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Periodical volume Sonnabend, 31. März 1900 Nr, 13

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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„Vor einiger Zeit habe ich Ihnen einen Brief geschrieben, 
Fräulein Edith. Sie haben mir bis jetzt keine Antwort ge 
geben, und ich habe voll Unruhe darauf gewartet bis heute. 
Gewartet noch iniiner, wenn auch kaum mehr gehofft. Soll 
ich ganz ohne Antwort darauf bleiben?" 
„Nein, das sollen Sic nicht." 
Etwas von der früheren Energie ivar in der Art, wie 
sie jetzt den Kopf zurückwarf und ihm gerade in die Augen 
sah. Gleich aber schwand dieser Ausdruck wieder, und in 
ihrer neuen, demütigen Weise richtete sie die Blicke zu 
Boden. Der sanfteren Haltung entsprach auch der Ton 
ihrer Worte. 
„Ich will Ihnen Antwort auf alles geben, was Sie mich 
fragen, und auch auf anderes noch, was Sic mich nicht 
fragen könne». Ich habe ja nur auf diesen Augenblick ge 
wartet und habe gezittert, daß er vielleicht nicht komnien 
ivürde. Darum habe ich auch in nieineni Briefe nicht davon 
gesprochen, weil ich die Freude haben wollte, cs Ihnen selbst 
zu sagen. Alles, alles, zum Schreiben war es ja zu 
viel. Sie wissen schon, ich muß die Seele frei haben von 
jeder Last, tvcun ich .zufrieden sein soll. Hundertmal wohl 
habe ich Ihnen in Gedanken eine Art von Beichte abgelegt, 
eine Beichte über mich selbst, über mein Inneres, und 
nun es soweit ist, da weiß ich doch wieder nicht recht, wo 
und wie ich den Anfang machen soll. 
„Fangen Sie mit der Hauptsache an," sagte er und 
versuchte zu lächeln. 
„Die Hauptsache, das ist für mich, daß ich Ihnen 
unrecht gethan habe. Nicht so, wie schon einmal, Sie 
ivissen wohl noch, als ich Sic um Verzeihung bat, damals 
am ersten Tage in Fasano. Nein, ganz allgemein, indem 
ich mich zur Nichterin über Sie ailfwarf. Jetzt ist es mir 
klar geworden: kein Mensch soll über den anderen richten 
wollen; denn er kennt sich selbst viel zu wenig, als daß er 
den anderen an sich messen dürste. Was ich Ihnen vor 
geworfen habe, das hätte ich an nur tadeln sollen; alles das 
habe ich in mir selbst gefunden, leider nur viel zu spät.. 
Eitel und unwahr habe ich Sie gescholten, eitel und unwahr 
bin ich selbst gewesen." 
„Wie können Sie das sagen, Fräulein Edith!" 
„Weil es die Wahrheit ist. Lange Zeit habe ich mir 
eingebildet, die Wahrheit zu lieben und bin eitel und stolz 
darauf gewesen ohne Grund. Denn während ich es that, 
habe ich mich wochenlang selbst belogen, mich, die Ehrliche, 
Aufrichtige, Wahrhaftige, wie ich mich in thörichter Selbst 
herrlichkeit genannt habe. Wenn ich mir wieder und wieder 
vorsagte, daß ich Sie haßte und immer hassen würde, es 
war eine Lüge." 
„Und was — oh, sagen Sie es mir, — ivas ist die 
Wahrheit?" 
Sie gab keine direkte Antivort, sondern fuhr nach einem 
tiefen Atemzuge fort in dem, was sic als ihre Beichte be 
zeichnete. 
„Ich hatte mir vorgesetzt, nur einen vollkommenen 
Menschen zu lieben, und hatte dabei vergessen, daß es keine 
vollkommenen Menschen giebt. Bor allein, daß ich selbst zu 
den allerschwächsten und unvollkommensten gehöre." 
„Und haben Sie einen unvollkommenen Menschen lieben 
gelernt?" 
Sic sah ihn an, von unten her, gebeugten Hauptes, mit 
einem Lächeln, das um Verzeihung zu bitten schien. 
„Seit ich ihn liebe, scheint er mir vollkommen." 
„Ist es derselbe, der Ihnen neulich geschrieben hat?" 
„Ja, er ist es." . 
„Oh, Fräulein Edith!" 
„Nein, lassen Sie noch meine Hand. Hören Sie mich 
erst bis zu Ende. Ganz frei muß die Seele sein für das 
Glück. Gewehrt habe ich mich gegen diese Liebe, wie gegen 
einen bösen Feind, und habe geglaubt, sie durch Hohn und 
Spott und Verleumdung besiegen zu können. Jetzt weiß ich, 
daß es mir eher möglich wäre, hier dieses alte Gemäuer niit 
meinen Händen von der Stelle zu rücken. Jetzt weiß ich auch, 
daß ich Sie vielleicht niemals mehr geliebt habe, als in der 
Zeit, wo ich Sic am meisten zu hassen und zu verabscheuen 
glaubte." 
„Ich werde Dich lehren, mich noch mehr zu lieben," sagte 
er halblaut. Er hatte sein Gesicht dem ihren so nahe gebracht 
und sah ihr so tief in die Angen, daß sie in süßem Schauer 
die Lider sinken ließ. Sie lächelte mit zitternden Lippen und 
sagte, so leise redend wie er: „Ich glaube nicht, daß Dir das 
möglich ist." 
Mit einer gewaltsamen Anstrengung riß sie sich aus der 
betäubenden Traunistimmung los und sagte, einen Schritt 
zurücktretend, mit verändertem Ton: „Das war damals, als 
Du mir den Brief geschrieben hattest, und als ich Dich gleich 
daraus mit der Sängerin zusammen sah, die Du dann geküßt 
habe» sollst vor allen Leuten. Ich weiß auch heute noch 
nicht mehr von Dir und ihr, als ich damals mußte; aber ich 
glaube jetzt an Dich, und nun könntest Du sie auch vor 
meinen Angen küssen, ich würde doch sagen: „Er liebt sie 
nicht". Oh, Du kannst cs nicht ahnen, wie schön und frei 
mir nun zu Mute ist. Ich glaube au Dich, ja, ich glaube 
an Dich!" 
„Und machst mich glücklich dadurch, Edith, so glücklich!" 
„Sieh, das ist alles seit dem Tage, an dem Du mich 
gerettet hast. Ich war so verzweifelt ivie niemals vorher 
und lies in dem Sturm hinaus in die Berge und wußte nicht 
mehr, was ich that. Nur daß ich Dich liebte, das wußte ich 
schon damals. Wenn ich mich noch dagegen gewehrt hatte, 
der Schmerz in dem Augenblick, als ich Dich neben der 
Sängerin sah, der hatte mir's klar geniacht. Aber als ein 
Unglück empfand ich diese Liebe, nicht als Glück. Denn die 
Zweifel an Dir und Deiner Wahrhaftigkeit wollten nicht 
schweigen, und so bin ich umhergeirrt und habe zum Himmel 
gebetet um einen Beweis für die Wahrheit Deiner Liebe zu 
mir. Ich sah nicht mehr auf den Weg, ich sorgte nicht mehr 
um mein Leben, ich flehte nur immer von neuem; „Gieb mir 
ein Zeichen, daß er mich liebt!" Und indem ich betend nach 
oben sah, hat mein Fuß den Halt verloren; ich bin gestürzt 
und habe von Gebet und Liebe nichts mehr gewußt." 
„Jetzt aber weißt Du wieder von ihr, nicht wahr?" 
„Ja, jetzt und für inimer. In dem Augenblick, als ich 
erfuhr, daß Du mich gerettet hattest, da wußte ich, daß Du 
mich liebtest. Etivas der Art thut man ja nur für einen 
Menschen, den man liebt. Aber nun iveiß ich, was Du mir 
in Wahrheit geopfert hast, kommt mir mein Gebet von damals 
fast wie ein Frevel vor. Was bin ich denn, daß der Himmel 
um meinetwillen Dir diese Prüfung auferlegt hat? Um mich 
ist Dein Leben, Dein Glück, Deine Zukunft zerstört worden, 
und ich kann ja nichts thun, um Dir das zu ersetzen." 
„Mich lieb haben kannst Du, giebt es denn besseren 
Ersatz? Du bist nun mein Leben, mein Glück und meine 
Zukunft. Das alles halte ich im Arm, ganz fest, so wie Dich, 
und küsse es, Edith, — küsse cs, so wie Dich." 
Er hatte sie an sich gezogen und geküßt, und eng an 
einander geschmiegt gingen sie jetzt bis zu dem äußersten 
Rand des Gemäuers, wo sie hoch über den blauen Fluten 
dastanden wie die Beherrscher dieser wundervollen Wasscr- 
und Felseuivelt. Eine Weile blieben sie schweigend, Auge in 
Auge. Dann löste Edith den Blick von dem Geliebten, schaute
        
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