Path:
Periodical volume Sonnabend, 7. April 1900 Nr, 14

Full text: Der Bär Issue 26.1900

226 
Der Studiosus Maybaum betrachtete das wohlbekannte 
Bild lange und angelegentlich und dachte dabei: „Ein schönes 
und erhabenes Gemälde! Man sieht daraus: Der Schlaf hat 
auch sein gutes. Ich bin ja zwar kein Königssohn und ein 
brechen wird wohl auch niemand bei mir — ich müßte 
wenigstens nicht, was sie bei mir holen sollten — aber es 
giebt ja auch noch andere Zufälle, denen man durch einen 
ausgiebigen Schlaf entgehen kann, zum Beispiel —" und 
obgleich er sich augenblicklich nicht gerade auf ein passendes 
Beispiel besinnen konnte, löste sich doch der Trotz seiner Seele, 
der eigentlich nur ein verkleidetes Mitleid mit ihm selbst ge- 
wesen war, in lautere, harmonische Zufriedenheit auf. 
In dieser Stimmung setzte er sich zum Kaffee. 
Der Kaffee war gut bürgerlich — mit dem Ton auf 
.,bürgerlich" — wie die ganze Einrichtung der Wohnung, 
die abgesehen von dem morithaterigen Gemälde über dem 
Sopha einen durchaus friedfertigen Charakter zeigte, eigentlich 
ein bißchen zu spießerhaft für eine Studentenbude. Zwei 
niedrige, mit kleinen Scheiben versehene Fensterchen, nur durch 
einen schmalen Pfeiler getrennt, waren mit sauberen iveißen 
Gardinen bekleidet, und das Hauptmöbel war ein altmodischer 
Schreibsekrctär, dessen Platte zwar aufgeklappl ivar, aber 
keine Spuren neuerlicher Benutzung trug. Oben aus dem 
Schrank stand die „Bibliothek", ein paar Bände von zweifel 
hafter Wissenschaftlichkeit. 
Als Maybaum das alles noch einmal gemustert hatte, 
sagte er laut: „Ich werde zu Dödcring gehen." Dieser Ent 
schluß entsprang der blitzhaften Erkenntnis, daß er absolut 
nicht gewußt hätte, was er nun eigentlich daheim ansangen 
sollte, in dieser Jamnierbude. Wie gesagt, man wohnt am 
Ende in der Großen Schloßgaße, aber ja, warum 
wohnte er eigentlich da? Aus Sparsamkeit! — Im Grunde 
genommen Unsinn. Die paar Mark, die er in einer besseren 
Gegend hätte zulegen müssen, die zivackte ihm Mutter Kietz 
so hinten herum doch noch ab — am Ersten. Ei, Du lieber 
Himmel, ja! Der Erste! Ob's noch nicht bald wieder so 
weit ivar? Acht Tage dauerte nun glücklich das Se 
mester und — o jerum, jerum, jerum, schrumm! 0 quae . . 
Er richtete sich mit einer heftigen Bewegung vom Sofa in 
die Höhe. „Ueberhaupt, das ist das eigentlich Tragische an 
der Armut, daß man sich über jeden Tag freut, den man 
glücklich hinter sich gebracht hat. — Donnerwetter, ich gehe 
zu Dödering! Der wird natürlich noch in de» Federn liegen/ 
Das giebt Gelegenheit zu konstatieren, daß es noch faulere 
Menschen giebt. Ein kebr wohlthätiges Bewußtsein." 
Er kehrte in seine Kammer zurück und machte Toilette. 
Nachdem er dann noch den steifen Hut mit der wagerechten 
Krempe ein bißchen aufs linke Ohr gestülpt und sich mit dem 
Ebenholzstock bewaffnet hatte, trat er aus den Gang hinaus. 
Wenn er gewollt hätte, hätte er von hier aus sehen können, 
daß das Haus nicht ohne architektonische Reize war. 
Wenigstens hinten hinaus. Das Gebäude hatte nur ein 
Zimmer in der Tiefe und diesen Gang. Aber dieser Gang 
war eine Galerie, eine Glasgalerie, ein Fenster am andern. 
Der Hof aber, auf den die Fenster hinaussahen, war auf 
der einen Seite von dem Treppenhaus, gegenüber von einer 
anderen Bequemlichkeit flankiert, die sich wie jene durch alle 
Stockiverke hinauf fortsetzte. Eine Architektur, die Zweck 
mäßigkeit der Anordnung und Fülle am Notwendigen aufs 
Schönste vereinigte. Den jenseitigen Abschluß bildete die 
fensterlose Rückwand des Nachbarhauses. Aber Maybaum 
sah an dem allem nur die Enge und Würdelosigkeit. Zum 
Ueberfluß stand auch noch ein Fenster der Glasgalerie offen, 
und er genoß mit sämtlichen Sinnen das intime Leben des 
Hofs, in dessen Tiefe Mutter Kietz wirtschaftete. Ihre Küche 
lag nämlich sozusagen nur zum Teil unter Dach und Fach. 
Wenigstens stand die Hälfte ihrer Kochgerätschaften Tag und 
Nacht im Freien. 
„Eine Räuberhöhle!" sagte Maybaum und schmiß das 
Fenster zu. „Eine Räuberhöhle ist es!" Und er fühlte sich 
doppelt berechtigt, von hinnen zu eilen. 
II. 
Dödering war nicht mehr zu Hause. 
„Nanu? Nicht mehr zu Hanse? Was fehlt denn dem?" 
Die ansehnliche, noch recht hübsche Wirtin lachte. „Er 
ist wieder aktiv geivorden." 
„Waaas?" 
„Ja ja, ganz gewiß. Gestern abend bei der Kneipe. 
Und heute früh ist er gleich um acht mit Mütze und Band 
fortgegangen." 
„Na aber, so was macht man doch im siebenten Semester 
nicht mehr." 
Die Wirtin steckte ein offizielles Gesicht auf, als ob sie 
feinem Laienstandpunkt ihren Couleurvcrstand entgegensetzen 
wollte. „Die Semnonen sind so schwach dieses Semester." 
„Hni! Schwächer als Dödcring können sie gar nicht 
sein." Und er tippte mit dem Zeigefinger an seine Stirn. 
Was nun beginnen? Wenn nur das unaufhörliche dünne 
Regengeriesel nicht geivesen wäre! Und der Schmutz auf der 
Deutsche wohlfahrtseinrichtunge»: Nrbciterliolonie der staatlichen Torpedowrrkr in Friedrichsort bei Siel.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.