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Periodical volume Sonnabend, 21. April 1900 Nr, 16

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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man war bor Ansicht, blitz leicht jeder kommen könnte, daß es 
eigentlich von Goethe eine Anmaßung sei, sich „eminente" Verdienste 
um die deutsche Litteratur zuzuerkennen, auch tadelte man sein 
pekuniäres Interesse. Indessen erklärten sich am 24. März Baden, 
Hannover, Hessen, Nassau und die freien Städte bereit, die 
Privilegienerklärung zuzugestehen. Am 7. Juli verlas Nagler im 
Namen Preußens eine Erklärung, die Hand und Fuß hatte, und 
nun bequemten sich auch die Widerstrebenden. Bayern und 
Württemberg erklärten, zunächst vertraulich, daß ihre Regierungen 
geneigt seien, Goethe auf besonderes Ansuchen das Privileg zu er 
teilen, und am 23. August unterzeichnete Kaiser Franz das kostcn- 
srei erteilte Privileg für die ganze österreichische Monarchie. Das 
österreichische Privilegium war auf Pergament ausgefertigt, mit 
angehängtem Siegel in vergoldeter Kapsel. Eine ganz besonders 
vornehme, künstlerische Ausstattung indes, die Goethe und dem 
Großherzog von Weimar ungemein viel Freude machte, wies das 
preußische Privileg auf, unterzeichnet vom König und den Ministern 
Schnckmann und Berustorff, am 23. Januar 1826. 
Rarl Ferdinand Friedrich von Qagler, Generalpostmeister, Bnndestagsgefandter 
Geb. 1770 zu Ausbach, gest. 1846 zu Berlin. 
(Räch einem Kupferstich von F. Lieder.) 
Auf ein Dankschreiben Goethes kam vom preußischen Hof 
folgende Antwort, aus der klar hervorgeht, daß man sich dort 
etwas daraus zu gute that, den Anstoß zu dem Schutze Goethescher 
Werke gegeben zu haben: 
An den würklichen Geheimen Rath von Goethe 
in Weimar. 
Mein Herr Geheimer Rath von Goethe! 
Bey dem großen Gewinn, den Kunst und Wissenschaft 
durch Ihre Werke erhalten haben, konnte Ihnen die An 
erkennung gerechten Anspruchs auf die diesen Werken in 
ganz Deutschland zu Theil gewordene landesherrliche Ver 
günstigung nicht entgehen; um so angenehmer ist es Mir 
indessen gewesen, ans Ihrer Eingabe vom 15 ten v. M. zu 
ersehen, daß die Erfüllung Ihrer Erwartungen Sie zu der 
Mir gewidmeten Dankbezeignng aufgefordert hat. Ich ver 
bleibe des Herrn Geheimen Raths Wohlgeneigter 
Potsdam, den 2. April 1826. Friedrich Wilhelm. 
Dieses letztbesprochene warme Eintreten Preußens für Goethe 
giebt uns die erfreuliche Gewißheit, daß man in Goethe nicht bloß 
den schriftstellernden Minister eines kleinen Nachbarstaates sah, 
dem man gelegentlich einmal gefällig war, und von dem man auch 
hin und wieder eine Gefälligkeit annahm, sondern daß man sich 
Christian Günther Gras Vernstorff, Minister der auswärtigen Angelege»lheiten. 
Geb. 1769 zu Kopenhagen, gest. 1835 zu Berlin. 
(Rach einer Zeichnung von F. Krüger.) 
in Berlin dessen wohl bcivußt war, was die gesamte Nation dem 
Genius Goethes schuldete, und daß alles, was man für Goethe 
that, nur ein schwacher Versuch sein konnte, die unendliche Dankes 
schuld zu kleinen Teilen abzutragen. K. M. 
Franz Freiherr von Gandy. 
Zu seinem hundertjährigen Geburtstage. 
Ndü'ranz Freiherr von Gandy war das Prototyp eines modernen 
8W Fe»illetonisten. Die meisten seiner Dichtungen, Novellen, 
Erzählungen, Betrachtungen aller Art, Humoresken sind Feuilletons 
modernen Stils. Könnte man nicht zum Beispiel die kleine Skizze 
„Besuch bei einem Dichter" als eine sehr treffende Satire ans die 
moderne Art des Jnterviewens von Dichter» und Künstlern be 
trachten? Er schildert da den Besuch bei sich selbst in sehr launiger 
Weise. Es heißt da: „Als Schriftsteller von Profession hielt ich 
es für Gewisscnssache, während meiner Anwesenheit in Berlin alle 
Gelehrte und Autoren von nur halbwegem Ruf von Angesicht zu 
Angesicht kennen zu lernen. Richt der zehnte besäße diesen Mut 
und gäbe nach einem bloßen Hinblick auf Hitzigs gelehrtes Berlin 
das Projekt als unansführbar auf, zumal wenn er erwägte, daß 
die Zahl der in diesem Werke nicht, aufgeführten Autoren, die ob 
skure» wie die später nachgeschossenen, ieg^o sei. Wie gesagt, ich 
hatte die Courage, versuchte wenigstens die Möglichkeit zu leisten, 
und stattete unter andern dem Freiherrn Franz von Gandy in der 
elften Bormittagsstnnde eines Oktobertages meinen Besuch ab. — 
Also dieser Herr Gandy, welcher einer schlauen Kritik des Herrn 
O. Gruppe zufolge, durch einige gelungene Dichtungen bekannt sein 
soll, wohnt in der Markgrafenstraßc 87 ans gleicher Erde, wie ich 
dies auch im Berliner Wohnungsanzeiger ausnahmsweise richtig 
bemerkt fand." Weiter heißt es dann in diesem Feuilleton, das 
heute kaum noch litterarischen, wohl aber kultur- und für 
Berlin lokalhistorischen Wert besitzt: „Herr Franz von Gandy ist 
ein Man» von 37 Jahren, sieht aber jünger ans und ist, »m 
seinen Steckbrief vollkommen zu entwerfen, von kaum mittlerer 
Statur. Seine Haare sind braun bis auf den Einschlag der all 
mählich sprossenden grauen; seine ziemlich alltägliche Gesichts- 
bildnng trägt einen gewissen mokanten oder vielmehr verdrießlichen 
Charakter. Ein ins Rötliche spielender Schnurrbart, welcher, auf 
ungarische Manier, in zwei langen Zipfeln bis weit unter das 
Kinn hängt, ist das Merkwürdigste an seiner Visage. Er trug 
ein kleines Tnchkäppchen, welches er bei meinem Eintreten kaum
        
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