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Periodical volume Sonnabend, 3. März 1900 Nr, 9

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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am Abhang entlang führt. Alles war wie an jenem Morgen, 
als er mit Edith hier gewesen war; nur auf dem Gipfel des 
Pizzocolo ruhte eine schwere, grauweiße Gewitterwolke, unter 
deren Schatten die Farbe der Felsen sich verwandelte. Ein 
dunkles Graublau färbte dort oben das Gestein, in finsteres 
Violett vertiefte sich das Rotbraun der dürren Bäunie, die 
noch vergeblich auf den Frühling ivarteten. 
Rauchmann runzelte die Stirn, als er das Gewitter 
drohen dort oben sah. Sonnenschein wollte er haben; Hellen, 
bleibenden Sonnenschein für sein Leben sollte diese Stunde 
ihm bringen! Er zürnte der lastenden Wolke, die den Gipfel 
des Berges nicht freigab: an übler Vorbedeutung war der 
Tag auch ohne sie schon reich genug. Unablässig ging er 
auf und nieder, um dann plötzlich mit seufzendem Atemzuge 
stehen zu bleiben, als der Klang einer Dorfglocke verweht zu 
ihm herausdrang. Es war fünf Uhr, die Stunde, die er 
bestimmt hatte. Kam durch die Stille kein Geräusch von 
Schritten, kein leises Zeichen vom Nahen der Geliebten? Er 
stand, er horchte, er ging bis zur Ȋchsteu Biegung des 
Pfades, um wieder stehen zu bleiben und von neuem zu 
horchen. Auch abwärts machte er ein Stück des Weges, 
spähte vergeblich und eilte dann, von plötzlicher Angst 
gefaßt, bergauf. Wenn Edith nun von der anderen Seite 
kam, von Bezzuglio her und ihn vergeblich suchte! Atemlos 
gelangte er zurück zur Bank, aber die Bank war leer. 
Kein Ton, kein Schritt, kein fernher dringendes Geräusch als 
das gedämpfte Brausen des Wildbachs in der Tiefe zwischen 
seinen rötlichen Felsen. 
Die Minuten enteilten; zuvor waren sie mit lahmen 
Schritten vorübcrgeschlichen, jetzt flohen sie dahin, und jede 
von ihnen nahm, indem sie entschwand, ein Stückchen von 
Hoffnung und Glücksgcfühl mit sich hinweg. Eine Viertel 
stunde war vorüber, — nun schon eine halbe! Sie kam 
nicht mehr, die Erwartete, Ersehnte, sein Herz fühlte es bereits 
als Geivißheit, und doch mochte es noch nicht aufhören zu 
hoffen. Er war wie im Fieber, seine Hände zitterten; sie 
waren eiskalt, aber in den Schläfen klopfte das heiße Blut 
mit vernehmlichen Schlägen. Und nun meinte er, das Herz 
versage völlig seinen Dienst; für einen Moment stockte der 
Pulsschlag, ein Gefühl des Erstickens, des Schwindels kam 
ihn an. Zugleich aber auch das Gefühl einer ungeheuren 
Freude, einer höchsten, letzten Erwartung. Ein Schritt war 
erklungen, vom Thal her sich nähernd, langsam, ganz langsam. 
Die Wcgcsbiegung verbarg noch die kommende Gestalt, und 
der Sänger hatte die Fähigkeit verloren, sich zu bewegen. 
Er hatte mit der Hand einen am Wegrand wuchernden 
Lorbecrbusch erfaßt, als müsse er sich halten, und starrte mit 
brennenden Augen aus die Stelle, wo jetzt — jetzt —. Er 
wunderte sich nachher, daß er nicht aufgeschrieen hatte vor 
Schmerz und Enttäuschung beim Anblick der Gestalt, die nun 
wirklich vor seinen Augen erschienen war: eine Bauersfrau 
aus einem der Dörfer hoch oben, die mit den ruhigen 
Schritten der Bergbewohner den Pfad emporgestiegen war 
und nun mit einem höflichen »rovoriseo« an Rauchmann 
vorüberging. Er nickte nur zur Antwort, er konnte nicht 
sprechen. Wie zermalmt sank er auf die Bank und begrub 
in der tiefen Stille, die dem Verhallen der Schritte folgte, 
die letzte Hoffnung. 
Es ivar vorüber, — Edith hielt ihn keiner Antwort 
würdig. Dies verachtungsvolle Schweigen war schlimmer 
als die härteste Zurückweisung. Es war vorüber, alles vorbei! 
Noch ein Weilchen saß er regungslos in seinem dumpfen, 
erstickenden Schmerzgefühl, dann stand er auf. Tief unten 
hatte es sechs Uhr geschlagen; nun hatte er eine Stunde ver 
geblich gewartet, nun mußte er gehen. Bei dem Gedanken 
aber, ins Hotel zurückzukehren und der Kollegin zu begegnen, 
faßte ihn ein tiefer Widerwillen, und so ging er bergauf, durch 
Bezzuglios kühle Schatten hindurch, dann weiter auf eineni 
der Wege, die nach Fasano di sopra führen. Als er in 
diesen Ort hinabgestiegen war, sah er mit einem Lächeln voll 
Schmerz den Wegweiser, der die Inschrift „Lorbcerweg" trägt. 
Zeigte der hölzerne Weiser ihm den Weg in die Zukunft? 
War es der Lorbeer nur, der einst so heiß begehrte, jetzt 
beinahe verachtete, den das Leben ihm bot? Sollten die 
Rosen der Liebe für immer seinem Dasein versagt bleiben? 
Er fragte sich's, indem er dem Wege folgte, der wenigstens 
noch nicht zur Tiefe führte. So kam er langsam nach Gar- 
done di sopra, schritt an den grauen Bauernhäusern und 
den tropisch umgrünten Villen mit gleicher Achtlosigkeit vorüber 
und stand plötzlich vor der Kirche, die, auf mächtigem Utlterbau 
weit vorgeschoben, die Umgebung beherrschte. 
Es fiel ihm ein, daß Edith einmal die Aussicht von der 
die Kirche umziehenden Steingalerie gerühmt hatte; auch ivar 
ein rötliches Leuchten um ihn her, dessen er sich in seiner 
schmerzvollen Versunkenheit halb bewußt wurde, und das 
Besonderes zu künden schien. So umschritt er die Kirche, 
trat auf die Galerie hinaus und sah eine Bank vor sich an 
der Mauer des heiligen Gebäudes. Hier ließ er sich nieder, 
er war allein. 
Ein paar Sekunden schloß er die Augen, dann blickte er 
auf. Und nun sah er etwas, das auf ihn wirkte wie eine 
Offenbarung, — die Offenbarung von der ewigen Schönheit, 
Größe und Majestät der Natur, die ihm bisher ein schweig 
sames, unlesbares Buch gewesen war. Die Sonne ging 
nieder hinter den Bergen, die Salo beschirmen. Jene dro 
hende Gewitterwolke hatte sich nun doch von Pizzocolo gelöst 
und sich zerteilt in unzählige, locker geballte Dunstmassen, die 
in reinem Grau vor einem Himmel von unsäglicher Klarheit 
und Reinheit schwebten. Und über ihr Grau schüttete die 
sinkende Sonne jetzt ein Meer von Glut, dessen einzelne 
Wellen rot und gelb, goldig und grünlich erstrahlten. Hie 
und da ein Glanz wie von weißglühendem Metall, und unter 
diesem himmlischen Farbenspiel, voni Wiederschein übergössen, 
das wundervolle Stück von Erde und See, diese Kette von 
Buchten und Vorgebirgen, diese Wälder von immergrünen 
Bäumen und die gewaltige, ruhige Fläche des Wassers mit 
sanftem Rot auf dem stumpfer gewordenen Blau. Da drüben 
im Osten aber ivie ein Beherrscher dieser schönen Welt der 
gewaltige, breit hingelagerte Monte Baldo, von ungeheuren 
Schneemassen bedeckt, feurig rosa erglühend über verblauender 
Tiefe. Bläuliche Schatten auch in den Abgründen zwischen 
vortretenden Felsensprossen, hoch oben aber am äußersten 
Rand entlang ein schmaler Streifen von Licht, das ganze 
Profil des Berges mit silbernem Band umgrenzend, eine 
leuchtende Scheidelinie zwischen Erde und Himmel. 
In dieser Stunde des Sonnenuntergangs öffnete sich 
Rauchmanns Seele für ein neues Gefühl; wie der Held ini 
Märchen durch die Berührung des Drachenblutes die Sprache 
der Vögel verstehen lernte, so that sein Herz blutend sich auf 
für die Sprache der gesamten Natur. Er sah, fühlte, 
atmete diese erdrückende Schönheit, und wenn sie ihm im 
Augenblick auch keinen Trost gewährte, sondern eher das 
Weh noch zu erhöhen schien, so sagte ihm doch zugleich ein 
dunkles Ahnen, daß seinem Leben etwas Neues, Großes zu 
teil geivorden sei. Klarer durchströmte ihn ein anderes 
Gefühl: es gab etwas Mächtigeres als die Kunst, — die 
Natur, es gab etwas Schöneres als Erfolg und Ruhm, — 
die Liebe. Das aber war der herbste Schmerz von allen: 
indem sie ihm entschwand, erkannte er zum erstenmal ihren 
ganzen Wert; ivie das Rot am Himmel allniählich erlosch und
        
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