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Periodical volume Sonnabend, 3. März 1900 Nr, 9

Full text: Der Bär Issue 26.1900

SkrstzrnKo stüm Tailovmsdr. 
VefrHtrsülrid 1899. 
SkratzenKleid mik JackrkL 1896. 
Sommerkleid 1699. 
blinder ln»;; herabivallteii, ließ er das Gesicht immer als etwas 
unsagbar Zierliches und Zartes erscheinen, lind was für unglaublich 
zierliche Dingerchen von Schuhen zwängten den Fuß zu möglichster 
Kleinheit ein; meist aus Stoss bestehend, gab der Schuh dem Nippes 
artigen der ganzen Figur den Abschluß. 
So spricht aus der ganzen Erscheinung der Frau von 1850 
die Stellung, die sie in der Welt einnahm. Sie hatte es nicht 
nötig, sich rasch und hurtig zu bewegen, sich ihren Weg auf über 
füllten Bahnsteigen, im Menschengewühl der riesige» Warenhäuser 
zu suchen. Eine gewisse behäbige Eleganz spricht ans allein, der 
Geschmack für Feinheit und Zierlichkeit der Formen ohne Rücksicht 
darauf, ob das Kleid feiner Trägerin auch die Freiheit, die IIn- 
gezwungeuheit der Bewegung beraubte. 
lind nun die heutige Damenkleidung! Da ist alles auf das 
Praktische gerichtet; nur nichts Beengendes, nichts Hinderndes. 
Wenn auch nicht alles an der modernen Toilette schon ist, so 
ist das Praktische doch in den Vordergrund gestellt. Allerdings 
werden Anstrengungen gemacht die Schleppe wieder einzuführen, 
allein der Erfolg dürfte auf die Dauer doch ausbleiben. Die 
Frau ist inzwischen ins öffentliche Leben getreten, mutig hat sie 
begonnen, in dem so unendlich harten Kampf ums Dasein ihren 
Platz einzunehmen — im Wetteifer mit dem Mann. Und so 
kleidet sic sich auch in gewisser Richtung im Wetteifer mit den, 
Mann. Das gestärkte Oberhemd, der steife Kragen, die kleine 
fassonnierte Krawatte, der einfache schmucklose Matrosenhut, hohe 
braunlederne Schnürstiefel, absatzlos wie die des Mannes, das ist 
die allgemein beliebte Tracht. Vergleicht man die Hüte auf der 
Kopfleiste dieses Artikels miteinander, so wird man den Unter 
nichts mehr von dem festen Leinen, das unserer Urgroßmutter 
Stolz war, ein Spinngewebe von Batist thut's hent. Eine moderne 
Dame giebt sich heute mehr 
Mühe, ihre Kleidung anscheinend 
so einfach als möglich zn ge 
stalten, aber sic giebt dafür be 
deutend mehr ans, als unsere 
Großmütter für ihre Bänder und 
Volants, ihre Ricsenhütc mit 
Spitzen und Federn, ihre weiten 
Röcke, die durchaus von Seide 
sein mußten, wenn ihre Trägerin 
Ansprüche auf Eleganz machte. 
Richt bloß Schnitt und Mache, 
sondern auch das Material mußte 
den Eindruck des Pompösen, 
Monumentalen, hervorrufen. 
Und nun das seltsame und 
doch so natürliche: so verschieden 
die Begriffe von Schönheit und 
Eleganz der Kleidung von heute 
und damals sind: unsere Groß 
väter wurden durch die Wolken 
von Stofs und Spitzen und Modernes F-hrradl-ostiim. 
Federn geradeso entzückt und 
bezwungen wie wir es von dem schlaukgeschuitteuen Schick der 
heutigen^Frauengestalt werde». Liegt das nun an den Kleidern, 
an den Frauen oder — an den Männern? — 
der vielfältigen weiten Unterröcke, 
die bald ans reichgesticktem Wasch- 
stosf steif gestärkt, seltener aus 
rauschender Seide bestanden und 
beim Gehen das unnennbar reizende 
Geräusch erzeugten, das die Fran 
zosen mit „krou frou" bezeichnen. 
Darüber dann eine Taille, die, spitz 
zusammengeschnürt, das weite, 
ivallende des Rockes nur noch mehr 
hob. Die Aermel setzten an der 
Schulter eng an, die natürliche 
Schönheit der Form hebend, er 
weiterten sich dann nach unten, so 
daß auch Arm und Hand von 
einem Gewoge von Stofs umspielt 
wurde. Dazu »ahm dann die 
elegante Dame beim Ausgehen ein 
mantillenartiges Tuch um, dessen 
unterer Rand in ein Meer von 
Spitzen und Rüschen ansfloß, und 
steckte ihre zarten Häubchen in einen 
riesigen Pelzmuff. Den Kopf schützte 
Dankieid 18»». damals noch im wahre» Sinne des 
Wortes der Hut; bald als mächtige 
Haube mit wallenden Cpitzenschleiern und Federn, bald zu einer 
faßähnlichen Capote zusammengebogen, von der dann die Binde 
schicd zwischen einst und jetzt am klarsten erkennen Die Hüte 
wurden vor fünfzig Jahren mit breiten Bändern festgebunden; die 
heutigen Hüte dagegen befestigt man leicht mittels einer oder 
zwei' Hutnadeln. Das „mit Recht so beliebte" Rad hat 
außerdem den kurzen, vollkommen fußfreieu Rock gezeitigt, und 
— die geschlossenen Pluderhosen, die mehr oder minder schamhaft 
versteckt getragen werden. Aber nicht nur bei der Ausübung des 
Sports ist diese Nachahmung der Männcrkleidung beliebt, es ge 
hört schon zu den sich wiederholenden Illustrationen der Witzblätter, 
ein modernes Paar erst von hinten und dann von vorn darzu 
stellen; nur in der zweiten Abbildung sieht mau dann, daß nicht 
zwei Männer vorgeführt sind. In der That erleichtert das vom 
Herrenschneider gefertigte Kleid und der moderne taillenlose Sack 
paletot die Illusion sehr. 
Aber auch in ihrer eleganten Ausgeh- oder Gesellschaftstoilette 
will sich die Dame von heute frei bewegen können. Demgemäß 
drapiert sie keinen hindernden Ballast, keine Wolken von Stoff 
um sich, selbst die jahrelang so beliebte Weite des AermclS ist 
wieder ganz dem glatt anliegenden Aermel gewichen, lind welcher 
Unterschied in Bezug auf die Stoffe gegen 1850! Damals wäre 
in guter Gesellschaft ein anderes als seidenes Kleid unmöglich ge 
wesen. Heut trägt man die praktischen Covertcoats, wollene 
Cheviotstoffe oder die wundervollen baumwollenen Phantasiegemebe, 
die die Industrie in Massen und immer neuen Zeichnungen aus 
den Markt wirft. Dagegen die Dessous im Vergleich zu früher. 
Die Masse hat abgenommen, aber hier gehört Seide als unent 
behrlicher Teil zur Eleganz; und nun erst die Wäsche. Da ist
        
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