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Periodical volume Sonnabend, 21. April 1900 Nr, 16

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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lüstete und während der ganzen Dauer des Besuchs ausbehielt. 
Seine Kleidung bestand übrigens aus einem Schlafpelz und blauen 
»nt Gold und Silber ansgenähten Pantoffeln, ans welche, als 
das Geschenk eines Freundes, der sie ihm aus Petersburg mitge 
bracht, er sich viel einzubilden schien. Er rauchte aus einer langen 
Pfeife, mochte auch, nach der Masse der im Winkel stehenden 
Rauchiiistrnmente zu schließen, ein großer Verehrer des Nikotianischen 
Krautes sein. Die Wände des Zimmer waren mit Familien 
porträts in goldenen Rahmen dekoriert. Am Fenster hingen, 
über- und nebeneinander, die Bildnisse sämtlicher Dichter, welche 
bisher dem deutschen Musenalmanach als Schutzheilige vorange- 
zvgeir Uhlaud hing dicht neben Heine und schien diesen in 
grimmig anzuschauen. Der Schreibtisch war mit Büchern, sehr 
unleserliche» Manuskripten und anderem Schriftstellerhaudwerkzeng 
belastet. Ich machte dem Dichter mein Kompliment über 
seine neuere» Schriften, welche ich mit größtem Interesse gelesen 
zu haben versicherte. In Parenthese gesagt, eine Lüge, da in 
jetziger Zeit ein Autor keinen andern liest, als sich selber. Herr 
von Gaudy äußerte obenhin: Was er in den letzten Jahren ge 
schrieben, sei nicht des Ausschneidens der Blätter wert. Der große 
Hanfe verlange Disteln und nichts als Disteln. Ananas und 
Melonen verfaulten unberührt, nicht anders, als ob im Gebiet 
der Litteratur die Cholera herrsche, und sich ein jeder wehre Er 
für seinen Teil habe den ganzen Bettel von Herzen satt." 
Der galgenhninoristische Artikel schließt mit den Worten: 
„Während unserer Unterhaltung trat ein Kurrendejnnge ins Zimmer, 
um das Honorar für seine Gassenkonzerte einzutreiben. Der Baron 
packte den Schwarzmäntler beim Kragen und warf ihn saus fa^on 
aus der Thür. Als ich einen leisen Tadel über das brüske Ent 
fernen des armen Chorschülers wagte, entgegnete der aigriertc Poet: 
Ohne die gehörige Dosis Grobheit kommt man in jetziger Lumpen- 
zeit nicht mehr durch. Der verdammte Singsang hat mich bereits 
ans einem halben Dutzend Häuser, in denen ganz hübsche Töchter 
waren, vertrieben; jetzt ist man nicht einmal ans der Straße mehr 
seines Trommelfells sicher. Hierauf stichelte er ziemlich unverblümt 
auf stoffarme Tagesblnttskribcnten, welche sich bei namhaften Leuten 
eindrängten, »in ihre Persona lia ansznschnüsseln und nachher das 
ganze Zeug brühwarm ivicder abdrucken z» lassen. Ich entgegnete 
hierauf mit gerechter Empfindlichkeit: Bon meiner Seite wenigstens 
sollen Sie sich über keine Indiskretion zu beschweren haben, und 
dies um so weniger, da der Besuchende kein anderer, als der Be 
suchte selber ist. Das hochverehrte Publikum ivird dieser Be- 
tenrnutz gewiß vollen Glauben schenken, besonders, wenn ich sic 
durch meine vollständige Ramcnsnnterschrift bekräftige. 
Franz Freiherr Gaudy 
Markgrafenstraße Rr. 87, den 21. Oktober 1837.‘ 
Man wird auch aus dieser Skizze den Stil Gaudys, der in 
dessen Prosaschriften überall ein ähnlicher ist, leicht als den Stil 
erkennen, den Heinrich Heine für das deutsche Feuilleton geschaffen 
hat. Thatsächlich hat Heinrich Heines Muse bei Gandy Pate 
gestanden, und nicht nur in den Prosaschriften des letzteren läßt 
sich dem Heineschen Geiste Verwandtes finden. 
Don seinen Prosaschriften werden heute nur wenige gelesen. 
Am bekanntesten sind die beiden Novellen „Aus dem Tagebnche 
eines wandernden Schneidergesellen" und „Schnlerleben" geworden. 
Namentlich ist das erstere von den beiden, eine Frucht einer Italien- 
reise des Dichters, heute noch lesenswert; stammt es doch aus einer 
Zeit, in der Gandy mannigfache Schwierigkeiten und Hindernisse, 
die das Leben seiner dichterischen Bethätigung in den Weg gelegt 
hatte, als überwunden ansehen konnte. 
Der kurze Lebensweg des Dichters war zwar frei von großen 
Erschütterungen und besonders starken Erregungen, aber doch nicht 
von Dornen, und wenn cs auch in dem Lebensschicksal Gaudys 
an äußeren Kämpfen fehlte, so doch nicht an inneren, die über den 
Geist des Dichters den Schleier der Verstimmung breiteten, so daß 
man selbst bei seinen humorvollsten Dichtungen das Gefühl nicht 
los wird, daß sie Erzeugnisse des Galgenhumors seien. Dazu 
schien eine Frühreife und sein zur Kritik veranlagter Geist Ironie 
und Sarkasmus in besonderem Maße ausgebildet zu haben. Vor 
allem schien hierzu das Unbehagen in einem von ihm nicht geliebten 
Beruf beigetragen zu haben; denn Franz Bernhards Heinrich 
Wilhelm von Gandy, der am 19. April 1800 zu Frankfurt a. O. 
geboren wurde, stammte ans einer alten preußischen Familie, die, 
seitdem sie aus Schottland nach Preußen eingewandert war, dem 
preußischen Staate manche tüchtige Militärkraft gegeben hatte. 
Freilich lag ein litterarischer Zug schon immer in dieser Familie 
begründet, wenn auch der Vater des Dichters, der bei der Geburt 
desselben Generalleutnant gewesen, durch und durch Militär war. 
Doch war die Mutter eine geistig sehr begabte Dame, und ihrem 
Einfluß ist es wohl am meisten zu danken, wenn die geistige 
Entwicklung des begabten Knaben durch eine einheitlich militärische 
Dressur nicht unterdrückt wurde, und der junge Gandy eine Aus 
bildung erhielt, die der Entfaltung seiner Fähigkeiten den weitesten 
Spielraum ließen. Günstig wirkte hierbei noch der Umstand mit, 
daß der Vater des Dichters zum Gouverneur des damaligen 
Kronprinzen, des späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. ernannt 
wurde. Dadurch kam Gandy im sechsten Lebensjahre auf das 
College franyais in Berlin und durfte mit dem Kronprinzen ge 
meinsam die gymnastischen Uebungen ausführen, auch oft in der 
Gesellschaft des geistreichen Prinzen, der dem Dichter bis an dessen 
Lebensende stets Wohlwollen bewies, sich aushalten. Im Jahre 
1815 kam Gandy ans die Klosterschnle nach Pforta, die er im 
Jahre 1818 mit dem Zeugnis der Reife für die Universität ver- 
Frau; Freiherr von Gaudy. 
ließ. In seiner erwähnten Novelle „Schülerliebe" hat Gandy 
diese Schuljahre in Psorta dichterisch verwertet. 
Gandy arbeitete in den letzten Jahren seines Lebens, seit 
seiner Pensionierung, mit einer erstaunlichen Hast. Jährlich er 
schienen einige Bändchen Novellen, Skizzen, Gedichte ans seiner 
Feder, auch Uebersetznngen. So gab er mit Chamisso gemeinsam 
metrische Uebersetznngen der Lieder Bsrangers heraus und über 
setzte die geschichtlichen Gesänge der Polen von I. 11. Ricmcewitz. 
Dazu gab er auch noch in den Jahren 1838 und 1839 den deutschen 
Musenalmanach, ebenfalls mit Chamisso zusammen, heraus. Daß 
bei solcher Fülle des Schaffens vieles keinen Wert über den Tag 
hinaus haben konnte, zumal vieles auch nur für den Tag ge 
schrieben war, ist selbstverständlich. Gleichwohl aber hat Gandy 
auch während dieser kurzen, schaffensreichen Zeit Dichtungen hervor 
gebracht, denen der Stempel der Unvcrgänglichkeit aufgedrückt war, 
und insbesondere sein „Tagebuch eines ivandcrnden Schneider 
gesellen" gehört zu den besten Erzeugnissen der deutschen Rovellen- 
litteratur. Diese Dichtung allein sichert Gaudy Unsterblichkeit. Am 
5. Februar 1840 schied Gaudy durch einen Schlagfluß aus dem 
Leben.
        
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