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Periodical volume Sonnabend, 17. März 1900 Nr, 11

Full text: Der Bär Issue 26.1900

Pecrilkl'or) des JJär. 
(Fortsetzung.) 
^Ootans Pei-1ob(ii)Z. 
Novelle von Robert Rohlrausch. 
ein, ich bedaure. Die Artikel dieser Herren lese ich 
mit Vergnügen, sofern sie gut geschrieben sind, aber 
persönlich kenne ich niemanden. Auch denke ich darin 
ein wenig altmodisch, daß ich mit wichtigen Angelegenheiten 
des Lebens zunächst nur innerlich fertig zu werden suche; 
das Aeußerliche findet sich dann meist von selbst." 
„Sie haben recht. Ich muß schweigend zu dulden suchen. 
Und wenn ich zusammenbreche, ivenn diese Last zu groß für 
mich ist, ivas liegt an mir? Kurz ist der Schmerz —" 
„Und ewig ist die Freude, jaivohl. Also nochmals: 
Verzeihung für die verursachte Störung." 
Jetzt gewann die Generalin wirklich die Thür. Sie 
ivar sehr rot im Gesicht, als sie den Rückweg zu ihrem 
Zimmer antrat. „Wenn ich jetzt nicht gegangen wäre," 
murmelte sie vor sich hin, „hätte die Person mir den ganzen 
Schiller vordeklamiert und noch ein paar andere Klassiker 
dazu. Es wundert mich nur, daß sie ihren Wagner nicht 
mehr citiert; der muß für solche Fälle wohl nicht ausgiebig 
genug sein." 
Sie hatte sich geärgert; tiefinnerlich war sie zugleich 
froh. Was sie gehört hatte, war nicht ungünstig, für Edith, 
und sie brannte darauf/ ihr die Unterredung mit der Sängerin 
zu erzählen. Aber Edith war noch nicht ivieder zurück, und 
sie kam auch im Lause der nächsten Stunden nicht. Zunächst 
fügte sich die Generalin geduldig in das Warten, las ihre 
Zeitung, nahm eine Handarbeit vor, schrieb ein paar Briefe 
und fand bei diesen ruhigen Beschäftigungen ihren Humor 
soiveit wieder, daß sie in der Erinnerung an die Sängerin 
still vor sich hin lachen konnte. „An der verliert er nichts, 
und sie liebt ihn so wenig, ivie er sie geliebt haben kann; 
Theaterthränen und Theatcrgefühlc," das war die ange 
nehme Erkenntnis dieses Morgens, und mit ihrer Hilfe, blieb 
die Einsame bei guter Laune. 
Als dann jedoch die Mittagsstunde ganz nahe war, und 
Edith sich noch immer nicht blicken ließ, wurde ihre Mutter 
doch unruhig. Der Sturm schien ihr noch lauter zu toben 
und mit seiner häßlichen (Stimme ihr allerlei traurige Ge 
schichten von Unglücksfällen und Todesnot zu erzählen. Es, 
duldete sie nicht mehr in der xuhigen Stellung, und sie begann 
im Zimmer umhcrzusuchen, als wenn ihr irgend einer von den 
Gegenständen Auskunft und Beruhigung zu geben vermöchte. 
Dabei fiel ihr das Buch in die Hand, in dem Edith gelesen 
hatte; sie reiste selten, ohne einen Band Shakespeare mitzu-. 
nehmen, und diesmal war der „Hanilet" ihre Lektüre gewesen. 
Er lag aufgeschlagen da; der Monolog: „Sein oder nicht 
sein", fiel der Generalin ins Auge, und sie las unwillkürlich 
die Worte: ' 
Ob's edler im Gemüt, die Pfeil' und Schleudern 
Des wütenden Geschicks erdulden, oder 
Sich waffnend gegen eine See von Plagen 
Durch Widerstand sie enden. Sterben — schlafen. 
Wer sprach da vom Sterben? Waruni tönten diese Worte 
wie der passende Text zu der Musik des Sturmes? Die 
Generalin lächelte, schüttelte den Kopf und fühlte doch zugleich, 
wie ein Schauer ihr eiskalt durch die Glieder lief. Es war 
Zeit, Edith mußte kommen! Wie konnte sie so lauge draußen 
bleiben, bei diesem Univetter, das gerade jetzt ivieder mit 
großen, sprühenden Regentropfen gegen die Fenster schlug! 
Stimmen, Schritte, Beivegung im Hause, doch keine Edith. 
Die Mittagsglocke ertönte, der Klang schrillte heiser durch das 
Hotel, die Gäste gingen plaudernd über Korridore und 
Treppen, und immer noch wartete die Generalin voll wachsen 
der Unruhe vergeblich auf die Heimkehr der Tochter. 
Im Speisesaal nahm das Mittagsmahl seinen gewöhn 
lichen Gang, bei dem Unwetter doppelt willkommen als 
einziger Wechsel in der Monotonie des düsteren Tages. Die 
meisten redeten jetzt lebhaft, um sich über ihn hinwegzutäuschen, 
Rauchmann aber saß schweigend an seinem Platz. Die 
Millerta hatte zu seiner Freude sagen lassen, daß sie leidend 
sei und auf ihrem. Zimmer speisen werde, und so brauchte 
er sich mit lästiger Gesprächigkeit nicht zu bemühen. Er 
brütete stumm vor sich hin und blickte erst auf, als sich gegen 
Schluß der Essensstunde eine plötzliche Unruhe der übrigen 
Gesellschaft bemächtigte. Der eine flüsterte dem anderen etwas 
zu, die Köpfe beugten sich erwartungsvoll vor, es ivar, 
als wenn einer der Windstöße von draußen über sie dahin 
hinge. Was war geschehen? Ein jeder fragte, horchte, er 
zählte weiter. Und nun kam auch zu Rauchmann die Nach 
richt, die alle übrigen beivegte, und die ihn traf wie ein 
Stich oder ein Stoß, schmerzhaft, betäubend: Edith Bessel 
wurde vermißt! 
Für einen Moment fühlte er sich wie gelähmt; aber diese 
Empfindung verlor sich sofort und machte einer Spannung 
aller Kräfte Platz, als die Generalin jetzt, von Angst und 
Sorge getrieben, in den Saal trat und im Gefühl einer- 
inneren Zusammengehörigkeit sogleich auf die Stelle zuschritt, 
wo Rauchmann saß. Fragen und Teilnahme bestürmten sie, 
man hielt sie auf, unterbrach ihren Weg, und doch war sie 
in ganz kurzer Zeit bei dem Sänger angelangt. Ihr volles 
Gesicht war entfärbt und schien älter und schlaffer; die Augen 
blickten unsicher suchend. „Meine Tochter ist vor mehreren 
Stunden fortgegangen und nicht zurückgekommen. Ich fürchte, 
daß ihr ein Unfall zugestoßen ist." Sie hatte die Worte nur 
an ihn gerichtet, und auch er hatte das Gefühl, als iväre er 
allein mit ihr in einem plötzlich leer gewordenen Raum. 
Er antivortete ihr nicht gleich, sondern sah sie nur an, 
doch verstand sie die Sprache seiner Augen. Vor ihr stehend, 
— er hatte sich sogleich erhoben — fügte er nun auch eine 
Frage in Worten hinzu. 
„Haben Sie keine Ahnung, wohin sic gegangen ist?" 
„Nein, ich weiß nichts. Es ist mir, als hätte sie sich 
draußen > vor der Hausthür nach rechts gewendet, aber ich 
kann nichts Bestimmtes behaupten." 
„Ich werde sie. suchen." 
Er hatte seine Hand ausgestreckt, uyd die Generalin 
legte die ihre hinein. Hätten seine Augen ihr nicht schon 
genug gesagt, so hätte dieser Händedruck ihr die Versicherung
        
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