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Periodical volume Sonnabend, 21. April 1900 Nr, 16

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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ein halb und halb verbummelter Student. Wenn er ganz 
ehrlich mit sich selbst ivar, mußte er sich sagen, sehr viel 
Reizvolles konnte ein Kerl wie er für ein jungs Mädchen 
nicht haben. Vernachlässigt in der Toilette, ohne das Be 
dürfnis, sich liebenswürdig zu machen, an ivildc ungebundene 
Gesellschaft gewöhnt, ungeniert, in Werken, Worten und Ge 
bärden — mit einem Wort: ein Rauhbein war er, war's mit 
Bewußtsein. Das Bewußtsein hatte zwar zu Zeiten etwas 
Wehes, Schmerzliches, wenn er merkte, daß er immer tiefer 
hineinkam; aber meistenteils herrschte doch das trotzige stolze 
Gefühl: Wir sind nun einmal so. Wer will's uns wehren? 
Frei ist der Bursch! 
Außerdem fehlte ihrer Anhänglichkeit all das Verliebte, 
Schmeichlerische, Unterwürfige, womit die kleinen Katzen sich 
meist heranzuschlängeln lieben. Sic war mehr wie ein hand 
fester Kamerad, der einem derb die Meinung sagte und nicht 
böse war, wenn ihm dasselbe widerfuhr. Bei Lichte betrachtet 
also gewissermaßen ein originelles Weib. Aber ihni war un 
heimlich dabei. Er suchte sich seine Kameraden doch lieber 
anderwärts. Lieber unter denen, die mit ihm in gleicher 
Verdammnis waren. Dabei fiel ihm ein Wort des Hirschen 
ein, niit dem er einmal darüber gesprochen hatte. Der Hirsch 
war außerordentlich befähigt für solche Diskussionen auf dem 
Gebiet der praktischen Psychologie. Er hatte in den ersten Jahren 
seiner akademischen Laufbahn mit Begeisterung Familie ge- 
simpelt. Bei allen Hausbällen, Kahnfahrten, Ansflügen war 
er dabei gewesen, ein unermüdlicher „Familientäuscher", wie 
er selbst sagte. Später hatte er sich davon zurückgezogen, 
nach einer sehr peinlichen Affaire, wo ihm eines Morgens er 
öffnet wurde, daß er sich am Abend vorher gelegentlich einer 
Kahnpartie aus der Saale rite verlobt hätte. Und er ivußtx 
nichts inehr davon. Nur nach heftigen Kämpfen war cs ihm 
gelungen, seinen blondborstigen Kopf ivieder aus dem Netz 
herauszuziehen. Seitdem hatte er den Spaß an der Familien- 
simpclei verloren. Aber die dabei erworbenen Kenntnisse be- 
wahrtc er mit Sorgfalt. Ihm hatte Maybaum seine An 
gelegenheit mit Wally in allen Einzelheiten mitgeteilt. Und 
er hatte nach einigem Besinnen gesagt: „Du, vor der nimm 
Dich in acht! So weit ich sie nach Deiner Schilderung be 
urteilen kann, gehört sie zu der gefährlichsten Klasse, zu den 
Retterinnen nämlich." 
„Wieso?" hatte Maybaum erstaunt gefragt. 
„Ja, siehst Du, das sind Mädchen, die eine lebhafte 
Phantasie mit einem sehr scharfen, praktischen Blick verbinden. 
Sobald sie einen jungen Mann entdecken, der nach ihrer An 
sicht schon bis zum Hals im Pfuhl der Sünde steckt, dann 
geben sie sich daran, ihn zu retten. Sie bringen ihm wieder 
Geschmack an den zarten Vergnügungen des bürgerlichen 
Familienlebens bei, entreißen ihn der Kneipe, lehren ihn den 
Zauber echter Weiblichkeit wieder kennen und schätzen, und 
drillen ihn schließlich aufs Examen. Mit einem Wort: sie 
geben ihn der Menschheit wieder." 
„Na gut. Aber ivas haben sie selber davon?" 
„Ja, das ist verschieden. Erstens einmal haben sie in 
jedem Fall das süße Bewußtsein, eine Seele vor dem Ver 
derben gerettet zu haben. Das ist schon viel wert, unter 
Umständen Lohn genug. Ich habe eine gekannt, die sich 
ganz allein an diesem Gefühl genügen ließ. Sie hatte 
schon ein halbes Dutzend gerettet und ließ es noch nicht. 
Aber meistens spekulieren sie auf die Dankbarkeit." 
Als Maybaum sich jetzt dieses Gesprächs erinnerte, wurde 
ihm ordentlich heiß. Zum Donnerwetter, er brauchte doch 
noch nicht „gerettet" zu werden. So weit war er noch nicht. 
Und wenn er soweit gewesen wäre — daun wollte er sich 
eben nicht retten lassen. Konnte sich schon selber wieder 
herausschaffen. Dummes Frauenzimmer! Was die sich ein 
bildete! Nun ging er am Abend gerade nicht hin. Mochte 
sie warten, bis sie schwarz wurde! Das war ihr gerade 
recht so, der Retterin! 
Und er ging wirklich nicht. Um ganz sicher zu sein, 
setzte er sich von fünf Uhr an in der „Parole" fest. Er hatte 
cs auch nicht zu bereuen. Es war großer Zauber. Zuerst 
war ein Neger aufgetaucht, den sein Schicksal nach wer weiß 
welchen Irrfahrten auf das Pflaster von Halle geworfen 
hatte. Mau hatte ihm Schnaps zu trinken gegeben und ihn 
den Kriegstanz seines Stammes aufführen lassen. Später 
erlaubten sich zwei Herren am Nebentisch mißbilligende Be 
merkungen über den unsäglichen Radau in der Familie. 
Darauf erhob sich Rudi, der starke Mann der Genossenschaft, 
trat niit der Uhr in der Hand an die unberufenen Kritiker 
heran uud erklärte: „Ich gebe Ihnen drei Minuten Zeit, 
Ihr Bier auszutrinken. Wenn Sie dann das Lokal nicht 
verlassen haben, werden Sie hinausgcbracht." Die beiden 
Onkels schimpften wie die Rohrspatzen, Rudi aber stand, ohne 
eine Miene zu verziehen, dabei liub wartete, bis die drei 
Minuten verstrichen waren. Dann nahm er einen nach dem 
andern wie Kinder auf den Arm und trug sie hinaus. Zum 
Schluß hatte man einem Droschkenkutscher, der auf einen 
Augenblick untergetreten ivar, die Pferde ausgespannt, sic 
ins Zimmer geführt und ums Billard herum die hohe Schule 
geritten. 
„Ein idealer Abend," sagte Maybaum zu sich selbst, als 
er heimwärts wandelte, „zehnmal besser, als wenn ich — 
uee, Wally, so haben ivir nicht gewettet." 
V. 
In den drei folgenden Tagen lebte Maybaum in der 
steten Angst, von Wally erwischt und wegen seines Ausbleibens 
zur Rede gestellt zu werden. Um das zu vermeiden, ging er 
so wenig wie möglich aus. Er hatte sich von einem Be 
kannten ein Kollegienheft aus dem vergangenen Winter geborgt, 
um es „nachzureiten". Sein eigenes Heft war nicht viel 
nichr als eine ruincnhaftc Fassade. Ein paar Pfeiler standen, 
dazwischen war alles Luft. Nachdem er eine Viertelstunde 
stumpfsinnig abgeschrieben hatte, fing ihn der Stoff zu fesseln 
an. Nach fünf weiteren Minuten legte er die Feder weg, 
setzte sich bequem zurecht uud begann aufmerksam zu lesen. 
Er legte das Heft erst weg, als es Zeit war, zu Tisch zu 
gehen. Zivei Stunden später saß er schon ivieder darüber, 
und am zweiten Tag abends hatte er es durchgearbeitet. Ein 
eigenes Wohlgefühl durchströmte ihn, als er sich sagen konnte: 
„Das weißt Du nun. Das ist erarbeitetes Eigentum." Zwar 
Hirnschmalz hatte es gekostet. Er verspürte, als er das Heft 
zuklappte, eine Abspannung, ivie sie ihni seit langer Zeit un 
bekannt gewesen war. Eigentlich war das Tempo, in dem er 
geschafft hatte, ein bißchen überstürzt geivesen. Aber das 
schadete nichts. Er konnte es doch leisten, wenn er ivollte. 
Das war die Hauptsache, daß er sich davon überzeugt hatte. 
Und die Menge neuer Fragen, die in ihm angeregt waren 
und nach allen Seiten in das Gebiet seiner Wissenschaft hinein 
weiter wiesen! Litteraturnachweise gab das Heft in Fülle. 
Also Bücher mußte er sich zunächst verschaffen, von der 
Universitätsbibliothek. Und da geriet er in eine neue Ver 
legenheit. Er ivußte gar nicht einmal, wie er es anzustellen 
hatte, um zur Benutzung der Bibliothek zugelassen zu werden. 
Er hatte sich nie darum gekümmert. In seiner Not wandte 
er sich an den Hirsch. Der Hirsch war nämlich trotz seiner 
Zugehörigkeit zur Familie Kohlemann den Wissenschaften nicht
        
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