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Periodical volume Sonnabend, 3. März 1900 Nr, 9

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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„Nun — nun —" 
„Glaub' cs mir, Mutter, ich habe flute Augen. Hast 
Du den Blick gesehen, den er zu uns herauswarf? Aus dein 
sprach das schlechte Gewissen des abgefaßten Lügners. Hat 
er mir nicht gesagt, jene Verlobung sei nur ein Scherz, ein 
Ncklameconp, was iveiß ich? Stimmt es dazu, daß die Person 
ihm hierher nachreist und ihn begrüßt, uue sic es eben gethan 
hat? O nein, jetzt weiß ich's: das ist eine ernsthafte Sache; 
ich war ihm gut genug für einen Scherz, v für ein Fcrien- 
vergnügen. Sie sollen ja Uebung haben in solchen Sachen, 
die Herren vom Theater." 
„Du bist zu schnell, mein Kind.- Es kann doch ein 
Zufall —" 
„Nein, es ist kein Zufall. Und ich danke dem Himmel, 
daß ich noch schnell genug bin im Denken, um die Wahrheit 
zu erkennen. Jetzt aber müssen wir morgen reisen, Mutter, 
das wirst Du doch fühlen?" 
„Ich werde mir's überlegen. Gefallen hat auch mir 
die Szene nicht, — es ist doch ein wunderbares Volk, diese 
Theatermcnschen. Der Brief dagegen —" 
„Gieb ihn mir wieder." 
„Da ist er, — Kind, ivas machst Du?" 
Mil rascher Hand hatte Edith den Brief erfaßt und riß 
ihn mit fester, energischer Bewegung in Stücke. „Ich wollte, es 
wäre sein Herz, das ich so zerreißen könnte," sagte sie dabei 
leise und drohend. 
„Und iveun Du es könntest, — Deines thäte Dir darum 
doch ebenso weh wie jetzt." 
„Ja, cs thut weh! Ja, Mutter, es thut weh!" 
„Vielleicht ohne Grund. Und darum sage ich: nichts 
übereilen. Wenn Du die Augen mit Gcivall zumachst, ich 
werde sie umso besser offen halten." 
Edith wollte etwas erividern, aber sie fand die Worte 
nicht. Ein paar Schritte that sie nach der Balkonthür zu, 
als würde sie mit Gewalt dorthin zurückgcrisscn, doch besiegte 
sie den instinktiven Antrieb. 
„Ich muß jetzt allein sein," sagte sie mit der erzwungenen 
Ruhe von vorhin. „Sei nicht böse, Mutter, aber im Augen 
blick ist Einsamkeit das einzige für mich. Wenn ich zurück 
komme, dann hast Du wieder ein ganz vernünftiges Kind, 
verlaß Dich darauf." 
„Mir ivär' cs lieber, ein glückliches." 
„Damit ist es vorüber. Lebewohl." 
Sie ging hinaus, ohne der Mutter noch einmal ins 
Gesicht zu sehen. Diese trat, sobald sie allein war, an die 
Balkonthür, öffnete sie und horchte hinunter in den Garten. 
Aber alles war dort still geworden; die Roscnlaube war leer, 
die neugierigen Zuschauer der Theaterszene hatten sich ver 
laufen. Seufzend trat die Gencralin ins Zimmer zurück. — 
Der Willkommen, den Marie Müller, alias Milka Millcrta, 
bei Rauchmann gefunden hatte, war keineswegs freundlicher 
Art geivescn. Im Gegenteil war und blieb des Sängers 
Antlitz ungewöhnlich finster, während er unmutig in dem Lese 
zimmer auf und ab schritt, in das er die Sängerin so hastig 
hineingezogen hatte. 
„Was machen Sie für Szenen, und wie kommen Sie 
hierher?" war seine erste Frage. 
„Aber ich bitte, mein Herr," gab sie lachend zurück, „seit 
ivann sagt man denn „Sie" zu seiner Braut? Muß ich an 
unseren Kontraktabschluß im „Cafs Luitpold" erinnern? Ja, 
Wotan, Wotan, was ist denn mit Dir los?" 
Er blieb vor ihr stehen, mit blitzenden Augen, die Stirn 
in tiefe, drohende Falten gelegt. „Daß ich hier keine Komödie 
spielen will, das ist mit mir los," antwortete er gedämpft, 
aber heftig. 
„Wer spricht von Komödie? Ich koinnie in sehr wichtigen 
Angelegenheiten. Mein Gastspiel an der Scala, das in fünf 
Tagen anfängt, ist die eine, die andere geht uns beide an." 
„Wieso?" 
„Wir müssen uns heiraten, Wotan." 
Er lachte kurz auf, hart, unfreundlich, bitter. Das 
Lachen war beredter als Worte, sic aber ließ sich nicht irre 
machen. 
„Wenn ich sage „wir müssen," so kannst Du doch denken, 
daß ich meine Gründe habe. Du weißt ja, ich hatte ebenso 
wenig Lust dazu, wie Du selbst." 
„Ich weiß, daß bei allen Weibern, auch den scheinbar 
vernünftigsten, der Refrain des Lcbcnsliedcs das Heiraten ist." 
„Laß Dir nur erst erzählen." Sie hatte sich auf den 
einfachen, hcllbezogenen Divan niedergesetzt und zog ihn an der 
Hand auf den Platz an ihrer Seite nieder. Jetzt beugte sic sich 
nahe zu ihm heran und flüsterte ihm ihre Erzählung ins Ohr; 
einzelne Worte nur klangen vernehmlicher. „Neulich habe ich 
gastiert in — der Fürst — sehr gnädig, — sehr, sehr gnädig, 
— goldene Medaille — wünscht es, wünscht cs dringend —" 
Sic war ihm beim Schluß ihrer Rede so nahe ge- 
konimen, daß die Citronendame, die merkwürdig häufig an 
der Glasthür des Lesczinimcrs vorüberging und mit den 
Augen aufzufangen suchte, was das Gehör ihr versagte, ganz 
aufgeregt ausrief: „Eben hat sie ihn nämlich gckißt, wahr- 
haftig, sie hat ihn gckißt." 
Rauchmann beugte sich zurück vor der unwillkommenen 
Annäherung und sagte zornig: „Das ist ja hübsch! Dazu 
wäre ich gut genug, — es ist ja reizend. Meine Meinung 
über diese Sache werde ich Ihnen, — werde ich Dir noch 
recht gründlich sagen. Aber nicht hier und nicht jetzt. Wir 
haben, ivie ich sehe, bereits Publikum da draußen, und daß 
ich nicht gesonnen bin, hier eine Gastrolle zu geben, das sagte 
ich schon. Außerdem habe ich eine Verabredung, die keinen 
Aufschub duldet. Gestatte mir also, daß ich Dich zunächst 
auf Dein Zimmer führe, falls Du bereits eins erhalten hast." 
„O nein, bis jetzt noch nicht. Ich hätte mir und Dir 
damit die Ueberraschung verderben können. Aber ich wäre 
wirklich nicht böse, wenn ich den Reisestaub ein wenig ab 
schütteln könnte, und nebenbei hoffe ich, daß mein Wotan 
etwas besserer Laune ist, wenn er von seiner Verabredung" — 
sie betonte das Wort sehr malitiös — „von seiner Verab 
redung zurückkommt." 
Er zuckte die Achseln, ohne noch Antwort zu geben, und 
geleitete sie in das Bureau des Hotels, ivo er sic der Für 
sorge der Signora Gigola überantwortete. 
Seine hoffnungsvolle Stimmung war durch diesen 
Zwischenfall arg gestört worden; es schien ihm ein böses 
Omen, daß seine Pseudobraut gerade an diesem Tage, der 
über sein Glück entscheiden sollte, ihm in den Weg ge 
treten war. Er atmete erleichtet ans, als er sich von ihr 
befreit hatte und nun unter duftendem Lorbeer langsam 
hinaufstieg in die Einsamkeit der Berge. Viel zu früh trieb 
ihn die Erwartung hinan, aber hier war er wenigstens allein 
mit sich selbst, mit den neuen, großen, ungeivohnten Gefühlen, 
die ihm das eigene Ich und zugleich die ganze Welt zu ver 
ändern schienen. Seit er in den Bcrgcsfrieden eingetreten 
ivar, hatte er wieder zu hoffen angefangen; er fühlte sich 
Edith näher in dieser Natur, die ihr so eng befreundet war, 
wenn sie zu ihm selbst auch noch immer nicht sprach. 
Fast eine Stunde vor der Zeit gelangte er zu der 
bezeichnete» Bank am blütcnnmsponnenen Abhang der 
Bezzuglio-Schlucht. Hier setzte er sich nieder, aber es duldete 
ihn nicht lange auf seinem Platz. Er begann, den fast 
horizontalen, breiten Weg hin und wieder zu wandeln, der
        
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