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Periodical volume Sonnabend, 31. März 1900 Nr, 13

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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konische» Staubes umlagerten daun noch Monate lang den Erdball 
und verursachten die rätselhaften, lange unerklärten Farbener- 
scheinnngen in der Atmosphäre bei Sonnenuntergang. Das Geräusch 
des Ausbruchs wurde deutlich tausend Kilometer weit gehört, und die 
im Welteumeer erzeugte Flutwelle trug Vernichtung über die Küsten 
der gesamten Sunda-Jnseln. 
Endlos ist die Zahl der Eruptionen des Erdinnern, die namentlich 
in den stark vulkanischen Gebieten von Japan, Südamerika und 
Island erfolgt sind. Und bei keinem der unzähligen erloschene» 
Krater, die wir kennen, sind wir sicher, daß nicht doch »nveriuntet 
wieder ein Ausbruch erfolgt und doch — denkt je der Mensch an 
diese furchtbarste, unentrinnbarste Gefahr? 
Die Berliner Centralküche. 
s üdlich hat Berlin die erste, flott betriebene Centralküche erhalten. 
Endlich! Ein solches Institut ist nämlich ein dringendes 
Bedürfnis für eine Großstadt, ja, ohne Uebertreibung, eine soziale 
Notwendigkeit. Man müßte sich wundern, daß es nicht schon längst 
in de» Großstädten gemeinsame Küchen für eine größere Zahl von 
Haushaltungen giebt, wenn man nicht wiißte, daß niemand Nene- 
rungen abholder ist als die Hausfrauen, und daß sich Reformen 
nirgends schwerer einführen lassen als aus dem Gebiet der Haus 
wirtschaft und des Haushalts. Die Vorteile, die die neue Ein 
richtung gewährt, indem man sein Mittagessen „fix und fertig" 
ans einer Anstalt bezieht, anstatt es nach altem Brauch selbst im 
Hanse zu bereite», sind ebenso groß wie zahlreich. Unzweifelhaft 
kann das Essen von der Anstalt billiger geliefert werden, als man 
es sich im einzelnen selbst herstellt: denn der Anstaltsnnternehmer 
kauft die Rohmaterialien im großen aus erster Hand um das 
doppelte und dreifache billiger als die Hansfrau, die ihre kleinen 
Onantitälen aus dritter Hand für das Mittagessen einzeln einkauft. 
Das Essen ist aber in der Anstalt auch kräftiger und nahrhafter; 
denn die Speisen werden in Dampfkochapparaten zubereitet, das 
Fleisch kommt in großen Stücken in die Kessel und bleibt dadurch 
saftig »nd wohlschmeckend. Ans dem halben Pfund Fleisch, das 
nicht nur die Arbeiterfrau, sondern auch nicht selten in der Groß 
stadt die Hausfrau des Mittelstandes für das Mittagessen in den 
Topf bringt, läßt sich beim besten Willen und selbst bei Anwendung 
der großartigsten Kochkunst 
weder etwas Kräftiges noch 
besonders Wohlschmeckendes 
machen. Gute Ernährung 
giebt aber Gesundheit, wäb- 
rend die jetzige Ernährung 
bei der Einzelküche .nur zu oft 
in minder gutsituierten Fa 
milien eine der Ursachen häu 
figer Krankheiten ist. Man 
spart ferner bei dem Bezug 
der Speisen ans der Central 
küche im einzelnen Haushalt 
die Feuerung für das Mittag 
essen. Es werden durch die 
Feuerung für das Mittagbrot 
in der Großstadt jährlich. 
Millionen von Mark durch 
den Schornstein gejagt und 
zudem die Lust über der 
Stadt in hohem Maße ver 
schlechtert. Im Sommer bringt 
die Mittagkocherei auch noch 
den Nachteil, in den kleinen 
Wohnungen eine zu dieser 
Jahreszeit recht lästige Hitze 
zu erzeugen. Die Hausfrau 
muß jetzt den ganzen Vor 
mittag am Herd stehen und 
kann sich während dieser Zeit 
weder den Kindern noch 
anderen wichtigen Hans- 
haltnngspflichten widmen. 
Sie wird durch die Centcal- 
küche ohne alle Frage nicht 
unwesentlich entlastet. Die 
Arbeiterfrau braucht dem ans 
der Centralküche sich versorgenden Mann nicht mehr das Essen nach 
der oft so entfernten Arbeitsstelle zu tragen, wobei sie nicht selten 
schon um elf Uhr vormittags aufbrechen muß, um unter Benutzung 
der Straßenbahn und mit Ausgaben dafür rechtzeitig bei dem 
Mann zu sein, der dann nicht einmal immer warmes Essen be 
kommt. Vom sozialen Standpunkt ans ist es nur aufs lebhafteste 
zu wünschen, daß das neue Unternehmen der Centralküche in 
Berlin Anklang finde, damit es sich erweitere und auch an anderen 
Orten Nachahmung finde. Für Tausende von Familien kann eine 
solche Centralküche geradezu zum Segen werden. 
Glücklicherweise scheint sich die neue Centralküche sehr gut ein 
zuführen; es kommt ihr zu statten, daß der Unternehmer, namens 
Höhnte, ein Fachmann, Kaufmann und Armeelieferant ist, der seit 
23 Jahre» Mcnagelieserungen für verschiedene deutsche Armeekorps 
hat und mit der militärischen Mannschaftsküche genau vertraut ist. 
Nach dem Muster der Militärküche ist auch die Berliner Central- 
küchc eingerichtet, die sich vorläufig am äußersten Ende der Greifs- 
walderstraße im Nordosten Berlins befindet. Auf einem größeren 
Grundstück sind hier mehrere einstöckige Gebäude ans Wellblech 
und Fachwerk errichtet, in denen um zwölf Uhr nachts die Arbeit 
beginnt. Uin diese Zeit werden die vorbereiteten Speisen in die 
Kessel gethan, die teils mit Dampf, teils mit Steinkohlen geheizt 
werden und 6000 Portionen fassen. Die Portion ergiebt drei tiefe 
Teller Suppe. Alle Speisen werden in Suppenform verabreicht, 
das Fleisch ist in Würfel geschnitten. Es werden gekocht: Erbsen, 
Kartoffeln und Schweinefleisch; Mohrrüben mit jungen Erbsen, 
Kartoffeln und Rindfleisch; grüne Bohnen, Kartoffeln und Hammel 
fleisch; Weißkohl, Kartoffeln und Schweinefleisch; Graupen mit 
Pflaumen, Kartoffeln und Rauchfleisch. Um zehn Uhr vormittags 
fahren die ersten Wagen zur Kundschaft. Jeder Wagen hat 
einen Fahrer und zwei Jungen, die das Essen ausgeben und es den 
Abnehmern bis an die Hausthür bringen. Der Wagen enthält 
einen mit patentierter Vorrichtung geheizten Kessel, der 800 Liter 
faßt. Aus dem Kessel wird das warme Esse» mit großen Schöpf 
löffeln nninittelbar in die Gefäße der Kundschaft geschüttet. Der 
Wagenführer zeigt seine Gegenwart der Kundschaft durch eine drci- 
tönige Huppe an, auf der er ein Signal bläst. In verschiedenen 
Fabriken führt der Wagen auf den Hof und giebt hier an die 
Arbeiter das Essen ans; bisweilen wird auch der ganze Kessel in 
den Speisesaal der Arbeiter geschoben. Gegenwärtig sind täglich 
während ber Mittagszeit sieben Wagen zu je 800 Litern unterwegs. 
Gekochtes Fleisch wird auch besonders verabreicht. Die Portion 
desselben hat 70 Gramm und ist vollständig knochenfrei; der Preis 
von 10 Pfennig dafür ist außerordentlich niedrig. Der Unter 
nehmer versorgt vorläufig nur den Norden, Nordosten, Osten und 
Südosten Berlins, wird aber seinen Betrieb bald auch auf andere 
Stadtteile ausdehnen. Er beabsichtigt später auch Portionen zu 
25 Pfennig, Braten, Sauce und Kartoffeln, zu geben und wird 
damit vielen kleinbürgerlichen Familien eine billige und bequeme 
Ernährung ermöglichen. Gegen zwei Uhr nachmittags kehren die 
Die Berliner Denkralküche: Frauen beim Rariolfelschälen. 
Wagen aus den Revieren zurück. Der Nachmittag lind der Abend 
werden in der Centralküche zu Vorbereitungen für den nächsten 
Tag, Kartoffelschälen, Gemüseputzen u. s. w., verwendet. In der 
Küche selbst wird vormittags ebenfalls Essen portionsweise an 
Kundschaft abgegeben, die es gleich hier verzehrt. 
Das Unternehmen findet natürlich auch viel Anfeindung, da 
ja den auf Arbeiter angewiesenen Gastwirten durch die Central- 
kiiche viel Abbruch geschieht und noch mehr geschehen wird. Doch
        
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