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Periodical volume Sonnabend, 3. März 1900 Nr, 9

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Kunst und Wissenschaft 
Hubert Herkomer. 
<Aie kunstliebenden Kreise Berlins sehen augenblicklich mit ge- 
spannter Erwartung der grossen Herkomer-Ausstellung entgegen, 
die der Kunstsalon Schulte vorbereitet. Zu ihrer Anordnung ist 
der vielbeschäftigte Meister selbst aus England heriibergekoinmen. 
Es scheint sein Wunsch zu sein, dem deutschen Publikum eine zu 
verlässige Anschauung von der Entwicklung seines universalen 
Könnens zu bereiten. Oft genug begegnet man der Ansicht, daß 
Herkomer es vorzieht, als Engländer zu gelten. Thatsächlich klingt 
ihm die fremde Sprache geläufiger von den Lippen, und er ver 
sichert, daß er sich auf englischem Boden völlig heimisch fühle. 
Wer kaun dem Meister zürnen, wenn er das Land, in dem er seit 
frühen Kinderjahren weilte, in dem er reiche Anerkennung fand 
und inniges Familienleben genoß, als eigentlichen Nährboden seines 
Wesens auffaßt? Dennoch zieht ihn der Zug des Herzens noch 
fast alljährlich in die bayrische Heimat, und es ist sein Ehrgeiz, 
bei uns in seinem künstlerischen Wollen richtig begriffen zu werden. 
Co stark auch in Herkomers Werk die englische Rote anklingt, 
verleugnet er ebenso wenig sein echt deutsches Gemüt. Er besitzt 
auch ein verbrieftes Recht, sich Bürger 
zweier Länd.r zu nennen. Bei seiner 
Trauung mit der Schwester der zweiten 
Frau mußte er sich, da das englische 
Gesetz Schwägerinnenehe verbietet, 
wieder als Deutscher naturalisieren 
lassen. Ein besonderes Privileg der 
Königin gewährte ihm jedoch die 
Erlaubnis, zugleich englischer Staats 
bürger zu bleiben. Solche Ausnahme- 
erscheinungen sind für d e gesainie 
Lebensführung des Meisters typisch. 
An seinem Schicksalslanf erfüllt sich 
das Wort: „Das Unbeschreibliche, 
bier ist es gethan." So sehen wir 
das arme Answandererkind bis zum 
Schlvßherrn von Bnshey, zur inter 
nationalen Künstlergröße empor 
wachsen. 
Herkomers Begabung ist von so 
blendender Vielseitigkeit, daß seltsam 
fesselnde Künstlergcstalten wie Miche 
langelo und Leonardo da Vinci uns 
in der Erinnerung ausleben. Bei uns 
gilt er vor allem als der berühnite 
Maler. Beinahe unwissend stehen 
ivir der eminenten Fülle anderer An 
regungen und Bethätigungen gegen 
über, die seinen Namen zu einem der 
meistgenannten unter dem stattlichen 
Künsilerheer Englands machen. Was 
hören wir in Deutschland von den 
geistreichen Vorlesungen, die Herkomer, 
in seiner Eigenschaft als Professor von Oxford, über seine ureigenen 
Ideen in Kunst und Wissenschaft vorträgt? Wieviel wissen wir von 
seinem neuen Verfahren in der Schwarzweiß- und Emailliertechnik? 
Daß der Meister in vollster Anteilnahme mit der Entwicklung des 
Knnstgewerbes lebt, bedarf ebenfalls besonderer Betonung. Herkomer 
hat die Erbschaft eines tüchtigen Mannesstammes gediegener, künst 
lerisch begabter Handwerker angetreten. Mit bescheidenem Stolz 
nennt er sich den Gesamtansdrnck der vielseitigen Familienanlagen. 
Auf einem dreiteilige» Oelbild, das als einziges Wandgemälde sein 
Atelier schmückt, sind drei seiner Vorfahren, der Vater und zwei 
Oheime, verewigt. „Die Erbauer meines Hauses" nennt Herkomer 
in pietätvollem Stolz diese kernfesten Männergestalten, einen Weber 
und zwei Schreiner. Ernst und Tüchtigkeit spricht aus den bärtigen 
Gesichtern. Das Wappen gesunder Arbeit ist das Adelspatcnt der 
Herkomer. Längst ehe ihm letzthin der Prinz-Regent Luitpold den 
erblichen Adel verlieh, hatte er sich durch sein Künstlertum den 
Ritterschlag erarbeitet. Die letzten Jahre haben Herkomer in seinen 
Eigenschaften als Bühnenregisseur und Schauspieler glänzen lassen. 
Zum Musiker scheint er von seiner frühesten Jugend die hervor 
ragende Begabung mitbekommen zu haben. So ist die In 
dividualität dieses Mannes interessant, wo immer sie beleuchtet 
wird. Blicken wir in sein lebensprühendes Antlitz, ans seine leicht 
bewegliche Gestalt, so redet der Geist unablässiger Rührigkeit zu 
uns. Ja, eine Vergleichung seiner Gesichtszüge im Lauf der letzten 
Jahre scheint die wunderbare Thatsache eines Verjüngnngsprozesses 
darzubieten. Ein edles, bärtiges, fast leidumflortes Künstlerhaupt 
ans dem Jahre 1879 hat sich in eine glattrasierte, geistreiche 
Schauspielerphysiognomie umgewandelt. Richt Eitelkeit hat diese 
Aenderung hervorgebracht: es ist dem Meister ohne Bart bequemer, 
er spart Zeit. Er ist gewöhnt, dem persönlichen Standpunkt in 
allem zu folgen. Solche Transformationen ereignen sich beständig 
während Herkomers Leben: stets neues Schaffen, neue Interessen, 
neue Methoden. Dennoch wäre es ungerecht, bei seinen universellen 
Gaben von Dilettantismus zu reden. In seiner Vielheit ist immer 
viel Ganzheit: „ohne Hast, ohne Rast" lautet seine Lebensdevise. 
Hubert Herkomer wurde am 26. Mai 1849 zu Waal bei 
Landsberg am Lech geboren. Die Nachwehen der 1848er Re 
volution hatten seinen Vater, einen wackeren Schreinermeister, nach 
der Neuen Welt verschlagen. Es trieb ihn nach Europa zurück, 
und da die Wegzehrung nicht reichte, wurde in Southampton der 
Kampf ums Dasein aufs neue aufgenommen. Hier arbeitete der 
Vater als Möbeltischler, die Mutter als Klavierlehrerin. 'Die 
große künstlerische Begabung des einzigen Kindes trat in der South- 
Kensington-Kunstschule in London klar zu Tage. Seine über 
raschenden Kreidezeichnungen erschlossen ihm früh die Aktklasse, 
so daß der Energie seines Strebens bereits in jungen Jahren eine 
abgekürzte Lehrmethode glückte. Harte Aburteilungen der Kritik 
verwundete seinen Jugendeiser. Er suchte deshalb "als Bauhand 
werker, später als Zitherspieler einer Riggertruppe sein Leben zu 
fristen. Die erste künstlerische Ermutigung dankte er der damals 
nenbcgründeten Zeitschrift „The 
Graphic", die seine Zeichnungen auf 
nahm. Seine ersten Ferienreisen 
unternahm Herkomer in die bayrische 
Heimat. Hier klangen die weichen 
Farbentöne seines englischen Lieb 
lingsmeisters, des Landschaftsmalers 
Frcdereck Walker, durch seine Seele, 
als er das erste Akndemie-Oelbild, 
ein bayrisches Gebirgsdorf in Abend 
stimmung, schuf. Der Erfolg kam 
schnell, und bald vermochte der 
Künstler den Eltern und sich ein 
Lnndhäuschen in Bnshey, eine gute 
Stunde von London entfernt, ein 
zurichten. Ein unbesiegbares Freilicht- 
bedürfnis trieb ihn ans Herz der 
Natur. Was die Barbizonisten, die 
Dachauer und die Worpsweder an 
strebten, hat Herkomer auf englischem 
Boden als einzelner Mensch ver 
wirklicht. Mit dem wachsenden Ruhm 
des Meisters wurden Schüler und 
selbständige Maler zu ihm gelockt. 
Heute zählt die Busheyakademie 
auderthalbhundert Köpfe. Herkomer 
ist der Lebensnerv des Ganzen, doch 
ist es sein Ideal, jeden Schüler mög 
lichst individuell zu behandeln. Er 
erstrebt ein Mittelding zwischen Kunst 
schule und Meisteratelier. Bis ans 
den heutigen Tag hat er jedes 
Honorar für seinen Unterricht ver 
weigert. Eine Gesellschaft trägt die Kosten, zieht die Einnahmen 
und verzinst ihr Kapital bereits mit fünf Prozent. 
Unsägliches Herzeleid durchlebte Herkomer in seiner ersten Ehe 
mit einer oberflächlichen, kränkelnden Lebensgefährtin, die ihm 
einen Sohn und eine Tochter schenkte. Er mußte die Eltern zu 
seinem größten Schmerz in die Heimat zurückkehren lassen. Indes 
ging sein künstlerisches Gestirn immer strahlender auf. Ohne eine 
Ahnung von den Gesetzen der Perspektive, der Komposition und 
Farbenbehandlung schuf Herkomer, einem instinktiven Drange 
folgend, sein berühmtes großes Oelbild „Die Chelsea-Pensionäre". 
Hier erwies er sich mit einem Schlage als Meister der Menschen 
darstellung: er hatte damit sein eigentliches Feld betreten. So laut 
der Beifall der Kenner und des Publikums erschallte, folgte der 
Meister doch stets nur dem Impuls der eigenen Seele. Seit Jahren 
werden seine Porträts mit Gold ausgewogen: dennoch treibt es ihn 
ebenso häufig zu Studien der schönen Natur wie zu Ausflügen in 
das Gebiet der reinen Phantasie. Herkomer ist ein echter 
Stimmnngsmensch, und da ihm die Arbeit Lebenselement ist, 
danken wir gerade dieser Beanlagung die mannigfaltigsten Spenden. 
Das Jahr 1879 machte Herkomer zum Mitglied der Akademie und 
entriß ihm die heißgeliebte Mutter, zu deren Gedächtnis er den 
30 Meter hohen Mutterturm in Landsberg erbaute. Den ver 
einsamten Vater nahm er mit zu sich nach England. Rach dem 
Tode seiner Frau wurde ihre aufopfernde Pflegerin, Luln Griffith, 
seine zweite Gattin. Sie half dem vielgcsuchten Porträtmaler 
sein Heim und die Busheyschnle in großem Stil erweitern. Auf 
ihre besondere Anregung entdeckte er sein Talent als Frauenmaler, 
und schnell trug das allgemein bewunderte Porträt der entzückenden 
„Miß Grant" des Meisters Rainen weit in das Ausland. Reue 
Wunden wurden seiner Seele durch den Verlust der jungen Gattin 
Hubert Herkomer.
        
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