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Periodical volume Sonnabend, 14. April 1900 Nr, 15

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Städte- und Landschaftsbilder. 
Lübeck. 
(Nachdruck Ukrboteiu) 
ei Gelegenheit seiner letzten Anwesenheit in Lübeck äußerte 
sich der Kaiser im vorigen Sommer über das einstige 
Haupt der einst so mächtigen Hansa: „Jeder Zoll Boden 
und jeder Fuß Wasser erzählt 
Bände von Geschichte, was das 
Bürgertum in seiner Kraft zu 
schaffen im stände ist." Und so 
ist es in der That! Alle die 
engen, mittelalterlichen Straßen 
mit ihren hohen Giebelhäusern und 
vielfach wundervollen Renaissance 
portalen, mit ihren großartigen 
Monumentalbauten, sie alle sind 
Zeugen einer ungewöhnlich ruhm 
vollen Geschichte, einer Geschichte, 
wie sie nur wenige Städte auf 
zuweisen haben. 
Ja, Lübeck ist eine durch seine 
glanzvolle Vergangenheit be 
rühmte Stadt, und jeder Ge 
bildete weiß es daher in historischer 
Hinsicht zu schätzen. Aber nur den 
wenigsten da draußen im Reiche 
und gar noch weiter weg ist es 
bekannt, daß eS auch an' Kunst- von der »Es-«-. 
das norddeutsche Nürnberg genannt: denn mit Fug darf cs sich 
jener, in kunsthistorischer Beziehung so überaus reizvollen Stadt 
an die Seite stellen, und ebenso hält es sehr wohl einen Vergleich 
mit dem nicht minder interessanten 
Hildesheim aus. Während Danzig 
z. B. nur in einigen Straßen be 
merkenswerte Bauten ausweisen 
kann, hat sich Lübeck in der 
inneren Stadt durchweg das mittel 
alterliche Gepräge erhalten. In 
seinem Wesen jedoch ist es un 
aufhaltsam niit der Zeit fort 
geschritten und repräsentiert sich 
in Bezug auf seine inneren Ein 
richtungen, ans Handel, Gewerbe 
und Industrie als eine durchaus 
moderne Stadt, die sich im Zeichen 
einer stetigen und gedeihlichen 
Entwicklung befindet. 
Kommt man vom Bahnhof aus 
in die im Jahre 1143 durch den 
Grafen Adolf von Nassau aus dem 
Hause Schauenburg gegründete 
Stadt, so tritt einem zunächst das 
charakteristische Holstenthor mit 
Hafen beim Holstenklzor. 
(Nach Aufnahmen von Eriiesto Tesdorpf, Kunstverlag in Lübeck.) 
schätzen nnd Sehenswürdigkeiten überhaupt ungemein reich ist. 
Dieser sehr bedauerlichen Unkenntnis ist es zuzuschreiben, daß 
der Fremdenverkehr unserer Stadt ziemlich viel zu wünschen 
übrig läßt, obwohl die Verbindungen sowohl nach dem Binnen 
lande, wie auch nach den nordischen Staaten ganz vortreffliche sind. 
Lübeck hat sich seinen mittelalterlichen Charakter zu wahren 
gewußt wie nur wenige Städte, und nicht mit Unrecht wird es 
seinen kraftvollen, trntzigcu Formen entgegen. Es ist ein gotischer 
Ziegelrohbau mit glasierten Schichten und reicher Fassade an der 
Stadtseite, der in den Jahren 1469 bis 1476 errichtet ward. 
„Eoneordiu domi, foris pax“ lautet eine Inschrift an dem 
mächtigen Thore, daS sich, namentlich im Sommer inmitten ent 
zückender gärtnerischer Anlagen, ganz herrlich ansnimmt, und nach 
dem bewährten Grundsatz wird auch heute noch von unserer frei-
        
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