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Periodical volume Sonnabend, 6. Januar 1900 Nr, 1

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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gestattete, dem Stunden bet Frau Dr. Levysohn und Frau Slrtof 
de Padilla folgten. Der erste Versuch als Ayuzeua auf der Bühne 
deS Krollschcn Theaters (3. Juli 1884) wurde so günstig von 
Kritik und Publikum aufgenommen, daß Exzellenz von Hülsen, der 
sie bei ihrem dritten Auftreten als Linda von Chamounix sah, sic 
für das Opernhaus engagierte. 
Bon Berlin ging' die Künstlerin nach Hamburg und dann 
nach New-Aork. Von Amerika zurückkehrend, gastierte die Künstlerin 
zwar in Wien, nahm jedoch das ihr dort angetragene, sehr günstige 
Engagement nicht an, sondern unterzeichnete, als echte Märkerin 
treu an ihrer Vaterstadt hängend, den Vertrag, den ihr Graf 
Hochberg für Berlin anbot. 
Besonders unübertroffen als Brangäne, Ortino, Fricka rc., 
zählt Penelope (Odysseus Heimkehr) zu ihren Glanzleistungen, wie 
sie auch mit der Wiedergabe der Thanasto im Musikfragmcnt 
Brissis uneingeschränkte Bewunderung erregte. Die Klarheit der 
Intonation, die Klangfülle ihres Stimmmaterials, das außer 
ordentlich feine Gefühs für den Gesamteindruck der Vorstellung 
unterstützen das Talent Marie Goetzes auf das wirksamste. 
Als Meisterin der Gcsangstechnik ist die in Diessenhofcn 
geborene „Thurgauische Nachtigall" Frau Emilie Herzog zu 
nennen, die ebenso wie ihre vorher genannte Kollegin verschiedene 
Schwierigkeiten zu überwinden hatte, che man ihr den Besuch der 
Züricher Musikschule gestattete. In Zürich legte die junge Kunst 
liebliche Mignon unsrer Hofbühne, Therese Rothauser, nennt 
Oesterreich-llngarn ihr Heimatland. Ursprünglich zur Lehrerin be- 
stinnnt, trat das junge Mädchen nach vollendetem Staatsexamen 
dem Pcster Gesangverein bei, durch eine glockenreine Stimme >gid 
seelenvollen Vortrag das Interesse des Professors BelloricS er 
weckend, auf dessen Rat Therese Rothauser dem Lehrerin-Beruf 
entsagte und dramatischen Unterricht nahm, um dann in Leipzig 
als Carmen die Bühne zu betreten, von der aus sie dem Ruf 
nach Berlin folgte; hier wurde sie durch ihr echt schauspielerisches 
Talent und nie rastendes, künstlerisches Streben eine Stütze des 
Repertoires. Durch Verleihung der Erinnerungsmedaille und der 
Ueberreichung einer wertvollen Brillantbroschc vom Kaiser aus 
gezeichnet, erfreut sich Fräulein Rothauser ebenfalls der steten An 
erkennung des Publikums. W. 
Die Königs. Ballrkschulr in Berlin. 
die Balletschule, aus der mit Ausnahme der prima ballerina, 
die Tänzerinnen des Königlichen Opernhauses hervorgehe», 
werden Kinder bereits im Alter von fünf Jahren aufgenommen 
und genießen in derselben freie» Tanzuntcrricht durch den königl. 
Air königliche Dallelschule in Verlin. 
novize unter Professor Gloggncr den ersten festen Grund zu ihrer 
Künstlerschaft, sich besonders die ungemein klare Technik, die 
unfehlbare, reine Sicherheit der Tonbildung aneignend. Nach 
folgendem zweijährigen Studium in München, betrat sie 1880 
als Urbain in den Hugenotten die Münchner Hofbühne, 1883 
und 1884 wirkte Emilie Herzog bei den Parzifalaufführungen in 
Bayreuth mit und verschönte in München durch zahlreiche Soli 
die kirchlichen Aufführungen in der Allcrheiligen-Hofkapelle. Den 
höchsten Ruhm erlangte die Künstlerin aber erst in Berlin, wohin 
man sie von München aus berief, die ständige Vertreterin der 
„Königin der Nacht", „Gilda" u. s. w. zu werden. Mit zu 
nehmender körperlicher und geistiger Reife hat Emilie Herzogs 
Stimme in den letzten Jahren noch mehr an Umfang, Schönheit 
und Fülle gewonnen. 
Auch im Konzertsaal hat sich die „Liedersängerin" Eniilie 
Herzog (die seit zehn Jahren mit dem Musikhistoriker Dr. Welti 
vermählt ist), weit über die Grenzen Deutschlands hinaus hervor 
ragend bewährt, der Gcfühlstiefc eines Bach, den zarten Weisen 
eines Mozart ebenso gerecht werdend wie der Glut und Leiden 
schaft eines Schubert und Brahms. 
Jda Hiedler, deren schöne, mächtige Stimme, elegante Er 
scheinung und reiche Gestaltungsgabc sie für Rollen wie Elisabeth 
(Tannhäuser), Eva (Meistersinger), Agathe, Elsa, Margarete rc. 
besonders prädestinieren, ist geborne Oesterreicherin und wurde vor 
nicht allzu langer Zeit zur königlich preußischen Kammersängerin 
ernannt. Ihr volles, weiches Organ ließ sie auch in hoch 
dramatischen Rollen, wie Fidelio, reiche Erfolge erzielen. 
Auch der anmutige Puck und vorzügliche Telemachos, die 
Solotänzer Müller, während der Unterricht in oen Elementar 
fächern durch eine Lehrerin in einem zur schule eingerichteten 
Saal des königl. Schauspielhauses in den Vormittagstnnden von 
8 bis 11 llhr erteilt wird. Unter dem Balletmeister Graeb, dem 
Schüler des unvergeßlichen Paul Taglioni, dessen geistiger Erbe 
er auch in bezug auf Crcirung glänzender Balletpoöme geworden 
ist, hat sich die königliche Balletschule zu einem Musterinstitut 
entwickelt, das der Bühne zahlreiche tüchtige Kräfte zuführt. 
Kleine Mitteilungen. 
Der Verdächtige. Vor ungefähr fünfzig Jahren erschien ,eden 
Morgen in der bekannten Kranzlerschen Konditorei unter de» Linden 
in Berlin ein junger Man», trank eine Tasse Kaffee, legte einen Dukaten 
als Zahlung hin und entfernte sich wieder, ohne auf das Auszahlen 
der ihm gebührenden Summe zu warten. Als er das zwei- bis dreimal 
gethan hatte, kam er der Kellnerin sehr verdächtig vor, und sic machte 
ihrem Prinzipal Meldung von dem verschwenderischen Gast. Auch 
dem Prinzipal kam die Sache sehr bedenklich vor; er wandte sich an 
den Polizcirat Dunckcr und erzählte ihm die Dukatengeschichtc. Duncker 
teilte sein Mißtraue» gegen den Fremden und beschloß, denselben zu 
beobachten. Kaum war am nächsten Tage der junge Verschwender 
erschienen, so trat auch Duncker in die Konditorei, setzte sich an seinen 
Tisch und begann ein harmloses Gespräch. Endlich legte der Unbekannte 
einen Dukaten, den er aus einer vollen Börse nahm, auf de» Tisch. 
„Sie haben da einen hübschen Vorrat von Goldfüchsen", sagte Duncker 
mit lauerudem Blick. „Oh, das ist nur für die täglichen Ausgaben", 
erwiderte der Fremde unbefangen. „Dürste ich Sie vielleicht um eine
        
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