Path:
Periodical volume Sonnabend, 5. Mai 1900 Nr, 18

Full text: Der Bär Issue 26.1900

283 
Leiters der Frankfurter Bühne und dessen musikalisch hochbegabten 
Gattin, geborenen Freiin von Hacke, die unter dem Nainen Marie 
von Marra zu den bedeutendste» Koloratursängerinnen zählte, hatte 
Bolliner zu viel Künstlerblut in sich, um an einen andern Beruf zu 
denken. Da er die musikalische Begabung der Mutter ererbt, sollte 
er Kapellmeister werden, studierte auch alle Fächer der Musiktheorie 
unter Reineke, erntete aber dazwischen auf den geselligen Ver 
einigungen der Studierenden „Euphonia" als darstellender Künstler 
solchen Beifall, daß der Vater ihm selbst dramatischen Unterricht 
erteilte und ihn in vier Monaten so förderte, daß Vollmer sein erstes 
Engagement in Speyer antreten konnte, — als Kapellmeister und 
Schauspieler zugleich. Es folgte das sogenannte Hoftheater- 
Ensemble zu Bayreuth, bei 
dem das Talent des Künst 
lers als Charakterkomiker 
erkannt wurde, der große 
Erfolg zu Prag im „Ver 
wunschenen Prinzen" und 
der Ruf an die Berliner 
Hofbühne, als deren Mit 
glied er durch seine feine 
Komik, seine warme Hin 
gabe an die Kunst, seine 
Pflichttreue, die ihn jede 
Rolle gleich genial verkör 
pern läßt, bald das Pub 
likum für sich einnahm. 
Daß Vollmer seiner ersten 
Muse nicht ganz untreu 
geworden, beweisen die 
Wiedergabe der Hobellieder 
im Verschwender und der 
Liederoorträge im Bauer 
als Millionär, wie er denn 
auch für eine seiner Glanz 
rollen, Kühne Finke, die 
vorzutragenden Lieder selbst 
koinponierte. Gastspielrollen 
und die Mitwirkung bei 
den Schweriner Muster- 
vorstellungen verbreiteten 
Vollmers Ruf noch mehr. 
Auch Oskar Keßler hat 
einst iu Frankfurt a. M. 
unter der Regie Theodor 
Vollmers gewirkt. Auch er 
ist der Sohn eines Schau 
spielers undTheaterdirektors 
und hatte des Vaters be 
deutendes Talent geerbt, 
sollte aber demWnnsch seines 
Herzens nicht folgen, sondern 
wurde zu einem Kaufmann 
in die Lehre gebracht. Er 
entfloh dem verhaßten 
Zwang und studierte in 
Aachen, wo er für Chor und kleine Rollen engagiert ward, mit rast 
losem Fleiß, auf dieser Grundlage baute er in Frankfurt weiter und 
gewann bald einen Ruf als denkender, strebsamer Künstler. Von 
Wiesbaden, wo er kurze Zeit gewirkt, wandte er sich nach Amerika; 
dann folgten Engagements in Hamburg, Bremen, Riga und schließlich 
die zehnjährige Thätigkeit am Petersburger Hoftheater, die für 
den gefeierten Künstler eine ununterbrochene Kette von Ruhm und 
Ehren bedeutete, und die er wohl nie ausgegeben haben würde, 
wenn das Attentat auf den Zar Alexander II., dessen Zeuge Oskar 
Keßler geworden, ihm den Aufenthalt in Rußland nicht verleidet 
hätte. So schied er aus den. Verbände des dortigen Hoftheaters, 
»m Mitglied des hiesigen zu werden. 
Das Feld der künstlerischen Thätigkeit Keßlers ist äußerst um 
fangreich. Conrad Bolz, Jllo, Hohenzollern, la Hire beweisen 
ebenso das feine Darstellnngstalent^dcs Künstlers, wie die zahl 
reichen Rollen, die ihm in Lustspielen anvertraut sind; so erscheint 
z. B. die Episodenrolle des Medizinalrats in „Jugend von heute" 
in seiner Darstellung als kleines Kabinettstück der Schauspielkunst. 
Adalbert Matkowsky, unstreitig der genialste von Obcrländers 
Schülern, trat Anfang April 1877 seine künstlerische Thätigkeit als 
jugendlicher Held und Liebhaber am Dresdener Hoftheater an 
und wirkte dort als besonderer Liebling des Publikums neun Jahre. 
Nach dieser Zeit drei Jahre am Stadttheater zu Hamburg thätig, 
kam er 1889 an das Berliner Schauspielhaus, um bei dem lleber- 
gange Ludwigs in ein anderes Fach die jugendlichen Heldenrollen: 
Don Carlos, Max Piccolomini, Orest rc. zu übernehmen. Mit 
einem bedeutenden Dar- 
stellnngstaleut ein einneh 
mendes Acußcre und eiu auch 
in den Momenten höchsten 
Affektes wohllautendes Or 
gan verbindend, gelang es 
Matkowsky schnell, auch in 
der Gunst des Berliner Pub 
likums festen Fuß zu fassen. 
In derDarstellung leiden 
schaftlicher Charaktere tritt 
dieEigenartMatkowskys be 
sonders hervor. Als Karl 
Moor, Holofernes, Don 
Cesar u. s. w. sind seine Er 
folge wohl unbestritten; und 
seine zahlreichen Gastspiele 
an allen größeren Stadt- 
theatern Deutschlands, wie 
jene zu New-Iork und Kon 
stantinopel, in Serbien und 
Rumänien haben seinen 
Namen weit über das Welt 
meer hinaus bekannt ge 
macht, wie er denn auch 
vom Sultan dekoriert wurde. 
Während Matkowsky als 
Rochow die Aufmerksamkeit 
des Publikums in: „Neuen 
Herrn" erregte, gelang es 
nicht minder dem Darsteller 
der Titelrolle, Wilhelm 
Arndt, zu gleicher Zeit reiche 
Lorbeeren zu pflücken und 
seine künstlerischen Ehren 
durch die Darstellung der 
Hohenzollernfürstcn zu ver 
mehren. 
Wilhelm Arndt ist in 
Braunschweig geboren und 
betrat bereits im Alter von 
zwanzig Jahren als Osrik 
im Hamlet die Bühne zu 
Zürich. Ein eigner Wander 
trieb ließ den Künstler weit in der Welt herumkommen, bis er bei 
den Meiningern während acht Jahre ein ihm zusagendes Feld seines 
künstlerischen Strebens fand. Von August Förster dann nach Wien 
berufen, gelang es ihn: bald, auch das dortige Publikum für sich 
eiuzunehmen; doch schied er nach Försters Tode von dieser lieb 
gewordenen Stätte, um unter Barnay am hiesigen Berliner Theater 
mit großem Erfolg Rollen, wie Franz Moor rc., zu spielen. Sehr 
bald siedelte Arndt an das Schauspielhaus über und erntete da in 
einer nunmehr zehnjährigen Thätigkeit als Mercntio, Karl VII., 
Derwisch, Graf Terzky neue Lorbeeren. Vorzüglich ist Arndt als 
Rüben (Deborah), und auch als Friedrich von Homburg und 
Christof Marlow hatte er großen Erfolg. Durch und durch künst 
lerisch veranlagt, ist Arndt ebenfalls für die Bildhauerei reich 
talentiert und hat auch auf diesem Gebiete Hervorragendes geleistet. 
Arthur Vollmer. Wilhelm Arndt. 
Dollar Segler. Adalbert Matllowslly.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.