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Periodical volume Sonnabend, 14. April 1900 Nr, 15

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Bruno gab dem Wirt im Flüsterton einen Auftrag, 
kehrte zu seinem Platz zurück und vertiefte sich mit dem 
Hirsch in eine Partie Binokle. Das ist ein unheimlich 
kompliziertes Spiel, dessen Geheimnisse in der Regel nur 
geborenen Hallensern zugänglich zu sein pflegen. Die Familie 
Kohlemann hatte aber auch kulturvcrbreitend gcivirkt. 
Nach einiger Zeit öffnete sich die Thüre, und ein Dienst 
mann trat ein. Von einer Handbcivegnng Brunos geleitet, 
ließ er sich neben dem Apotheker nieder und bestellte sich 
ein Glas Bier. 
„Unterhalten Sie den Herrn da!" befahl ihm Bruno. 
Der Dienslüiann machte zuerst ein dummes Gesicht, faßte 
sich aber schnell, räusperte sich und sagte freundlich grinsend 
zu deni Apotheker: „Unangenehmes Wetter heute." 
Der Angeredete warf aus halbgeschlossenen Augen einen 
müden Blick zur Seite und gab keine Antwort. Der Dienst- 
mann ließ sich nicht irre machen. Er hatte seinen Auftrag, 
und den führte er aus. Da er aber nicht die geringste 
Gegenliebe fand, hatte er seine Wissenschaft schließlich doch 
erschöpft. Bruno kam ihm zu Hilfe. 
„Kommen Sie dem Herrn einen Halben vor!" befahl er. 
Der Diestmann beeilte sich, -diesem Winke Folge zu 
leisten, und stieß sein Glas an das des Apothekers. 
Der griff mechanisch zu, besann sich aber schnell noch und 
zog die Hand wieder, zurück. 
„Dienstmann, bieten Sie dem Herrn Brüderschaft an!" 
versetzte Bruno nach, einer Weile. 
Der Dienstmann nahm wirklich einen Anlauf dazu. 
Aber dem Apotheker riß jetzt der Geduldsfaden. „Hören 
Sie einmal," sagte er, „sind Sic auch sicher, daß Sie für 
Ihre Bemühungen bezahlt werden?" 
Der Dnnstmann schaute etwas unsicher von einem zum 
andern. 
„O," sagte er dann mit pfiffigem Lächeln, „der Herr 
Doktor wird doch iveuigstcns mein Bier bezahlen." 
„Ich?" schrie der Apotheker entrüstet. „Nicht einen 
Pfennig, darauf können Sie Gift nehmen." 
„Dann thnt's der Herr Bernhardt," sagte der Dienst- 
mann zuversichtlich. 
Bruno sah ihn einen Moment prüfend an. „Ich nehme 
Sie in die Reihe meiner Gläubiger ans." 
Der Apotheker brach in ein schallendes Gelächter ans. 
Und dieser plötzliche HeiterkeitSausbruch wirkte um so heraus 
fordernder, als er im schroffsten Gegensatz zu der Apathie 
stand, die der Mann vorher zur Schau getragen hatte. 
Bruno war so überrascht, daß er die vier Könige zu melden 
vergaß, die er in der Hand hatte. Er wurde puterrot, 
schnappte durch seine Zahnlücke ein paarmal nach Luft und 
quäkte in heller Wut: „Sie glauben wohl, ich hätte keinen 
Kredit?" — Das war thatsächlich der Punkt, wo er am 
empfindlichsten war. Sein Ehrgefühl ivar überhaupt von 
sehr zarter Beschaffenheit. Je weniger er mit sich selbst zu 
frieden ivar, desto sorgfältiger wachte er darüber, daß nicht 
ein anderer seine Korrektheit in Zweifel zog. Und daß ein 
anständiger Mensch Kredit haben mußte, war einer seiner 
obersten Lebensgrundsätze. Geld — brauchte er nicht, Kredit 
— unter allen Umständen. — „Keinen Kredit?" rief er noch 
einmal. „Das ist eine direkte Beleidigung." Und mitten in 
seinem Wutausbruch kam ihm eine plötzliche Erleuchtung. 
Er wurde mit einem Male ganz ruhig und fuhr fort: „Weil 
Sic aber hier gewissermaßen mein Gast sind, will ich niich 
darauf beschränken, Ihnen das Gegenteil zu bciveiscn. 
Ich schlage Ihnen also eine Wette vor, und der Satan holt 
Sie, wenn Sie nicht annehmen. Nämlich: Ich verpflichte 
mich, in jedem Lokal innerhalb der Stadtgreuze — ob ich 
darin bekannt oder unbekannt bin, ist ganz egal — in jedem 
Lokal also, drei Pullen Sekt zu borgen. Was? Eine sehr 
anständige Wette, dächt ich. Macht der Wirt Schwierigkeiten, 
dann hab ich verloren und muß die drei Pullen berappen. 
Versichert er aber, daß cs ihm ein besonderes Vergnügen 
wäre — und das thut er — dann sind Sie derjenige. 
Einverstanden?" 
Der Apotheker schlug ohne Besinnen in die dargereichte 
Hand ein. Er war seelenfroh, daß der Krakehl, bei dem 
ihni nichts weniger als wohl gewesen war, auf diese ver 
gnügte Weise ein Ende nahm. 
Das gab einen Ansstand im Lokal. Maqbaum sprang 
von seinem Kanapee auf, und der Hirsch versuchte einen Kopf 
stand ans dem Billard zu machen. Das war doch wenig 
stens rvicder einmal eine Sache, ein herzhafter Ulk, der einen 
auffrischen konnte. Ein Heidenkerl, dieser Bruno! Das hätte 
der lange Baron nicht besser gemacht. Einfach feudal! 
Unterdessen hatte der Wirt eine Droschke herbeigeholt, 
und als alles eingestiegen war, brausten die Rosse davon. 
Vorher halte der Apotheker in aller Heimlichkeit dem Kutscher 
seine Befehle erteilt. 
Nach einer Viertelstunde landete man in einer stillen 
Kneipe des Südviertels. Bruno . betrat als der erste das 
Gastzimmer und bestellte im hochmütigsten Assessorenton drei 
Flaschen Sekt. Der Gastronom, der in dem Winkel am 
Ofen geschlafen hatte, fuhr auf wie von der Tarantel ge 
stochen und entwickelte in dem Bestreben, den glänzenden 
Auftrag auszuführen, eine Behendigkeit, die kein Mensch 
seinem massiven Körperbau zugetraut hätte, und die drei 
Stühle bewog, auf ihre Aufrichtigkeit zu verzichten. Als er 
das Verlangte vor die still lächelnden Gäste hingesetzt hatte, 
zog er sich händereibend in seinen Winkel zurück. 
AIs die dritte Flasche entkorkt war, erhob sich Bruno. 
„Es ist Zeit. Fassen wir den Stier bei den Hörnern!" 
„Erlauben Sie," ließ sich da der Apotheker vernehmen, 
„cs wäre doch vielleicht angebracht, wenn Sie die Unter 
handlungen mit dem Wirt in unserer Gegenwart führten." 
„Weshalb denn das?" fragte Bruno slirnrnnzelnd. 
„Na," meinte der Apotheker zaghaft, „es ivärc doch 
möglich, daß Sie heimlich vielleicht — — ich meine, 
Sic könnten doch hinter unserem Rücken bezahlen und 
dann den Gastronom veranlassen " 
Bruno lächelte gnädig. „Den Verdacht verzeih ich 
Ihnen. Zu Ihrer größeren Sicherheit dürfen Sic aber 
meinen Geldsack in Verwahrung nehmen." Er reichte ihm 
sein Portemonnaie, das die Flügel hängen ließ wie ein aus 
gehungerter Vogel. „Herr Wirt!" rief er dann. Und der 
Wirt eilte, sich ihm zur Verfügung zu stellen. Bruno zog 
ihn in eine Fensternische. 
„Hören Sie mal, ehrenwerter Vertreter des ehrenwerten 
Gastivirtsgcwcrbes," begann er dort, „ich habe also den 
Sekt bestellt." 
Der Wirt nickte zustimmend. 
„Stimmt! Nicht wahr? Schön. Wir haben ihn auch 
auSgetrunken. Er war zu trinken." 
Der Wirt verbeugte sich. 
„Nun kann ich aber nicht bezahlen." 
Der Wirt machte eine heftige Bewegung. Bruno er 
wischte ihn aber an einem Knopf des Nockes und hielt ihn 
fest. „Es handelt sich nämlich um eine Wette." 
Der Wirt machte abermals eine rückläufige Bewegung, niit 
der er andeuten wollte, daß ihn das durchaus nichts anginge. 
„Das geht Sie sehr viel an," fuhr Bruno fort, der 
diesen Gedankengang niit dem Scharfsinn des künftigen
        
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