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Periodical volume Sonnabend, 14. April 1900 Nr, 15

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Verantwortlicher Redakteur: vr. M. Folticineano, Berlin. — Druck und Verlag: Friedrich Schirmer, Berlin SW., Nenenbnrger Straße 14a. 
Wilhelm zu Wie» mit der Prinzessin Marie Luise von Cnmbcrland 
verlobt habe. Mau hatte wohl schon Gerüchte vernommen, nach denen 
die Reise des Prinzen nach Wien mit einer Verlobung im Zusammen 
hang stände, doch nur in den engsten Kreisen ivar über den Plan 
Näheres bekannt, und im Volke überraschte die Meldung um so 
freudiger, als die Ausregung über den Rückgang der Verlobung des 
Prinzen mit einer russischen Prinzessin noch nicht vergessen ivar. 
Prinz Maximilian von Baden steht im 33. Lebensjahre. Er ist 
am 10. Juli 1867 geboren und ein Nesse des Großhcrzogs, dessen vor 
nicht ganz drei Jahren verstorbener Bruder Wilhelni mit der Herzogin 
Marie von Leuchlenberg vermählt war. Der Prinz, der bis vor kurzem 
beim Garde-Kürassierrcgiment in Potsdam gestanden hat, ist im öffent 
lichen Leben Badens noch wenig hervorgetreten: jeder seiner Schritte 
muß aber um so mehr Beachtung finden, als die Ehe des Erbgroß 
herzogs von Baden bisher kinderlos geblieben, Prinz Max also'prä 
sumtiver Thronerbe des badischen Landes ist. Die politische Seite der 
Verlobung tritt dadurch um so deutlicher hervor. Die Braut, Prinzessin 
Marie Luise, ist die am 11. Oktober 1879 geborene älteste Tochter 
des Herzogs Ernst August von Cnmbcrland, und es ist bekannt, daß 
man ihrer Mutter Tyrä, einer geborenen dänischen Prinzessin, Schwester 
der Kaiserin-Mutter von Rußland und der Prinzessin von Wales, 
wenig freundliche Gesinnung gegen Deutschland nachsagt. Der Herzog 
von Cnmbcrland aber, der Sohn des letzten Königs von Hannover, 
hatte sich bisher den neuen deutschen Verhältnissen ebenfalls nicht an 
zugliedern vermocht. Der deutsche Bundesrat gestattete ihm bekanntlich 
auch die Regierungsnachfolge in Braunschweig nicht, sondern betraute 
den Prinzen Albrecht von Preußen mit der Regentschaft. Die jetzige 
Verlobung der ältesten Tochter des Herzogs von Cnmbcrland mit dein 
Prinzen, dessen Haus zu den Hohenznllern in engen verivandtschaft- 
lichcn Beziehungen steht, giebt Anlaß, die Stellung des Herzogs von 
Cumberlnnd gegenüber Deutschland von neuem zu erörtern. Die 
badische Presse hält allgemein dafür, daß die Verlobung die Signatur 
der Versöhnung zu tragen scheine und dem Bunde gleiche, den vor 
anderthalb Jahrzehnten der Erbgroßhcrzog Friedrich von Baden mit 
der Prinzessin Hilda von Nassau schloß: der Kaiser, meint man, habe 
offenbar seine Zustimmung zu dieser Verlobung gegeben, und der Vater 
der Braut würde seine Genehmigung nicht erteilt haben, ivenn er sich 
mit den deutschen Verhältnissen liicht' mchr als früher ausgesöhnt hätte. 
Dir neuen deutschen Kolonialbriefnmrlren. Nachdem die 
neuen Briefmarken der deutschen Reichspost hergestellt und in den Ver 
kehr gebracht sind, geht man jetzt in der Rcuhsdruckerei daran, die 
neuen, für die deutschen Kolonien bestimmten Marken im großen 
herzustellen. Diese Kolonialmarken, von denen wir etwas ver 
größerte Abbildungen bringen, sind in Farbe, Form und Größe den 
gewöhnliche» Reichspostmarken gleich. Anders ist bei ihnen nur die 
Aufschrift und das Mittelbild. Bei den Marken bis zu achtzig Pfennig 
ist dieses ein vom Bug aus gesehener Teil eines Dampfers. Bei den 
Marken von einer Mark && fünf Mark sicht inan diesen Dampfer von 
der Seite und fast in seiner ganzen Länge. Ueber dem Mittelbild be 
findet sich auf einem Band als Inschrift der Nnuie der betreffenden 
Kolonie, also Kamerun, Samoa, Deutsch-Südwestafrika u. s. iv. Es ist 
dabei zu bemerken, daß für die deutschen Postämter, die ini Ausland, 
aber nicht im deutschen Kolonialgebiet liegen, biete neuen Marken nicht 
verwendet werden. 
Vereins-Nachrichten. 
Verein für Geschichte der Mark Brandenburg. 
Sitzung vom 14. März 1900. 
Nachdem Herr Kammergerichtsrat vr. Holtze ein Bruchstück des 
Jütcrboger Stadtbuches aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts vor 
gelegt hatte, verlas und erläuterte Herr Professor vr. Schiemann eine 
politische Denkschrift Speranskis über die russisch-französischen Be 
ziehungen zu Ende des Jahres 1812. 
Herr Archivar, Privatdozent I)r. Mcineckc sprach über die Grund- 
kartcnsrage. Tic Grundkarten bedeuten nach den Ausführungen des 
Vortragenden für die Historiker eine große technische Erleichterung und 
sind dadurch geeignet, die lange vernachlässigten historisch-geographischen 
Studien überhaupt in Fluß zu bringen. 
Herr Prof. -Dr. Hintze verbreitete sich über die Absicht Friedrichs 
des Großen, Emden an eine fremde Macht zu verkaufen. Gleich nach 
Eröffnung der ostsricsische» Succession wurde der Gesandte Podcwils im 
Haag beauftragt, mit der Republik der Vereinigten Niederlande eine 
Verhandlung darüber einzuleiten, ob sie Emden für ein paar Millionen 
kaufen würde. Tic Holländer hatten dort das Recht der Garnison 
wegen der von ihnen geleisteten Vorschüsse und wegen der von ihnen 
übernommenen Garantie der ostfricsischen Verfassung, auf Grund deren 
die Stadt Emden selbst eine völlige Autonomie genoß, die auch Preußen 
zunächst unangetastet gelassen hat. Der Vortragende teilte ein Schreiben 
des Ministers Podcwils an den Kabinettsrat Eichel mit, das dessen 
Bedenken gegen den Plan des Königs zusammenfaßt (2. Juni 1744). 
Die von dem Gesandten im Haag geführten Verhandlungen blieben 
rcsultatlos. Preußen hatte inzwischen auch von Emden Besitz ergriffen, 
und die Holländer wurden veranlaßt, ihre Garnison zurückzuziehen. 
Wäre das Hauptmotiv des Königs bei jenem Plan, wie Koser meint, 
der Wunsch gewesen, angesichts des bevorstehenden Krieges mit Oesterreich 
einen Konflikt mit den Niederlanden zu vermeiden, so hätte er keine 
Ursache gehabt, jetzt nochmals darauf zurückzukommen. Dennoch ist es 
geschehen. Ende 1744 und Anfang 1745 tritt noch einmal die Absicht 
hervor, Emden, sei es au die Engländer, sei cs an die Holländer, für 
eine „gute Summe" zu verkaufen: sie ist nur an der Erklärung der 
Gesandte» in London und im Haag gescheitert, daß eine Verhandlung 
darüber aussichtslos sein werde. Der Vortragende schloß daraus, daß 
das Hauptmotiv des Königs sein dringendes Geldbedürfnis gewesen 
sei, und er zeigte, daß den Hintergrund des Planes die geringe politische 
Wertschätzung Ostfricslands vom Standpunkt einer hauptsächlich auf 
territoriale Konzentration gerichteten Politik gebildet habe. Unter diesem 
Gesichtspunkt erschien ihm auch ein zu Ende 1745 auftauchendes und 
noch im Frühling 1746 sich hartnäckig behauptendes Gerücht nicht ganz 
ohne Bedeutung, das von einem Plan sprach, Ostfriesland samt Cleve 
und Geldern gegen Mecklenburg und Laueubnrg zu vertauschen. Die 
Meinung dabei war wohl, daß Hannover gegen Abtretung Lauenburgs 
und gegen Verzicht ans seine Position in dem damals herrenlosen 
Mecklenburg Ostfriesland erhallen, der Administrator Christian Ludwig 
aber, der erst 1747 Herzog geworden ist, mit Cleve und Geldern ab 
gefunden werden sollte. Erst seit 1748 hat Friedrich der Große die 
bisher immer noch geduldete ständische Selbständigkeit Ostfrieslands 
aufgehoben: seitdem ist von Veräußerungspläncn nicht mehr die Rede. 
Emden wurde der Sitz einer ostasiatischen Kompagnie. Ter Vortragende 
schloß mit einer Erörterung der Stellungnahme Friedrichs des Großen zu 
dem Plan einer preußischen Seemacht. Er hob hervor, daß der König 
für den Fall der Erwerbung von Wcstprcußcn niit Danzig schon die 
Gründung einer Kriegsflotte in Aussicht gcnonimcn habe. 
Berliner Verein vom Roten Kreuz. 
Eine eigenartige, dem Berliner Publikum bisher nicht gebotene 
WohlthätigkettSvorsl'cllnng in Gestalt eines Schauturnens wird der 
hiesige große Verein „Berliner Turnerschaft" (Korporation durch Aller 
höchste Kabinettsordre) am Sonntag, den 22. April d. I., im Zirkus 
Vusch veranstalten. Was die „Turncrschaft" bewegt, in einer sonst nicht 
gewöhnlichen Weise an die Oefsentlichkeit zu treten, ist der Wunsch, die 
Aufmerksamkeit weiter Kreise auf ihre im ganzen wenig beachtete Thätig 
keit im Dienste des Volkswohls zu lenke». Ter Reinertrag soll unver 
kürzt dem Berliner Verein vom Rote» Kreuz zufließen. Die Veranstaltung 
wird außer rein turnerischen Darbietungen Vorträge des Sängerchors 
der „Turnerschaft", sowie lebende Bilder, die vaterländische Gegenstände 
behandeln, zur Vorführung bringen, lieber 700 Turner und Turnerinnen 
wirken mit. Das reichhaltige Programm ist so zusammengestellt, daß 
die vorgeführte» Bilder stetig wechseln und eine Ermüdung des Zu 
schauers durch die Gleichförmigkeit des Darstellens ausgeschlossen ist. 
Büchrrtisch. 
Krauel, R« (Kaiser!. Gesandter z. D.), Graf Hertzberg als Minister 
Friedrich Wilhcims II. E. S. Mittler & Sohn, König!. 
Hofbuchhandlung, Berlin SW. 12, Kochstraße 68—71. Preis 
2,76 M„ geb. 4' M. 
Unter den Männern, die in dem Auswärtigen Amt Preußens 
wirksam gewesen sind, war, wie auch Rankes Urteil bezeugt. Gras 
von Hertzberg (geb. am 2. September 1726, gest. am 27. Mai 1795) 
einer der bedeutendsten. Ueber sein Leben fehlte es aber bisher an 
einer zusammenhängenden und erschöpfcndeti Darstellung, insbesondere 
ist über die Ursachen und die näheren Umstände der Entlassung sowie 
über sein Verhalten nach derselben nichts Zuverlässiges bekannt ge- 
ivorden. Willkommen wird daher ein Werk sein, das soeben unter dem 
Titel „Graf Hcrtzberg als Minister Friedrich Wilhelms II." von dem 
Kaiserlichen Gesandten z. D. R. Krauel im Verlage der Königlichen 
Hofbuchhandlung von E. S. Mittler & Sohn in Berlin herausgegeben 
worden ist. Die Schrift beruht auf den Akten des Geheimen Staats 
archivs in Berlin und führt Herhbcrgs dienstliche Laufbahn, seine per 
sönliche Stellung unter Friedrich dem Großen und Friedrich Wilhelm II., 
die politischen Ereignisse in den ersten Regierungsjahren des letzteren, 
und Hertzbergs gesamte Thätigkeit unter Klarlegung seiner Persönlichkeit 
vor Augen. Die gebotenen Darlegungen sind allgemeiner Beachtung 
wert: denn sie dürfen als ein wichtiger Beitrag zur Geschichte Preußens 
angesehen werden. 
Kieftlings Neuer Radfahrerplan von Berlin mit Vororten. 
1:20 000 mit farbiger Darstellung der Art und Be 
schaffenheit des Pflasters und der für Zivciradfahrer ver 
botenen Straßen, nebst Straßenverzeichnis und Polizeiverordnung, 
in 6farbigem Truck, 1 Mark. 
Der Plan gewährt ein sehr übersichtliches Bild von dem Stande 
des Pflasters am 1. April 1900. Asphaltierte Straßen sind blau, 
mit gutem Steinpflaster versehene oder gut chaussierte Straßen braun, 
mit schlechtem Steinpflaster versehene oder schlecht chaussierte Straßen 
gelb gefärbt. Alle unacpflasterten oder projektierten Straßen sind weiß 
geblieben, so daß sich die betreffende Farbe nach erfolgter Vflasterung 
leicht eintragen läßt. Straßen mit starkem Wagenvcrkehr sind durch 
rote Linien der Straßenbahnen gekennzeichnet.
        
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