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Periodical volume Sonnabend, 13. Januar 1900 Nr, 2

Full text: Der Bär Issue 26.1900

all die vollen Taschen — denn um die handelt sich's für die 
Franzose» zuerst. Sie sind kluge Geschäftsleute und kalkulieren 
sich sehr genau die Milliarden zusammen, die ihnen in's Land 
fließen werden. 
Und dieses so eminent künstlerisch veranlagte Volk weiß mit 
den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln auch zu wirtschaften. 
Kühn hat man den gewaltigen einstigen Jndustriepalast einfach 
heruntergerissen, um eine neue großartige Bauflucht zu schaffen. 
vo» der pariser Wclsauostrllniig: Palais für vaiidwirlschafi elr. 
(GroöcS Treibhaus.) 
neue Brücken über den Strom gezogen und wahre Wunderwerke 
der Architektur errichtet. Gleich wenn man den Haupteingang 
passiert hat und wenige Schritte links ans den neuen „Pont; 
Nicolas II“ tritt, öffnen sich überraschende Ausblicke: Geradeaus 
die Seine hinab, rechts auf dein Onai und tcilweis in den Fluß 
hineingebaut, dasgroteske, malerische Häusergerümpcl von Alt-Paris, 
bei dessen Aufbau der geniale Robida seinem Talent hat die 
Zügel schießen lassen. Dahinter heben sich minarctähnlich die 
Türme des alten Trocadcropalastes in die Höhe. Ans dem linken 
User liegen all' die Gebäude, die sich die einzelnen Nationen gleich- 
sam als offizielle Wohnung, immer im Stil ihres eigenen Landes, 
geschaffen haben; da sehen wir die Zwiebclknppeln russischer 
Architektur, die spitzen Türme des altdeutschen Hauses, bosnische, 
türkische, indische, spanische Stilformen nebeneinander und so entsteht 
ein ungemein fesselndes, phantastisches Bild, aus dem dann in der 
Ferne die hohe Radel des Eiffelturmes emporragt. Und nun zur 
Linken: Der ganze weite Platz der „Jnvaliden-Esplanade" ist mit 
Gebäuden bedeckt, so daß man von der endlosen Fensterreihe des 
Jnvalidenhauses kaum etwas sieht und nur die goldene Kuppel des 
Domes als eine Art Bekrönung empfindet. Und zu unserer 
Rechten dann die beiden in blinkendem Weiß glänzenden Paläste, 
die die neue Kunst und die retrospektive Ausstellung aufnehmen sollen. 
Das große Eingangsportal ist mitten im Herzen der Stadt, 
am Concordienplatz gelegen. Mr. Binet, der Architekt desselben, 
schasst hier in einem Stil, der starke Anklänge an die Formen 
indischer Tempel ausweist, ein Gebäude für den Empfang der ganzen 
Welt, das in seiner eigenartigen Phantastik etwas unerhört fest 
liches und frohes hat, und so die Stimmung für diese ganze riesige 
„vanity fair“ giebt. 
Einen gewaltigen Anziehungspunkt werden die Gebäude bilden, 
die auf der Jnvaliden-Esplanade errichtet sind. Hier wird alles 
zur Schau gebracht, was mit der Innendekoration und dem Mobiliar 
irgend zusammenhängt. Hier wird der ganze Pariser Luxus sich 
ausbreiten, von der Seidcntapele bis zuin Bijou, vom Möbel bis 
zum Spitzenjupon. Aber nicht nur dies: Mr. Dervills, dem diese 
Abteilung untersteht, hat in aller Herren Länder seine Beauftragten 
in die berühmtesten Sammlungen geschickt, um überall die 
köstlichsten Stücke allen Knnstgewerbes zu entleihen, und so eine 
retrospektive Kunstgewerbe - Ausstellung zu schaffen, wie sie bis 
jetzt noch nie da war. Geht man von hier den Quai d'Orsay 
entlang, an all den Nationalgebäuden der einzelnen Staaten 
vorüber, so sehen wir, aus dem Marsfeld angekominen, auch 
hier schon alles unter Dach. Hier sind die weiten Hallen, in 
denen die Erzeugnisse der Jndustrieen, der mechanischen und 
chemischen Technik, das Erziehnngswesen und die Wissenschaft 
ihre Stätten finden werden. Run führt uns der Weg gerad- 
über die Seine hinweg zum Trocadero, da werden wir die 
gewiß äußerst interessanten Ausstellungen des Kolonialwesens der 
einzelnen Völker studieren können. Da werden wir den Indianer- 
wigwam neben dem Kaffernkral, den chinesischen Pavillon neben 
dem Madagassenhaus sehen. Ueber die ganze Ausstellung verstreut 
ist nun die Fülle der einzelnen besonderen Sehenswürdigkeiten und 
Anziehungspunkte. Da werden wir die geistreichen Erzeugnisse^ des 
Zeichners Gnillaume und Armand Siloestres im „Theatre 
Guillaume" finden, die Ronlotte wird hier ihr Zelt aufschlagen, kurz, 
der ganze lustige Jahrmarktsrnmmel wird sich auf dem rechten Ufer 
der Seine, zwischen Champs Elisses und Trocadero ausbreiten und 
nur das Gebäude der Stadt Paris und die Ausstellungshallen 
für Landwirtschaft und Gartenbau werden hier als einzige ernste 
Noten in dem lustigen Akkord mitklingen. Drüben aber, auf dem 
MarSfelde, giebt's dann „Venedig in Paris", den Mond auf ein 
Meter herangeschranbt, den Frauenpalast und die Kostümansstellniig, 
das Mnrsorama, den Himmelsglobus und — last not least — 
das Gebäude für die offiziellen Wunderfeste, die in der Ausstellung 
veranstaltet werden sollen. 
Damit aber auch die Besucher der Jnvaliden-Esplanade reiche 
Abwechselung finden, ist dort das „bretonische Dorf", die pro- 
vcnyalischen und gasconischcn Niederlassungen aufgeführt — man 
wird sich da nicht zu langweilen brauchen, das ist sicher! 
Wie auf der Weltausstellung in Chikago, erbaut sich das 
deutsche Reich auch in Paris ein Repräsentations-Gebäude. Der 
selbe Architekt, Johannes Radke, dessen Pläne damals in der 
Konkurrenz den Sieg davon getragen hatten, hat auch für das 
Pariser „Deutsche HanS" die Entwürfe geliefert. Der deutsche 
Kaiser selbst hat seinem Plan den Vorzug gegeben. Die Absicht 
beim Bau dieses Repräscntationshauses ist nicht, durch unerhörte 
Prachtentfaltung und Glanz zu blenden, sondern die einfach elegante 
Art des deutschen Bürgcrwohlstandes zu zeigen und gleichzeitig 
durch Anwendung der verschiedenen Einzclformen in Erkern, Altanen, 
Türmen und Fassadenbcmnlnng ein Bild davon zu geben, wie 
von der Pariser Weltausstellung: Palais für Jagd und Fischerei. 
man zur Zeit der höchsten Kunstblüte, die deutsche Kultur bisher 
erlebte, zur Zeit der Renaissance in den Städten seine Häuser baute. 
So hat der Baumeister die architektonischen Einzelmotive zum 
„Deutschen Hause" sich zuvörderst in den alten süddeutschen Städten, 
namentlich Nürnberg geholt. Wie unsere Abbildungen zeigen, wird 
ein überaus stattlicher Bau entstehen. Auf 7000 qm Grundfläche 
wird er sich 25 m hoch bis zum Dachfirst, und 62 m bis zur 
Spitze des Haupttnrmes erheben. Die Breite der Gesamt-Fassade 
beträgt 26 m, die Tiefe des Bauplatzes 28 in.
        
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