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Periodical volume Sonnabend, 17. März 1900 Nr, 11

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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dünn wandte er sich zn seinen Tischgenossen Nlit den Worten König 
Philipps: 
„Der Knabe 
„Don Karl fängt an, mir fürchterlich su werden!" 
Unter schallendem Gelächter zog sich der Kellner Karl verwirrt 
zurück und — man borgte dem Künstler gern weiter) hatte man 
doch gute Grunde dazu! 
Sieben Jahre hindurch hatte so die denkwürdige Tafelrunde 
bei Lutter und Wegener angedauert, dann wurde es stiller in dem 
kleinen Eckzimmer. Am 27. Juli 1822 gab Devrient der ent 
seelten Hülle seines nach qualvollen Leiden verschiedenen Freundes 
Hoffman», von dem Hause Taubenstraßc 31 aus, das letzte Ge 
leit nach deff Begräbnisstätte der Jerusalemer und Neuen Kirch 
gemeinde vor dem Hallescheu Thore. Eine niedrige Sandstein 
tafel bezeichnete noch vor einigen Jahrzehnten die bereits ver 
fallene Grabstätte des bestrickenden Erzählers seiner spukhaften 
Tollheiten, mit denen er das Publikum fortriß. ... 
Selten noch fand Devrient, in seinen letzten Lebensjahren 
überdies von körperlichen Leiden heimgesucht, in jenem Eckzimmer 
sich ein, von dem aus sein Blick auf das Schauspielhaus zwischen 
den beiden Kirchen — den „Teufel zwischen zwei Engeln" siel, 
in deren einer, der französischen Kirche, unser Ludwig einst ans der 
Taufe gehoben wurde. Am 15. Dezember 1784 hatte er in dem 
Hanse Brüderstraße 1 das Licht der Welt erblickt — nicht, wie 
noch immer irttümlich angegeben wird, in Nr. 19, welches sein 
Bater erst später bezogen. 
Devrients letzte Rolle war der „Schema" im Juden, in 
welcher er nach langer Krankheit am 1. Dezember 1832 wieder 
auftrat) am 30. desselben Monats hatte er in der vierten Morgen 
stunde das Zeitliche gesegnet. 
Ein imposanter Leichenzug bewegte sich drei Tage später von 
dem Trauerhause in der Fnedrichstraßc 183 nach dein Begräbnis- 
platz . der französischen Gemeinde vor dein Oranienburger Thor, 
woselbst die Kunstgcnossen dem in der Blüte des Manncsalters 
dahingeschiedene» Gcfährteii später ein Grabmal mit den Masken 
der tragischen und komischen Muse errichteten. 
So blieben denn die beiden Freunde, im Leben so eng ver 
eint, im Tode so weit von einander geschieden! 
Weiin die „Nachwelt dem Mimen keine Kränze flicht," läßt 
des Dichters Wort doch manche freundliche Ausnahme bei dem 
Unsterblichen der Bretter zu, welche die Welt bedeuten. Wie 
manchen Lorbeer- und blütenreichen Kranz hat ihnen die dankbare 
Nachwelt nicht schon geflochten, und auch eine» Ludwig Devrient 
aus das Grab niedergelegt! 
Am Enthüllungstage der den beiden Freunden im Jähre 1890 
gewidmete» und an dem Hanse Charlottenstraße 49 angebrachten 
Gedenktafel waren die Vorstandsmitglieder des Vereins für die 
Geschichte Berlins einer Einladung gefolgt. Bei dieser Gelegenheit 
wurde ui dem erinnerungsreichen „Kleinen Kabinett" auch dem An 
denken Devrients und Hoffmanns ein stilles Glas geweiht. 
Ferdinand Meyer. 
Ein Ehrentag für Deutschlands Flotte. 
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den wenigen Jahrzehnten ihres Bestehens ist unserer Flotte 
SS®!?; nur selten Gelegenheit geboten worden, zn beweisen, daß sie 
ein Recht auf den Ehrenplatz neben ihrer älteren Schwester, 
unserer rnhingekrönten Armee hat) aber überall da, wo dies dennoch 
einmal der Fall war, hat sic diesen Beweis auch erbracht. 
Einer der denkwürdigsten Tage für unsere junge Flotte 
ist der 17. März des Jahres 1864, der Tag, an dem die — 
damals noch preußische — Flagge ihre Feuertaufe empfing. 
Bon einer im Verhältnis gewaltigen Ucbermacht eingeschlossen, 
wollte der Führer der beiden Korvetten, ans denen damals — ab-, 
gesehen von einigen für den Hochseekampf wehrlosen Kanonen 
booten und Raddampfern — die preußische Flotte bestand, der 
ganzen Welt zeigen, daß die Preußen nicht länger gesonnen seien, 
die Herrschaft an ihren eigenen Kisten Fremden zn überlassen, und 
wahrlich, er hat diesen Zweck voll und ganz erreicht. 
Wohl konnte die kleine preußische Macht den gewaltigen 
Gegner nicht völlig vertreibe», aber der dänische Admiral hielt es 
nach dem Tage von Jäsmnnd doch für geraten, seine Blockade 
linie so weit in Sec zu verlegen, daß diese Blockade in Wahrheit 
gar nicht bestand. 
Am frühen Morgen des 17. März erhielt Kapitünlentnant 
Werner, der Kommandant der Korvette „Nymphe" den Befehl, 
Dampf aufmachen zn lassen, um sobald wie möglich zn einer 
Rekognoszierungsfahrt in See zn gehen. Schon wenige Stunden 
später stieg dann ans der etwas größeren „Arkana" Jachmanns 
des Geschwaderchefs kurzes Signal in die Toppen: „Den Be- 
Bewegnngen des Admirals folgen!" und bald darauf waren die 
beiden Schiffe in voller Fahrt außerhalb des Hafens. 
Draußen ans See vereinigte sich noch der kleine Raddampfer 
„Loreley", der später als Stationsjacht in Konstantinopel ein 
heschauliches Dasein führen durfte, mit de» Korvetten, und rauschend 
ging es durch die kurzen, grünen Ostseewögen hindurch, vorwärts, 
dem Feind entgegen. 
Admiral van Dochum, der Führer des dänischen Geschwaders, 
war bisher noch wenig oder gar nicht in dem Vergnügen gestört 
worden, das ihm die Blockade der von ihm höchstselbst er 
fundenen „Bai von Stettin")!) bereiten mußte, und er hatte sich 
die Sache daher sehr bequem gemacht. 
Mit zurückgeschobenen Feuern treibend, lagen seine Schiffe fast 
bewegungslos auf dem Wasser und rührten sich auch beim Jnsicht- 
komincn der Preußen nicht, da sie das ganze mit Recht für eine 
einfache Rekvgnosziernngssahrt und einen Angriff für vollständig 
ausgeschlossen hielten. 
ES war ein stattliches Geschwader, das die herankommenden 
preußischen Schiffe erblickten. 
Das Linienschiff „Skiold" von 66 
Die Fregatte „Själland" von 44 
Geschützen 
mit zusammen. . . 26 " 
jpiit 3 
s Schiffe mit zusammen 173 Geschützen 
über welche die drei Preußen verfügten. 
Auf den preußischen Schiffen rasselte die Trommel den General- 
marsch, die gellenden Töne der Hörner mischten sich hinein, und 
die Besatzungen eilten, brennend vor Begier, sich mit dem Feinde 
zu messen, auf ihre Gefechtsstationen, aber noch immer blieben die 
Dänen ruhig, und erst. als die kühnen Angreifer ans der bisher 
inne gehabten Kiellinie zur Gefechtsformation übergingen, wurde 
es auch bei jenen lebendig. 
Mit anerkennenswerter Präzision rangierte sich das Geschwader 
in zivei Kolonnen, und unter Volldampf ging es vorwärts, den 
kecken Störenfrieden entgegen. 
Zwei Schüsse fallen kurz hintereinander von der „Arkona", 
aber noch immer schweigen die Dänen. Da, kaum 1800 Meter 
trennen sie noch vom Feinde, als plötzlich ihre beiden Führerschiffe 
„Skiold" und „Själland" gleichzeitig nach Backbord (links) abfallen, 
und im nächsten Moment verschwinden die schwarz und weiß ge 
malten Seiten der beiden stattlichen Schiffe hinter einer Wand 
blitzenden, zuckenden Feuers, während der dumpfe Donner von 
55 schweren Kanonen die Luft erzittern läßt! 
Ein zweieinhalbstündiges Feuergefecht folgte dieser „geschickten 
Einleitung" des Kampfes durch den dänischen Admiral, und er wie 
seine Leute thaten ihr möglichstes, um die preußischen Geschütze 
zum Schweigen zu bringen. Die dänischen Matrosen gaben ihre 
glatten Lagen mit einer Präzision ab, die ihrer artilleristischen 
Ausbildung alle Ehre machte, und gar mancher Brave färbte ans 
„Arkona" und „Nymphe" die weißen Decksplanken mit seinem Blut. 
Aber unerschütterlich blieben die übrigen an ihren Kanonen, 
und was dem geivaltigen Massenfeuer der Dänen nicht gelang, — 
ein feindliches Schiff zum Schweigen zu bringen, — das voll 
brachte eine einzige gut gezielte 15 am Granate der tapferen, 
kleinen „Nymphe". 
In den Bug der „Själland" einschlagend, nahm das Geschoß 
verheerend seinen Weg durch die ganze Länge der Fregatte, und 
wie furchtbar seine Wirkung sein mußte, bewies zur Genüge die 
Thatsache, daß das getroffene Schiff fast augenblicklich sein Feuer 
einstellte und aus der Schlachtlinie zurückging. 
Unter dem tausendstimmigen Hurrah der ans den Molen lind 
am Hafen versammelten Einwohner liefen die preußischen Schiffe 
bei Dunkelwerden unbehelligt ivicder nach Swinemünde ein, wohl 
behalten und jeden Augenblick bereit, dein Feinde von neuem die 
Spitze zu bieten. 
Wie wenig Lust aber Admiral van Dochum zn einem zweiten 
Gefecht hatte, das zeigte wenige Tage später eine Rekognoszierung 
der kleinen, schnellen Aacht „Grille" unter des Prinzen Adalbert 
persönlicher Führung. 
Vergeblich versuchte der Prinz-Admiral, die^Dänen, die er 
erst im Norden von Rügen auffand, so 'weit nach Süden zu locken, 
daß sie mit den von Swineniünde heraufkommenden Korvetten 
in ein Gefecht kamen. Man zog es dänifcherseits vor, die Ver 
folgung der „Grille" aufzugeben, als iin Süden die Toppen von 
„Nymphe" und „Arkona" sichtbar wurden. ■ H. de Meville.
        
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