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Periodical volume Sonnabend, 14. April 1900 Nr, 15

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Im Tiergarten geht es natürlich mit dem „Lenzen" ein wenig 
langsamer. Aber auch hier hat wenigstens der Winterabzng mit 
dem Onartalsumzug begonnen. Das untrüglichste Anzeichen für 
diesen Wechsel ist der Umstand, daß sich das Goethestandbild gleich 
zeitig mit denen Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise der 
hölzernen Schutzhüllen entledigt hat. Der alte Herr in Marmor hat 
demonstrativ zeigen wollen, daß er keinen Grund hat, sich reuevoll 
zu verstecken, weil er seine Vorliebe für die griechische Nacktheit nicht 
ganz zu unterdrücken vermochte. Er blickt wohlwollend ans die 
wenig bekleideten Jdealgestalten zu seinen Füße» hinab und träumt 
von einem Kunstfrühling in Deutschland, als unausbleiblicher Folge 
der Heinzesttirme im Reichstage. 
alias Baisse zwischen Nationalgalerie und Börse getroffen, der 
wehmütig vorahnend vor sich hinsummte: „Es ffel ein Reif in der 
Frühlingsnacht." Als ich ihn nach dem Grund seiner elegischen 
Stimmung fragte, eilte er kopfschüttelnd an mir vorüber und 
kaufte — dreieinhalbprozentige preußische Consols. Er traute dem 
Frühling auch nicht. Georg Malkowsky. 
Lübecks: Vurolhor (iMnbiseite). 
(Rach tiiier Aufnahme von (änicfto Tesdorvf, Kunstverlag in Lübeck.) 
begannen. Von draußen klang das leise Zwitschern der Drosseln 
herein. War es Wirklichkeit oder Täuschung? — es flatterte in 
der Luft wie von weißen Schmetterlingsflügeln. Lustig wirbelte 
cs durcheinander, fliehend und sich haschend — Schneeflocken, ein 
Aprilscherz des Winters, ein künstlicher Treibhausfrühling. 
Und doch mehren sich die Lenzesboten auch innerhalb der 
Stadt. Alles verfrüht sich gewissermaßen) der Bäckerjunge rutscht 
Lübeck: Vlick von der Peteikirüze auf die Stadt. 
(Rach einer Aufnahme von Ernesto Tesdorpf, Kunstverlag in Lübeck.) 
schon um 6 Uhr geräuschvoll am Treppengeländer hinunter, die 
Milchfrau macht sich kaum eine halbe Stunde später an der 
Korridorthür durch Klopfen bemerkbar und begrüßt die gleichzeitig 
erscheinende Kollegin von der „geistigen Nahrung", die Zeitnngs- 
trägerin, mit einein lauten „Guten Morgen", der hoffniingsvolle 
Nachwuchs strömt plappernd und lachend »in 6°Z Uhr in die 
Schule, nur auf den Stephansboten bleibt die Frühlingstimmuiig 
ohne Einfluß, er meldet sich »ach wie vor erst kurz vor acht Uhr 
und handelt nach dein Grundsatz: „Was der Adressat nicht 
weiß, macht ihn nicht heiß." Auch aus der Straße beginnt es 
lenzend sich zn regen. Während draußen jenseits des Hänsermeers 
feuchter Erdgeruch aufsteigt, löst sich drinnen vom Asphaltpflaster 
die Staubschicht, wirbelt empor und legt sich wie feiner Blütenstanb 
auf Lungen und Kleidung. Der Frühling steigt einem gewisser 
maßen prickelnd in die Rase und bekommt so jenen pikanten 
Beigeschmack, der von allen Erscheinungen der Großstadt un- 
trennbar ist. 
In den Theatern hat die Nachlese der zurückgelegten, an 
Konventionalstrasen gebnndeiien Premieren begonnen. Das 
Publikum klatscht und pfeift niit einer gewissen Saisonmüdigkeit, 
so daß ein „Achtungserfolg" den anderen ablöst. Die Klassiker 
kommen wieder zn Ehren, und der Uneingeweihte könnte auch für 
die Bühne einen Kunstfrühling erhoffen, wenn nicht die gähnende 
Leere des Zuschauerraumes darauf hinwiese, daß es sich auch hier 
um einen künstlichen Treibhanssrühling handelt. 
Wer die echte rcichshauptstüdtische Lenzesstimmnng kennen 
lernen will, muß sie auf der Börse suchen. Da drückt sich die 
Begeisterung in beweiskräftigen Ziffern aus und nimmt in dem 
Steigen der Kohlen- und Eisenpapiere seltsame Gestalt an. Der 
Frühling ans der Börse im Zusammenhang mit dem Heizmaterial 
und den Kriegsrüstnngen verdiente ein eigenes Kapitel, das leider 
nur von einem Handelsredakteur mit Vorteil geschrieben werden 
könnte, der engere Fühlung mit den Finanzkreisen hat. Da hängt 
der Himmel voller Geigen, der Goldregen rieselt von allen Zweigen, 
berauschende Düfte steigen aus exotischen Spekulationspapieren ans, 
und die Hände verschlingen sich zu einem taumelnde» Tanz um 
das goldene Kalb. Ein reicher Dividendcnsegen ist beim Onartals- 
wechsel herniedergegangen, erfrischende Bilanzen feuchten das trockene 
Erdreich, und selbst der Kriegssturm in Afrika wird wie ein 
Frühlingswehen empfunden. 
Wer de» Berliner Frühling besingen will, muß die goldene 
Leier umstimmen und für die Ergüsse seiner dithyrambischen Be 
geisterung die Spalten des Handelsteils der ihm zur Verfügung 
stehenden Tageszeitungen in Anspruch nehme». Ob auch dabei ein 
grünangestrichener Winter herauskommt? Wer will es wissen? 
Ich habe jüngst einen Finanzpoeteu von der pessimistischen Observanz 
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