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Periodical volume Sonnabend, 3. März 1900 Nr, 9

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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(j^iiicr der geistvollsten Acsthetiker der Welt, Edmond de Goncaurt, 
bot einmal gesagt: „Eine Zeit, ans der man keine Probe der 
Bekleidung hat, sieht man nicht lebendig." Wie wahr dieser Satz 
ist, zeigt unter anderem der landläufige Begriff voni Leben in der 
antik griechischen Zeit: bis vor wenigen Jahrzehnten erfaßte man das 
Altgricchentnni als eine Art wesenlosen Seins, als Erfolg der 
Bemühungen des deutschen Gymnasial 
professors, für dessen Auffassung alles in der 
Welt nur zugänglich ist über das vermittelnde 
Medium der Litteratur hinweg. Leider hat 
aber die beste Schilderung im griechischen Wort 
Wieviel vom wahren Wesen der Völker und der Knltnrepocheu 
hat man da entdeckt, als man, durch allerlei derartige Funde an 
geregt, nun begann, ans de» Illustrationen zeitgenössischer Hand 
schriften, ans zeitgenössischen Porträts sich das Hansgerät und die 
Kleidung der dahingegangenen Zeiten zu rekonstruieren. Man 
begann plöhlich bis dahin unverständliche Züge der Zeit in ihrem 
wahren Sinne zu erfassen. Die oft recht 
großen Schwierigkeiten dieser Untersuchungen 
reizten die Forscher nur noch mehr. 
Unsere Nachkommen werden cs dafür in 
Bezug auf uns leichter haben. Fast über das 
Srstrrljslilrid von 1849. 
Ball- und Gesellschaftskleider mit 1848. 
doch immer die leidige Eigenschaft, daß jeder 
Leser sich sein eigenes Bild danach schafft, 
nebenher beeinflußt durch einige wenige Er 
innerungen von gesehenen Dingen aus der 
beschriebenen Gattung. So hat sich wohl jeder 
lange Zeit hindurch vorgestellt, daß die alten 
Griechen etwa so ausgesehen haben, wie der 
Apollo aus dem vatikanischen Belvedere oder 
die Niobidengrnppe; den» diese gehören zu 
den paar Statuen, die allgemein bekannt sind. 
Das ist ungefähr so falsch, als ivenn nach 
ein paar tausend Jahren sich jemand unsere 
Zeit an der Hand der von unseren Bildhauern 
geschaffenen Idealfiguren rekonstruieren würde. 
Durch die Funde der Tanagrafigürchen, die 
unzähligen Vasengemüldc und ähnliches mehr 
ist man endlich dahin gekommen, daß frohe, 
leuchtende Farbe das griechische Leben um- 
leuchtetr, daß die alten Griechen auch Menschen waren wie wir, 
mit Wehmut beim Scheiden, mit Lust am Tand, mit allen kleinen 
Schwächen behaftet ivie wir. 
Gesellschaftskleider um 1849. 
ganze neunzehnte Jahrhundert hinweg reichen 
schon die Institutionen der Modezeitungen: im 
Anfang wurde die bildmäßige Darstellung 
durch das teure „illuminierte Modekupfer" 
hergestellt, und so blieb die Verbreitung eine 
immerhin beschränkte: seit dem Fortschreiten 
der Bervielfältignngstechniken aber, dem billigen 
Holzschnitt und dem noch billigeren autotypischen 
Klischee, wandern die Modeblätter in vielen 
hunderttausend Exemplaren bis in die ent 
legensten Dörfer — so wieder ihren Teil 
zur allmählich fortschreitenden Uniformierung 
der Tracht in der gesamten Kulturmenschheit 
beitragend. Was für wichtige „documenta 
humains" werden diese aufgespeicherten Jahr 
gänge der Modenzeitungen einst bilden. Als 
Beispiel wollen wir einmal die Tracht vom 
Jahre 1850 und die gegenwärtige heranziehen: 
Da sehen wir in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die weite», 
langen, bauschigen Kleider, die noch nicht durch die erst späterkommende 
Entartung, die Krinoline ausgefüllt wurden, sondern durch eine Menge 
Sarnmetkleid von 1849. 
Trichterförmige Aermel. Marderbesay.
        
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