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Periodical volume Sonnabend, 17. März 1900 Nr, 11

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Ruderern, die dem Schaukeln der durch die Dampfer in Bewegung 
gesetzten Wellen lächelnd trotzten, und auf dem Müggelsee tauchte 
hin und wieder ein Segelboot auf, dessen Führung die friedlichen 
Angler gefährdete. Die Begründung und das allmähliche Heran 
wachsen der- Wannsee-Kolonie erschloß denn auch die Havelseen 
den maritimen Bestrebungen. Die Verbindung mit der Hochsee 
aber wurde lange Zeit für die Mehrzahl der Berliner im wesent 
lichen durch die Besichtigung der Miniaturfregatte Alexandra ver- 
Die elektrische Hochbahn in Berlin: An der Skaliherstrahe. 
mittelt, die dereinst von der Königin Viktoria Friedrich Wilhelm IV. 
geschenkt worden war und seither bei Glienicke ein beschaulich 
ankerndes Dasein fristete. Die zu ihrer Besatzung gehörigen 
Blaujacken betrachteten ihr Kommando als willkommenen Land 
urlaub. Die in immer steigender Anzahl auf der. Spree und 
Havel verkehrenden Zillen und Obstkähne gaben zwar eine hohe 
Idee von der wachsenden Bedeutung Berlins als Handelshafen, 
konnten aber mit ihren Stein-, Zement-, Sand- und Fracht- 
ladungen unmöglich aus eine ruhmvolle überseeische Zukunft hinweise». 
Langsam aber sicher hat sich der Umschwung vollzogen. Zu 
nächt wirkte der zunehmende Besuch der Ostseebäder erzieherisch auf 
die Berliner Landratten. Die heranwachsende Jugend machte sich 
spielend mit dem feindlichen Element vertraut, dem sie mit der 
Schippe in der Hand keck ihre 
Dämme und Molen entgegenbaute, 
das sie mit ihren von wirklichen 
Fischern geschnitzten, durch eine 
„Strippe" gehaltenen Booten be 
fuhr. Mit bloßem Hals und mit 
Matrosenhüteu angethan, kehrte sie 
in die binnenläudische Heimat zurück, 
um Coopcrs „Lederstrnmpf" durch 
„die Abenteuer eines Schiffsjungen" 
zu ersetzen, deren Fährlichkeiten sie, 
durch den Straudaufeuthalt während 
der Ferien vorbereitet, „voll und 
ganz" zu würdigen wußten. Auch 
unser Backfischtum wurde auf der 
Sominerreise nach Heringsdors, 
Misdroy, Swincniünde, Warne 
münde, Kvlberg, Zoppot und Kranz 
allmählich aber nachhaltig der 
Flottenbegejsterung zugänglich ge 
macht. Die jungen deutschen Ge 
schwader kreuzen während des 
Sommers mit Vorliebe den Strand der Ostsee entlang, und die 
Tanzressourccn der Bäder enipfaugen ihren Hauptglanz durch die 
schmucken Uniformen der Marineoffiziere. Die goldenen Raupen 
der Epaulettes und der Federhut machen dem Helm und deni 
bunten Kragen erfolgreiche Konkurrenz, und die heimkehrenden 
heiratsfähigen Töchter sehen in einer jahrelangen Abwesenheit im 
auswärtigen Flotteudienst kein Hindernis mehr für eine glückliche, 
durch zeitweise Trennung gewürzte Ebc. Auch die Rordlandreisen 
thaten das ihrige, die See unserem Empfinden näher zu rücken. 
Wer einmal das Nordkap gesehen hatte, vermochte sich kaum noch 
einer gewissen Wickingerstimmung zu entziehe» und träumte von 
Entdeckungsfahrten, über denen die Mitteruachtsoune nicht unterging. 
Inzwischen ist ein Teil dieser jugendlichen Träume zur Wirk 
lichkeit geworden. Die Oberspree und die Havel können sich heute 
mit der Themse und. dem Alsterbassin 
messen. Die Gondeln sind verschwunden, 
schlanke Outriggers und Canoes mit 
sportlich korrekt gekleideter Mannschaft 
männlichen und weiblichen Geschlechts 
schießen aus den Anlegeplätzen der Ruder 
klubs jenseits der Jauuowitzbriicke hervor 
und kreuzen geschickt das Fahrwasser der 
Lastkähne und Dampfer. Regelrecht ge 
takelte Jachten lassen ihre gewaltige Segel 
fläche über die Spiegel des Müggel- und 
des Wannsees hiuleuchten und tragen ihre 
Flagge siegreich bis au die Küsten des 
flutenumspülteu Albion und des mittel 
ländischen Meeres. Es thut unserem ans 
die See ausgedehnten Nationalgefühl 
wohl, wenn wir hören, daß zur Zeit au 
den deutschen Küsten nicht weniger als 
zwölf neue Rennyachten gebaut werden, 
und an den Stammtischen in der Friedrich- 
straße wird eifrig diskutiert über die 
Chancen der für den Kaiser bestimmten „Samoa", des „Kommodore" 
des Kanonenköiiigs Krupp, der „Polly" des Herrn W. Bürcnslein 
und der neuen Jacht des Prinzen Heinrich. 
Die geographische Lage Berlins ist ein Hemmnis, das in ab 
sehbarer Zeit als überwunden zu betrachten sein dürfte. Wenn 
Berlin nicht zum Meere kommt, muß eben das Meer zu Berlin 
kommen. Der Mittellandkanal eröffnet eine Perspektive, die erst 
da endet, wo Wasser und Himmel scheinbar zusammenstoßen. 
Kaum ist die Anlage des Teltowkanals beschlossen, so spricht man 
schon von einer neuen Wasserstraße, die Berlin nordöstlich ein 
spannen soll, und das Süßwasser, das zur Zeit noch unseren 
Sand umspült, kann über Nacht zur Salzflnt werden. Dann 
wird die Zeit gekommen sein, wo man ans dem Ouai des Brr- 
Dir elektrische Hochbahn in Verlin: Haltestelle Prinxenstraste. 
liner Seehqsens dem vorahnenden Dr Stronsberg ein Kolossal- 
Denkmal etzen darf, ivo der Reptnnbrntmen ans dem Schloßplatz 
eine bisher ungeahnte Bedeutung gewinnt und die Berolina dem 
Polizeipräsidium gegenüber die Mauerkrone durch eine Schisser 
mütze ersetzt und die zum Gruße erhobene Hand zielbewußt ans 
die Steuerpinne senkt. Georg Malkowsky.
        
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