
zum Jahre 1831, 
wo er den Besuch des 
Marschalls Marmout 
empfing, überhaupt 
nur eine sehr unklare 
Vorstellung von den 
Ereignissen in Frank 
reich von 1796 bis 
1815 und von den 
Vorgängen, die den 
Sturz des Kaisers 
herbeigeführt, gehabt 
habe. Dieser Besuch 
erst brachte ihm die 
Aufklärung, die ihm 
somit erst ein Jahr 
vor seinem Tode zu 
teil wurde. Unter ein 
Aquarellporträt, das 
er dem Marschall 
Marmout schenkte, 
schrieb er als Wid 
mung die Verse Ra- 
cincs aus „Phädra": 
„Arrivd pres de moi — par un zele sincere 
Tu me contais alors l'histoire de mon pere; 
Tu sais combien mon äme, attentive a la voix, 
S’echauffait au recit de ses nobles exploits.“ 
Nach der Darstellung Massons hatte der österreichische Hof keine 
große Mühe, den Sohn des Kaisers, „le Als de l'homme“, in dieser 
Unwissenheit zu halten. Ter Herzog von Reichstadt war mehr 
Habsburger als Bouapartc. Er hatte von seinem Vater weder die 
Statur, noch die Gesichtszügc, noch die Augen, noch die Gesichtsfarbe. 
Die von ihm vorhandenen Bildnisse und die nach seinem frühen Ab 
leben abgenonimene Totenmaske erinnern an das Gesicht seiner Mutter, 
Maria Luise, und auch an die Kaiserin Maria Theresia. Von seinem 
inneren Wesen weiß man wenig. Masson sucht seinen Charakter 
ans der Handschrift des jungen Prinzen zu konstruieren und kommt 
auf dieser allerdings schwankenden graphologischen Grundlage zu Er 
gebnissen, die wenig schmeichelhaft find für den Herzog von Reichstädt, 
und die diesen nicht im entferntesten als einen Heros erscheinen lassen, 
an dem sich die napolconischc Legende stärken kann. „Kein Strich und 
kein Accent erinnert an die charakteristische Handschrift des Kaisers, die 
I. von Oesterreich.
        
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