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Periodical volume Sonnabend, 7. April 1900 Nr, 14

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Generaldirektor Rösicke, erbaut vom Architekten Teichen. Tnrn- 
und Spielplätze umgeben die umfangreichen Bauten, unter deren 
Dach sich Schlafsäle, Unterrichts- und Speiseräume vereinige», 
während die Anbauten für Verwaltung und Wirtschaft, für Wasch 
küchen und Kuhställe bestimmt sind. 
Die Besserung der Wohnungsverhältnisse an der Weichbild 
grenze der Großstädte haben sich eine Anzahl von Bauvereinen 
zur Aufgabe gemacht. Mustergiltig ist die Anlage der Kolonie 
Ostheim bei Stuttgart. Mit Aufwand großer Mittel ist hier 
ein Komplex von 228 Häusern mit 702 Wohnungen entstanden, die 
sich in zehn Straßen gruppieren. Für die Bevölkerung in einer Anzahl 
von mehreren tausend Seelen mußten dann alle möglichen Bazare, 
Wohlfahrtseinrichtungen, Bibliotheken u. s. w. begründet werden. Mit 
größeren Schwierigkeiten hatte man in der Nähe von Berlin zu 
rechnen. Hier erhebt sich im Osten die Wohnungsanlage des 
Berliner Spar- nnb Bauvereins in der Proskauer Straße. 
Die Entwürfe stammen von keinem Geringeren als dem genialen 
Baumeister A. Messel. Nahezu die Hälfte des etwa 3000 gm 
umfassenden Terrains nimmt ein mächtiger, parkartig gestalteter 
Hof ein, der von drei Straßenfronten in der Höhe von fünf Ge 
schossen umgeben ist, während die Rückwand ein viergeschossiges 
Doppelhaus einnimmt. Der ganze Häuserkomplex umfaßt 125 
Wohnungen und 11 Läden. Der Mietspreis beträgt pro Familie 
265—343 Mark. 
Wesentlich anderen Zwecken dienen die großen, sich an Fabrik 
anlagen anschließenden Arbeiterkolonien, unter denen besonders die 
der Höchster Farbwerke, der staatlichen Torpedowerk 
stätten in Friedrichsort bei Kiel, das Arbeiter- und 
Arbeiterinnenheim in Lennestein bei Altena, begründet von 
der Firma Basse & Selve, und die ähnlichen Anstalten von 
Villeroy & Doch bei Mettlach zu erwähnen sind. Besonders 
die letzteren sind mustergiltig. In herrlicher Lage erhebt sich an 
einem Bergabhang ein prächtiger Pavillon mit geräumigen Terrassen. 
Dort unterhält die Firma eine billige Restauration, große Räume 
für Sommerwirtschaften und eine geräumige Halle für die Winter 
vergnügungen mit Bühne, Billard und gedeckten Kegelbahnen. 
Im Sommer findet an Sonntag-Nachmittagen alle vierzehn Tage 
Harmonie statt, und dreimal wird im Winter getanzt. Mitten 
unter den Arbeitern verkehren die Fabrikbesitzer und Beamten. 
Turnanstaltcn und Schwimmbäder schließen sich an, und auch der 
große herrschaftliche Park ist an einem Tage in der Woche den 
Angestellten der Firma geöffnet. 
Eine wahrhaft großartige Stiftung der Kruppschen Werke 
ist die Juvalidenkolonie Altenhof, die mit einem Aufwand 
von einer halben Million begründet wurde. Die Darstellung im 
Modell macht mit ihren hübschen Einzel- und Doppelhäusern den 
Eindruck einer stattlichen Villenkolonie, die sich um Kirche und 
Erholungshaus gruppiert. 
Was hier in Modellen und panoramaartigen Anlagen mit 
Unterstützung der Reichsregierung und uuter Leitung des Vorstandes 
der Centralstclle für Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen, besonders 
der Herren Geheimrat Bost und Professor Albrecht, geschaffen ist, 
wird im Deutschen Hause der Pariser Weltausstellung zu einem 
imposanten Gesamtbilde vereinigt, dessen Entwurf vom Baunieister 
Schäde herrührt. Ueber einem schrankartigen Unterbau, der in 
Regalen eine Bibliothek der gesamten einschlägigen Litteratur ent 
hält, erblickt man einen gewaltigen Glasaufbau, dessen Gemälde von 
dem königlichen Institut für Glasmalerei nach den Zeichnungen 
des Direktors Bernhard ausgeführt sind. In einer phantastischen 
Architektur erheben sich drei Jdealgestalten, deren mittlere eine Art 
Charitas darstellt, an deren Schoß sich hilfesuchend ein Arbeiter 
schmiegt. Rechts und links stehen in rundbogig abschließenden 
Nischen symbolische weibliche Figuren, die als „Nourriture" und 
„Pädagogique" bezeichnet sind. Hinter diesen Schranken dehnt sich 
eine Art Apsis aus, in deren fünf Nischen die Panoramen der 
Arbeiterkolonien sich aufbauen, während eine gewaltige Tafel 
in der Mitte die übrigen Modelle trägt. Ueber den oben er 
wähnten Schranken zieht sich ein Paneel hin, in das etwa 150 
Jnterieuransichten in Federzeichnung und Rötel eingelassen sind, 
die dazu dienen, die durch die Modelle gewonnene Anschauung zu 
ergänzen. 
Es ist eine imposante Ausstellung, die hier mit unendlicher- 
Mühe und Arbeit zu stände gekommen ist, ein Werk deutschen 
Fleißes, das wohl geeignet erscheint, anderen Rationen als Muster 
zu dienen. Sicher darf es nicht als Zufall bezeichnet werden, daß 
sich die Räume für diese Kollektion dicht neben den Kaiserzimmern 
befinden, und so von neuem von dem arbciterfreundlichen Sinn 
zeugen, der stets einen Hauptcharakterzug unseres Herrscherhauses 
gebildet hat. 
Pariser Weltausstellung: Die Paläste auf dem Warsfeld vom Liffclknrm aus gesehen.
        
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