Path:
Periodical volume Sonnabend, 10. März 1900 Nr, 10

Full text: Der Bär Issue 26.1900

(Fortsetzung.) 
^tfotans A^cplobur) 
Novelle von Robert Koblraufdj. 
o Ivcis hört 'nen Frauenzimnicr unter allen Umständen, 
un wenn et Watteproppen in 'n Ohren hat, noch 
dreimal so dick wie der, den sie im Halse gehabt hat. 
Sehen Sic, sehen Sie — sie guckt schon her. Nee, heiraten? 
Nee, nee, nee, — heiraten is nich." 
„Ich weiß nicht, ivas ich vorziehen würde." 
„Nee, sehen Sie, Frau Generali», zweiundsechzig bin ich 
nu in Ehre» geworden und habe wohl schon zweihundert 
ivciblichc Angriffe tapfer abgeschlagen, un da sollt' ich nu 
jetzt uni die Billardkugel die Häseler, — nee, nee, setzen Sie 
mir man keinen Floh ins Ohr!" 
Die Generalin wollte lachend noch etwas erwidern, aber 
in diesem Augenblick wandte die Besprochene ihr sauersüßes 
Gesicht zu ihnen her und rief sehr freudig: „Sie, Herr 
Oekouomicrat, eben hat er nämlich Philipp gesagt." 
Da vom gelehrigen Polly die Rede war, denen kreischen 
des Geplapper seine Herrin sehr gutwillig ergänzte, unb- da 
der Oekouomierat selbst mit Vornamen Philipp hieß, so erschrak 
er nicht wenig. Er beugte sich noch näher als zuvor zu der 
Generali» hin und sagte mit angstvoller Stimme: „Wahr- 
hastigen Gott, sie ahnt was! Sie legt mir schon Fallstricke." 
Damit stand er auf, machte ein paar sehr hastige Ver 
beugungen nach den verschiedenen Seiten und verschwand in 
fluchtartigem Rückzug aus dein Zimmer. Sein Ansbruch 
wurde jedoch nur wenig bemerkt; denn die Gesellschaft ivar 
gerade jetzt durch einen anderen, viel interessanteren Anblick 
gefesselt. 
Im Garten, unmittelbar am Hans entlang, wanderten 
Ranchmann und die Millerta auf und nieder in eifrigem 
Gespräch. Dort ivar ein schmaler Streifen durch das vor 
springende Dach gegen den in Schauern vom Sturme herab 
gejagten Sprühregen einigermaßen geschützt; hier konnte man 
auch bei schlechtem Wetter frische Luft schöpfen, wenn man 
die ans allen Fenstern des Speisesaals, des Musik- und des 
Lesezimmers hervorschauenden, neugierigen Augen nicht scheute. 
Die beiden, die gegenwärtig dort ans und ab spazierten, 
kümmerten sich scheinbar durchaus nicht um sie; nur nach 
oben, nach den Zimmern der Generalin und Ediths, warf 
Rauchmann mitunter einen flüchtigen Blick, wenngleich er sich 
sagte, daß nichts mehr zu verlieren sei. 
Am vorigen Abend hatte er die Sängerin zu vermeideu 
gewußt, jetzt aber hatte sie ihn „gestellt". Sobald sie ihn im 
Garten erblickt hatte, war sie herabgekommen und hatte den 
Versuch gemacht, ihre von Ringen strahlende Hand in seinen 
Arm zu schieben. Sein hastiges Zurückweichen hatte den 
Anlaß zu einer ziemlich erregten Debatte gegeben, die auch 
jetzt noch fortdauerte. 
Endlich blieb die Millerta stehen, hob die langstielige 
Lorgnette empor, die sic der Mode gemäß trug, obwohl sie 
vortreffliche Augen hatte, und sah Nauchmanu scharf ins 
Gesicht. 
„Also Du willst nicht?" 
„Nein." 
„Definitiv nicht?" 
„Nein." 
„Dann lassen wir's ruhen. Nur keine zwecklose Er 
regung, das verdirbt den Teint und den Magen. Im Grunde 
kann ich Dir's nicht übel nehmen; ich würde mich auch nicht 
heiraten, wenn ich ein Ma.iu wäre. Es war nur so ein Ver 
suchsballon, wie sie's in den Zeitungen nennen; ich finde schon 
noch einen anderen Dummen, der mich nimmt." 
„Da mußt Du sehen, daß die Portion von der gewünschten 
Gottesgabe nicht zu klein bei ihm ist." 
„Laß mich nur machen. Wenn aber ans der Sache 
nichts iverden kann, — mein Gott, dieser Sturm ist wirklich 
abscheulich, wir müssen rasch zum Schluß kommen, — also, 
wenn wir unser so ideales Verhältnis schon so rasch wieder 
auflösen müssen, dann haben wir wenigstens ans einen guten 
Abgang zu denken. Die Verlobungsnachricht hat sehr gut 
gewirkt, ich bin oft darauf angesprochen worden, und auch 
die Einnahmen ivarcn sehr nett, — man hat eben wieder 
mehr Interesse für mich. Wie kommen wir nun ant besten 
auseinander?" 
.„Wir reichen uns höflich die Hand und sagen höflich 
Lebewohl." 
„Was fällt Dir' ein? Die Sache muß doch in Szene 
gesetzt werden. Wenn man einen so schönen Bräutigam anf- 
giebt, hat man natürlich Anspruch auf Entschädigung." 
„Entschädigung, wieso?" Er war sehr düster, mürrisch 
und wortkarg während des ganzen Gesprächs. 
„Ein bißcrl Lärm, ein bißerl Aussehen. Um der Reklame 
willen haben wir uns verlobt; Reklame müssen wir nun auch 
mit unserer Scheidung vor der Hochzeit machen. Wie wär's, 
wenn wir uns zankten, hier, jetzt gleich?" 
„Da bin ich dabei. Dir einmal alles zu sagen, was ich 
auf dem Herzen habe, das könnte mir passen." 
„Also gut: erst ein Krach, daun eine Versöhnung, dann 
ein größerer Krach —" 
„Die Versöhnung streichen wir." 
„Oh nein, das wäre unnatürlich. Liebespaare trennen 
sich immer in mehreren Akten. Vorhang auf, erster Akt!" 
Sie stand vor ihm, lächelnd, erwartungsvoll; der Sturm 
wind niachte eine kleine Pause, als lauschte er aus das, was 
kommen sollte. Da Wotan jedoch nicht sprach, sondern sich 
nur schweigend auf die Unterlippe biß, nahm die Millerta 
wieder das Wort. 
„Nun, ich warte. Du hättest mir allerlei zu sagen, 
dächte ich?" 
„Das hätte ich allerdings, wenn ich wollte." Er sprach 
ganz langsam, grollend, mit einem finsteren Drohen in der 
Stimme. „Ich könnte Dir sagen, daß Du nüch zu einem 
frivolen, niederträchtigen Spiel verleitet hast. Znm Spiel 
mit einer Sache, mit einer Empfindung, die viel zu einst und 
zu groß für solche Erniedrigung ist. Daß Du —" 
„Gut gedonnert, Wotan. Nur noch etwas lauter." 
„Ich könnte Dir sagen, daß ich hier ein anderer Mensch 
geworden bin und schon jetzt, nach so kurzer Zeit, der Welt 
wie ein Fremder gegenüber stehe, in der ich früher gleich
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.