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Periodical volume Sonnabend, 5. Mai 1900 Nr, 18

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Peailletor) des J|äp. 
Pr>ci ist der 1 föavsch- 
Roman aus dem Ltudentenleben von (D. Lugen Thossan. 
(Fortsetzung.) 
u mußt durchaus nicht, mein Schatz," entgegnete Herr 
Rambke. „Aber Du darfst. Ich weiß, Du machst Dir 
selbst —" 
„Dann bleiben ivir einfach alle hier," rief Maybaum 
vergnügt. „Es ist ja sehr nett in dieser Kajüte." Was 
war ihm am Petersberg gelegen? Die hinstürmende Jugend 
hat für gewöhnlich keine Zeit, sich mit solchen Bagatellen 
wie Naturschönheit abzugeben. Es ist, als ob die Natur, 
die in ihr selbst revoltiert, zuviel von ihrer Gefühlsfähigkeit in 
Anspruch nimmt, so daß für das Drumherum nichts übrig bleibt. 
Aber Herr Rambke fuhr mit Entschiedenheit dazwischen. 
„Nein. Daraus wird nichts. Ihr beiden jungen Leute 
geht auf jeden Fall. Euch thut's noch nicht weh, wenn der 
Augenschein Eure Eindrücke korrigiert. Es ist Euch aber sehr 
gesund. Wenn Ihr überhaupt schon Eindrücke habt. Und 
wenn Jhr-Zie noch nicht habt, dann holt sie Euch gefälligst. 
Uns könnt Ihr dabei entbehren." 
Da gab's keine Gegenwehr. 
Sie machten sich also aus. 
Zwischen mannshohen Hcckenwänden ging's zuerst bergan. 
Das Grün war noch dünn und hell, aber zahlreiche Blumen 
blühten schon am Fuß der Sträucher, und lebhaft regte sich 
ringsum die Vogelwelt. Dann traten sie plötzlich aus dem 
Gang hinaus ins Freie. Vor ihnen lag die Kuppe des 
Berges. Einzelne Bäume standen umher und wiegten die 
knospenden Wipfel im leisen Wind. Zwischen Geröll und 
Mauertrümmern lagen zerstreut die Bauernhäuser, als ob sie 
der Sturm zufällig dahingeblasen. Nirgends war ein Mensch 
zu sehen, nicht in den Höfen, nicht hinter den Fenstern. Eine 
feierliche Stille breitete sich ringsum aus, nur über ihnen 
das sanfte, gleichmäßige Säuseln des Höhenwindes. 
Auf der höchsten Spitze stand die Kirche mit dem Pfarr 
haus. Dort hinaus kletterten • sie nun. Im Schutz der an 
strebenden Mauern hatten sich die Bäume enger zusammen 
gedrängt und bildeten mit ihren Kronen schon ein luftiges Dach. 
Darunter lag, nur von einer niederen Mauer eingefaßt, ein 
kleiner Friedhof mit wenigen Gräbern, zwischen denen der 
Weg zur Pforte hinführte. Ein größerer Stein, der dicht 
neben der Kirchenthür einen Hügel schmücken sollte, war halb 
umgesunken und lehnte wie müde an der Wand. Epheu 
umschlang ihn mit zärtlichen Armen und schob sich weiter 
hinaus an der Mauer entlang bis unters Gesims. 
Sie hatten eine ganze Weile stumm gestanden und das Bild 
in sich gesogen. Dann fing Wally plötzlich an, ohne alles Pathos, 
mit schlichter Natürlichkeit, als müßte es so sein, als zwänge 
sie die Situation dazu, die Verse vor sich hinzusprechen: 
Alles still. Nur leise, leise 
Sind der Linden Wipfel wach, 
Rauschen sie die unendliche Weise 
Ewigen Friedens um das Dach. 
Heilige Stille des Friedhofs meidet 
Scheu der Lebendigen Treiben und Thun — 
Immer hab ich die Toten beneidet, 
Die vor der Hausthür Gottes ruhn. 
- „Sind Sie so lebensmüde?" fragte Maybaum spöttisch. 
„Ja," gab sie ruhig zur Antivort. „Manchmal." 
„Und weshalb?" 
„Ja — das ist schwer zu sagen. Am liebsten möchte 
ich es so fassen: Ich fühle mich überflüssig auf der Welt." 
„Ach, du heiliges Unglück!" entfuhr es ihm. 
„Ja, Ihr Männer lacht jedesmal, wenn Ihr so etwas 
von uns hört, und meint, es wäre eine alte Klage. Das ist 
es auch. Aber berechtigt ist sie deswegen doch. Wenn ein junges 
Mädchen erst zu denken anfängt — ich meine nur so hier und 
da einmal — dann muß es sich sagen: Das Leben, das Du 
führst, ist eigentlich der Gipfel der Zwecklosigkeit." 
„Ich weiß doch nicht" — wollte er erwidern. 
„Aber ich weiß es," fiel sie ihm ins Wort. „Ganz genau 
weiß ich es, was Sie sagen wollen. Ich kenne das alles, 
und ich gebe zu, es liegt viel Wahrheit darin. Ich bin auch 
weit davon entfernt, mich für etivas besonders Geniales zu 
halten — aber ich werde doch das Gefühl nicht los. Und 
das ist für nüch jedenfalls das Ausschlaggebende. „Ach," 
rief sie dann mit einemnial laut und sah ihn ordentlich be 
geistert au, „ivenn ich ein Junge wäre!" 
„Na, ivas denn da?" sagte er trocken. 
„Oder vielmehr gleich ein Mann, das wäre mir noch 
lieber," fuhr sie ivieder ruhiger fort. „Was da wäre, meinen 
Sie? Du lieber Gott, dann stände mir die Wahl offen." 
„Da hätten Sie auch was Rechtes," knurrte er. 
Sie überhörte ihn. „Dann könnt ich alles lernen, was 
ich wollte, alles lesen, über alles sprechen und alles thun, 
was mir beliebte." 
„Thun also auch," warf er boshaft ein. 
„Ja, auch alles thun, was ich für nötig hielte," gab sie 
zurück. „Das muß ja ein Gefühl sein, ivie es keins wieder 
giebt, wenn so ein junger Mann hinausgeht, ich will einmal 
sagen, einer, der die Universität zum erstenmal bezieht; wenn 
er sich sagt: jetzt geh ich die Welt zu entdecken." 
„Und findet sie nicht. Oder ivenn er sie findet, ist sie 
auch danach."' 
„Wie sie ist, darauf kommt's gar nicht an. Ob schön 
oder nicht, das ist ganz einerlei. Für das Entdeckergefühl, 
meine ich. Aber die meisten suchen ja gar nicht. Ich weiß 
zivar nicht, wie ich's anstellen würde; aber das steht fest, 
anders würde ich's machen, als — als die meisten Ihrer 
Kommilitonen." 
„Und wie ich." 
„Ja, auch anders als Sie. Ganz anders." 
Er wandte sich zum Gehen, und sie folgte ihm. Schweigend 
umschritten sie das Pfarrhaus, auf schmalem, steinigem Pfade, 
der ihnen unter den Füßen fortrollen ivollte, dem Vorsprung 
des Berges zu, der wie eine Kanzel in die Rundung des 
Gipfels eingefügt war. Als sie wieder still standen, fragte 
sie: „Sind Sie mir böse?" 
„Nein." 
„Geben Sie mir die Hand darauf!"
        
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