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Periodical volume Sonnabend, 17. März 1900 Nr, 11

Full text: Der Bär Issue 26.1900

i’tfabcmic unter dem Präsidium von Manpertuis zu neuem Leben, 
doch machte er sie leider nicht zu einer Stätte deutscher Wissen 
schaft und deutscher Litteratur, sondern er drückte seiner Ncu- 
schöpfung von vornherein de» Stempel französischen Geistes 
auf, den die Akademie bis zum Tode des großen Königs bewahrte. 
Eine deutsch-nationale Anstalt, eine Pflegstätte deutschen Geistes 
und deutscher Wissenschaft, wurde die Akademie der Wissenschaften 
erst unter Friedrich Wilhelm II., und erst im 19. Jahrhundert 
verwirklichte sie das Ideal, das dem großen Leibuiz bei ihrer 
Gründung vorgeschwebt, und von dein sie während des ersten 
Jahrhunderts ihres Bestehens nur ein Zerrbild gewesen. 
Ihre gegenwärtig geltende Verfassung erhielt die Berliner 
Akademie der Wissenschaften am 24. Januar 1812. Durch diese 
zerfällt die Anstalt in zwei Klassen mit vier Sektionen: für 
mathematische, physikalische, philosophische und historisch-philologische 
Wissenschaften. Die eminente Bedeutung, zu der die Akademie 
im Laufe des 19. Jahrhunderts gelangt ist, und deren eingehendere 
Beleuchtung weit über den Rahmen dieses Aufsatzes hinausgehen 
würde, wird durch Namen ivie Schleiermacher, Wilhelm und 
Alexander von Humboldt, Eytelwein, Link, Mitscherlich, Ehrenberg, 
Link, Savigny, Böckh, Ritter, Bopp, von Raumer, Lachmann, 
Ranke, Jacob Grimm, Pcitz, Zeller, Mommsen, ' Dove, Helmholtz, 
Lcpsius, Kiepert, du Bois-Reymond, Weierstraß, Birchow, Schuroller 
illustriert. Das sind nur einige Namen aus der langen Reihe 
deutscher Gelehrten, die der Berliner Akademie im neunzehnten 
Jahrhundert zu Glanz und Ruhm verholfen und sie mit de» 
ersten Gelehrtengesellschaften der Welt auf eine Stufe gestellt 
haben. Richard George. 
Aus Berlins vergangenen Tagen. 
3in „Kleinen Kabinett" bei Cutter und tDegener. 
gab eine Zeit in Berlin, wo Ludwig Devrient und 
® E. T. A. Hofsmann dem Weinhause bei Lutter und 
Wegen er eine solche Berühmtheit verliehen, daß selbst zahlreiche 
Fremde es aufsuchten, um den anregenden Gesprächen der 
beiden berühmten Männer an einem der entfernteren Tische zu 
lauschen oder gar, wenn das Glück ihnen günstig, einen Platz in 
ihrer unmittelbarsten Nähe zu gewinnen. 
Devrient stand damals auf der Sonnenhöhe seines Rnhmes. 
Im März 1815 von Breslau nach seiner Vaterstadt zurückgekehrt, 
von der er sich einst — still entfernt hatte, um sich der Bühnen 
laufbahn zuzuwenden, führte ihn sein „unsterblicher Durst" alsbald 
nach jener Weinstube in der Charlottenstraße 49, wo der „beste 
Tropfen getrunken" wurde. 
Eine auffallende Erscheinung war sein Zechgenosse, der Kammer 
gerichtsrat, Dichter und -Komponist E. T. A. Hoffmanu, der 
seinem Idol Mozart und der eigenen lieben Eitelkeit zu Ehre» 
seinen dritten Vornamen „Wilhelm" in „Amadeus" umgewandelt 
hatte. 
Anfänglich waren es die „Serapions"-Abende, die er 
wöchentlich einmal mit seinen litterarischen Serapionsbrüdern 
Hitzig, Chamisso, Fougns, Contessa und Koreff vorlesend, 
plaudernd und pokulierond in seiner damalige» Wohnung, 
Französischestraße 28, veranstaltete. Als dann aber diese Abende 
durch seine Schuld und den Weggang eines und des andern 
Freundes aufgehört hatten, wurde er das Haupt der nächtlichen 
Trinkgesellschaftcn bei Lutter und Wegener. Als solcher soll er 
nur ein einziges Mal gefehlt haben, und.zwar am Tage der Vcr- 
endung seines von ihm zärtlich geliebten und durch ihn berühmt 
gewordenen „Kater Murr", den er beim heutigen Goldsischteich im 
Tiergarten verscharrte. 
So hatten denn die beiden in der Kunst ivie im Leben 
dämonisch-genialen Männer einander gefunden, und als gleiche 
Schicksalsbrüder im Reiche des Geistes fühlten sie sich gegenseitig 
unwiderstehlich angezogen, durchzecknen sie regelmäßig die liebe 
lange Rächt bis an den grauenden Morgen. 
In einer solchen Situation finden wir sie ans einem Gemälde 
im Borranm des „Kleinen Kabinetts" dargestellt. Deorients 
Gesicht zeigt unter den grotesken Brauen ein schwarzes, durch 
dringendes Angenpaar, von dem ein Zeitgenosse sagt, daß vor 
ihrem Blick die berühmten Fencrangen des „alten Fritz" hätten 
erbleichen müssen. So klingt es denn auch glaubhaft, daß er einst 
durch seinen Flammenblick eine Kollegin während des Spieles 
derart verwirrte, daß sie momentan keines Wortes mächtig war. 
Seine lange, von der Mitte ab ctivas seitwärts gebogene Adlernase 
reicht fast zu den Lippen herunter; rabenschwarzes, gelocktes Haar 
umrahmt das Gesicht mit dem hervortretenden spitzen Kinn. 
Ihm gegenüber auf dem Bilde sitzt Hoffman», ein kleines 
kaum vierzigjähriges Männchen im langen braunen Rock. Es ist 
etwas Geisterhaftes, Gespenstiges in dieser Erscheinung mit dein 
gelblichblcichen, von wirrem dunklen Haar überschatteten Gesicht, 
den grauen stechende» Auge» und der scharfgebogenen, dem 
Schnabel eines Raubvogels gleichenden Nase. Ein schmaler 
Backenbart zieht sich gegen die Mundwinkel der schmalen, blassen 
Lippen. 
„Da ist Er!" murmelte man dann von Tisch zu Tisch, wenn 
Devrient eintrat und sich auf seinen gewohnten Platz neben 
Hosfmann niedersetzte. Run entzündete sich am Weine die Fackel 
des Witzes und genialen Humors; mit unbarmherziger Schärfe 
schwang Hoffman» seine satyrische Geißel, und als ein gewandter 
Zeichner griff er dann wohl nach dem Bleistift, um sein Wort 
durch eine schnell auf die Rückseite der Speisenkarte hingeworfene 
.Karikatur zu unterstützen. 
Die znin Teil noch erhalten gebliebenen Skizzen und Feder- 
zeichnnngeu, zu denen er die Originale auch in den damaligen 
ästhetischen Theegesellschaften k. fand, um sie als Hypergeniale, 
als Fratzen hinzustellen, hauptsächlich aber seine 1814—15 er 
schienen „Phantasiestückc in Jac. Callols Manier", trugen ihm 
den Beinam „Callot"-Hoffman» ein. 
Besonders stark war er im „wegbeißen" unwillkommener 
Tischgenossen. Ihn ärgerten die „ehrlichen Philister", die sich, 
wie er zu sagen pflegte, mit ihrem Prosaismns dem Teufel ver 
schrieben. Bis zur Wildheit aber steigerte sich sein Acrger über 
solche Gäste, die in ihrer vermeintlichen Vornehmheit keine Miene 
verzogen oder gar mitleidig lächelten, wenn die ganze Tafelrunde 
über seine zündenden Witze oder amüsanten Anekdoten lachte. 
Dann schossen, während er schnell Gläser des feurigsten Weines 
hinunterstürzte, Blitze aus seinen Auge», und sein Opfer unaus 
gesetzt anstarrend, rief er wohl laut über den Tisch: „Die Welt 
wäre sicherlich ganz amüsant, wenn nicht überall, wo geniale uiit> 
joviale Leute bei einem guten Glase Wein zusammenkommen, auch 
sehr eklige, schale und oberflächliche Zweifüßler sich eindrängten!" 
Koboldartig konnte er lachen und sich die Hände reiben, wenn 
er erzählte, ivie gründlich er mal wieder ganz Berlin mystifiziert 
habe; wie nach dem Erscheinen seiner Taschenbucherzählung „Die 
Brautnacht" alle Welt beim Herbst-Aequinoctium in die Spandaucr- 
straße lies und unten am alten Rathausturm wartete, ob sich mit 
deni elften Glockenschlage der nahen Nikolaikirche oben am Fenster 
die „Braut" zeigen würde, wie sie dem Herrn Geheimen .Kanzleirat 
Tnsmann sichtbar geworden sei. Oder wie nach dem Erscheinen 
seines Nachtstückes „Das öde Haus" die Fuchssche Konditorei 
Unter den Linden überlaufen wurde, und man in dem alten düsteren 
Gebäude nebenan, dessen Thür stets geschlossen, dessen Fenster 
immer verhüllt waren, das gespenstische Haus erkennen wollte, aus 
dem die von Hosfmann geschilderten Klagelaute ertönen sollten. 
Während dieses wildgenialifchen, oft übertollen Nachtlebens 
verlor Devrient nie eine gewisse edle Haltung. Seine genialen 
Knnstgespräche und feurigen Ausbrüche der Phantasie oder des 
kecksten Humors endeten zumeist in der gefälligen Hinnahme alles 
dessen, was ihm von außen geboten wurde; selten ließ er sich im 
Scherz auf eine minder würdige Bahn fortreißen. Kaum ein 
Abend verging, an dem nicht irgend ein Witzwort oder geistreicher 
Scherz von ihm vorkam, der weiter getragen zu werden verdient hätte. 
Gleichwohl stritten in seiner Seele die Geister des Lichts und 
der Finsternis i» stetem, aufreibendem Kampfe; der größte Charakter 
darsteller mar im Leben ein schwacher Charakter: Wein und Weib 
waren ihm die gefährlichsten Dämonen. Und doch besaß der 
Mensch und Künstler so' tief menschliche, gute Eigenschaften! 
Rur eines Einzclfalles von den vielen Zügen seiner oft grenzen 
losen Gutmütigkeit sei hier Erwähnung gethan. 
Ein armer herabgekommener Schauspieler betrat einst das 
Zimmer der nächtlichen Tafelrunde, wurde aber wegen seiner 
schäbigen Kleidung vom Kellner zum Verlassen desselben aufge 
fordert. Flugs erhob sich Devrient, zog seinen Rock aus und gab 
ihn dem „Kollegen". 
Daß Devrient bei solcher Gutmütigkeit oft in arge Geld 
verlegenheit geriet und auch bei Lutter und Wegenei etwas- 
länger und mehr schuldig blieb, als er wohl sollte, darf nicht 
Wunder nehmen. So erhielt denn endlich einmal der AufMMW 
Karl die Weisung, unserm Devrient die Ihm mehrmals veMeb'ckcy 
zugestellte Rechnung mit einer etivas dringenden 
übergeben. Dieser empfing das Papierckfah den IlckMWWM »sfj 
seinen rollenden Augen wild an, so da߻sener eriHmk und, in Ter 
Meinung, zuviel gethan zu haben, höchst belMWWWK^Noch 
eine Zeitlang betrachtete ihn der GcmahizjslMMA^MenzfBlick,
        
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