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Periodical volume Sonnabend, 31. März 1900 Nr, 13

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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gegen die Felsplatte, auf der die Insel wie auf einer riesen 
haften Tafel ruht. Noch einmal schaute er nach allen Seiten 
umher; dann machte er Halt, setzte sich auf ein grasum 
sponnenes Trümmerstück und gab sich trübem Sinnen mit 
enttäuschter Seele hin. 
So hatte er vielleicht eine Viertelstunde gesessen. Da 
war es ihm plötzlich, als hätte sich etwas um ihn her ge 
ändert, als wäre etwas Bedeutendes ihm nahe gekomnien, 
ein Glück oder ein Unglück, er wußte es nicht. Unklar, 
traumhaft war das Gefühl. Aber als er den Kopf nun zur 
Seite wandte, da sah er in Wahrheit Edith vor sich, nicht 
mehr als zwanzig Schritte von ihm entfernt; sie stand gerade 
unter einem blühenden Mandclbaum, der sich wie frohes, 
junges Leben unter die Schar der ehrwürdig-ernsten Oliven 
gemischt hatte. Sie hielt sich mit der linken Hand an den 
Stamm des Baumes, die rechte gegen Rauchmann ausge 
streckt, in einem schwarzen Kleide sich scharf und ernsthaft 
abhebend von der Fläche des Wassers. Einen Augenblick 
blieb sie regungslos, wie gebannt, gleich ihm; dann aber, 
„Sie ist verloren." 
„Verloren?" 
„Für immer. Der Arzt hat sein Urteil gesprochen. Und 
wir haben es ja gestern beide gehört, was aus meiner Stimme 
geworden ist." 
„Unrettbar, — wirklich unrettbar verloren?" 
Mit unsäglicher Angst in ihren Mienen blickte sie ihn 
an, und als er noch einmal wortlos bejahte, da füllten sich 
ihre Augen abermals mit Thränen. 
„Oh, ivarum haben Sic mich nicht sterben lassen? Um 
solchen Preis mag ich nicht gerettet sein. Das bin ich nicht 
wert, das nicht! Ihre Stimme, Ihre Kunst, eine Welt konnten 
Sie damit erfreuen und beglücken, und um meinetwillen soll- 
das vernichtet sein? Ich kann es nicht glauben, ich kann, ich 
will es nicht glauben!" 
„Und wenn der Verlust nun nicht so groß für mich wäre, 
ivie Sie denken? Sie müssen mich verstehen: ich leide, ich fühle 
ihn, aber trotzdem, ich bin ein anderer geworden in dieser 
letzten Zeit. Eine Welt zu beglücken, war schön, aber ich 
NnNrhl von Dloemfonkiine. 
als er eniporsprang, riß auch sie sich los, warf die Erstarrung 
von sich und kam auf ihn zu, — nicht ganz so fest und 
sicher, wie sie sonst zu schreiten pflegte. Etwas Demütiges, 
Geläutertes war in ihrer Erscheinung, das bleiche Gesicht von 
schärferen Formen, die Augen scheinbar größer geworden, 
von Schatten umlagert. 
So trat sie vor ihn hin, faßte die Hand, die er ihr 
entgegenhielt, und sah ihn schweigend, uni Worte ringend, 
einen Augenblick an. 
„Sic sind es wirklich? Es war mir, — eben, als ich 
Sie sah, — es ivar mir wie ein Traum. Aber nun sehe 
ich Sic ja in Wahrheit vor niir, und ich kann Ihnen danken, 
endlich, endlich kann ich Ihnen danken!" 
Er wollte ihr Antwort geben, abwehrend, bescheiden; 
aber die Rede gehorchte ihm nicht, er vermochte nur, den 
Kopf zu schütteln und ihr in die Augen zu sehen, in diese 
geliebten Augen, die gestern um ihn geweint hatten. Auch 
sie schien daran zu denken, als sie jetzt weiter sprach. 
„Sie haben mir das Leben gerettet, — aber um welchen 
Preis! Ihre Stimme, —. sagen Sie mir, — oh, bitte, bitte, 
sagen Sie mir —" 
habe jetzt empfinden gelernt, daß es noch unendlich viel schöner 
sein muß, einen einzelnen Menschen zu beglücken, ivenn man —" 
Er stockte, er sah auf einen kleinen Zweig von blühenden 
Mandeln, den Edith in der Hand hielt, und verstummte im 
Anschauen dieses rötlich leuchtenden Frühlingszcichens. 
„Wenn man, was wollten Sie sagen?" 
Ihre Frage gab ihm den Mut für die Antwort. Sich 
ein wenig zu ihr hinüberbeugend, entgeguete er leise: „Wenn 
man den Menschen liebt, das hatte ich gemeint." 
Sic nickte und lächelte, und unter dieseni Lächeln verlor 
ihr Gesicht den traurigen Stempel von Leiden und Gram, 
den die letzten Wochen ihn, aufgeprägt hatten. 
„Einen Menschen zu beglücken, den man liebt, ja, das 
muß ivunderschön sein." Sie sprach es träumerisch vor sich 
hin, niehr mit sich selber redend, als mit ihni. 
Er wartete noch einen Augenblick, ob sie nichts hinzu 
fügen würde, doch als sie schwieg, begann er von neuem. 
Seine Lippen zuckten nervös, und seine Finger zerbröckelten 
ein Erdstück, das er beim Aufspringen gedankenlos gefaßt 
hatte, doch zivang er die Stimme zu ruhigem Ton.
        
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