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Periodical volume Sonnabend, 5. Mai 1900 Nr, 18

Full text: Der Bär Issue 26.1900

Städte- und Landschaftsbitder. 
Mus der Umgegend Berlins: Woltersdorfer Schleuse. 
lieben Vaterland ist vielfach die Mär verbreitet, daß die 
deutsche Reichshauptstadt inmitten einer weiten Sandebene 
liege, die aller landschaftlichen Reize bar sei. Roch jüngst 
erzählte mir ein Ehepaar, das kürzlich aus Straßbnrg nach Berlin 
LörKrrih. 
versetzt worden war, daß der Tausch ihnen beiden besonders deshalb so 
schwer geworden sei, weil sie angenommen hätten, daß sie hier ans 
jeden Naturgenuß ver 
zichten müßten. Da 
seien sie denn ans das 
freudigste überrascht, so 
viele reizende Punkte 
in dieser als häßlich 
verleumdeten Gegend 
kennen zu lernen. 
Es ist das Wesen 
des Märchens, nicht 
anszusterben, sondern 
sich von Kind ans 
Kindeskind zu vererben. 
Und da das Märchen 
sehr alt ist, die Eisen 
bahnen aber, die die 
stillen Reize der Mark 
erst erschlossen haben, 
zum Teil sehr jung 
sind, so ist es am Ende 
nicht zu verwundern, 
daß sich noch heute so 
viele Landsleute in völliger Unkenntnis über die Mark befinden, 
ja, daß es selbst in der Hauptstadt viele den höheren Ständen 
ungehörige, gebildete Leute giebt, die keine Ahnung haben, welche 
idyllischen Landschaften die Umgegend bietet. Höchstens Potsdam 
und die Villenkolonien des Grunewalds kennen sie. Im übrigen 
bleibt ihnen die Mark trotz Fontane „unsers lieben Herrgotts Streu 
sandbüchse", in der nicht viel zu holen ist. 
Ganz im Gegensatz dazu kennt und liebt der Berliner des 
kleinen Bürgerstandes seine Heimat und ist überzeugt, daß sich 
nichts aus der Welt mit den märkischen Seen und Wäldern ver 
gleichen lasse. Er scheut cs nicht, mit zwanzig Personen zusammen 
gepfercht in einein Conpce Ul. Klasse der Stadt- und Vorortbahn 
zu fahren, und zieht den Sommer hindurch allsonntäglich mit 
Kind und Kegel aus, um sich in der Natur für die Arbeit der 
Woche zu entschädigen. Je schwerer das Vergnügen erkauft wird, 
desto höher schätzt er es. 
Zu den schönsten Punkten der Umgegend Berlins gehört un 
streitig die Woltersdorfer Schleuse. Der Ort hat seinen Namen 
von der bereits 1608 erbauten, 1882 verlegten Schleuse, die Flaken- 
und Kalksee mit einander verbindet. Von Erkner, das wir mit 
dem Vorortzug vom schlesischen Bahnhof in einer knappen Stunde 
erreichen, führt uns das Dampfschiff in 10 Minuten über den 
ri'oirersoorrer vnjinuE. 
rings von dunkeln Föhrenwäldern umkränzten lieblichen See zum 
Ziel. Am Abhang und zu de» Füßen der malerischen Kranichs 
berge lagert sich die im Grün halb verborgene Villenkolonie an 
einer kleinen Bucht, während sich das Dorf auf einer Landzunge 
zwischen den beiden Seen bis nach dem Kirchdorf Woltersdorf 
emporzieht. Auf dem höchsten Punkt der schmalen, bergigen Halb 
insel liegt Knochs Kurhaus, eine physikalisch-diätetische Heilanstalt, 
deren Ausdehnung und Ruf jährlich wachsen, und die wohl am 
meisten dazu beiträgt, die Gegend bekannt zu machen und auch 
Fremde anzulocken. Der Blick von hier oben ans drei Seen und 
die prächtigen Wälder ist sehr schön; eine noch umfassendere Fern 
sicht bietet sich aber von dem Aussichtstnrm, der in den achtziger 
Jahre» auf der Höhe der Kranichsbcrge erbaut ist. Das ist der 
rechte Platz, um die Mark schützen zu lernen. Da schauen wir 
über die wogenden, dunkeln Föhreuwälder, zwischen denen immer 
neue Wasserspiegel aufleuchten, bis nach Fürstenwalde hinüber. 
Dort grüßen die Müggelberge mit den vier bei Schmöckwitz sich 
vereinigenden Seen, links Erkner mit dem Dämeritzsee, etwas 
östlicher Werl-, Petz- und Möllensee', die durch die anmutig 
durch Wald und Wiesen sich schlängelnde Löcknitz mit dem 
Flakeusee verbunden sind. Rechts Rüdersdorf mit seinen imposanten 
Kalksteinbergen und — leider auch mit Fabrikschornsteinen, darüber 
hinaus der Stienitzsee und die großen Ziegeleien von Herzfelde. 
Ein Vorzug Wol 
tersdorfs sind die un 
zähligen Spaziergänge 
und Ausflüge, die sich 
von hier aus unter 
nehmen lassen. Oft 
mals werden wir, durch 
die herrlichen Wälder 
streifend, an Thüringen 
erinnert, das wohl wer 
weiß was geben würde 
für einen See, wie hier 
fünfzehn in nächster 
Nähe liegen. Und 
ivahrlich, höchst reizvoll 
sind diese stillen mär 
kischen Gewässer, die 
wie Augen aus deni 
dunkeln Waldesschatten 
herausschauen und uns 
meist durch ihre welt 
abgeschiedene Einsam 
keit überraschen. Fast unglaublich erscheint es, daß es in der 
Nähe der Millionenstadt so viel unberührte Natur und tiefe Ver- 
Der alte Grund bei VUdersdorf. 
laß'enheit giebt. Das gemahnt uns an die junge Kultur unseres 
Landes. Vor zwanzig Jahren bestand die Woltersdorfer Schleuse 
noch aus einer Wassermühle und wenigen Häusern. Und klingt
        
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