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Periodical volume Sonnabend, 3. März 1900 Nr, 9

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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rungen einer weitverzweigten Verwaltung genügen könnte. Dieser 
Gedanke ist schon wiederholt aufgetaucht, aber er wird stets mit 
einer gewissen Resignation behandelt, wegen des Kostenpunktes. 
Schon denkt man daran, an einem abgelegenen Punkt ein zweites 
Rathaus zu bauen, um die vielen getrennten Bureaus zu ver 
einigen. . . . Der Lokalpatriotismus von wohlhabenden Breslauer 
Bürgern hat sich in den letzten Jahren mehrfach in hervorragender 
Weise bethätigt. Der Gutsbesitzer Schottländer schenkte vor einigen 
Jahren ein großes Terrain außerhalb der Stadt, bei der Villcn- 
kolonie Kleinburg; auf diesem Stück Land hat die Stadt den 
Südpark angelegt. Im Jahre 1896 opferte der Verleger der 
„Schlesische» Zeitung", der Verlagsbuchhändler Heinrich von Korn, 
eine halbe Million, um das alte schlesische Landeshaus anzukaufen 
und zu einem Kunstgewerbemuseum herzurichten. Sollten sich nicht, 
wenn der Stenersäckel versagte, auch für die Zwecke des Rathauses 
ein paar reiche Donatoren oder Testatoren finden? 
Um den Ring herum gruppiert sich die alte Stadt Breslau, 
wohl nicht der älteste Teil, der überhaupt angelegt wurde — denn 
die Dörfchen, aus denen die Stadt hervorwuchs, standen wohl 
mehr auf den Jnsclchen zwischen den Armen der Oder und drüben 
auf der anderen Seite, da, wo noch der Dom steht — aber doch 
einer der ältesten Stadtteile, dessen altertümliche Anlage sich erhalten 
hat. Da kann das Auge des Architekturfreundes schwelgen in 
allerlei Giebelaulagen, die heute nur noch nachgeahmt werden, wo 
mau absichtlich altertümeln will; da kann man, so weit dieses bei 
dem ohrenzerreißcuden Geklingel und dem Rumor der elektrischen 
Straßenbahn möglich ist, sich zurückträumen in die Tage von 
Anno dazumal; da kann das geistige Auge des Romantikers sich 
in die Zeiten zurückversetzen, da die alten, ehrwürdigen Ratsmannen 
stolz und gewichtig durch die engen Gassen schritten und unter den 
Schwibbogen hindurch dem Rathause zustrebten, wenn der Böhme 
oder der Pole oder der eigene Landesherr, je nachdem, sich un 
liebsam im Lande bemerkbar machten, oder auch, wenn die Zünfte 
mit ihren Ansprüchen und Streitereien Schlichtung oder Zurück 
weisung erforderten. Denn der engen Gassen und Durchgänge 
giebt es noch viele in der alten Stadt Breslau, und sie sind sogar 
noch vermehrt worden, seitdem man die Ohle, die früher mit 
pestileuzialischcm Gerüche die Stadt durchfloß, hinausverwiesen und 
ihr eine Mündung draußen bei Morgenau vor der Stadt zurecht- 
gcbaut hat. Da hat mau ihr städtisches Bett zuschütten und auf 
ihm eine Straße anlegen können, die noch jetzt den Namen Ohle 
führt, wie der Fluß, der dort ehemals stagnierte, die Weiße Ohle, 
die Kätzel-Ohle, die Altbüßer-Ohle, die Schloß-Ohle, die Sieben- 
raden-Ohle und die Reußen-Ohle. Da in der inneren Stadt giebt 
es eine Menge Grundstücke, deren langgestreckter Hof nach zwei 
Seiten hinausgeht, und wer diese Durchgänge weiß, der rann sich 
manchen Weg abkürzen. Und weite Hausthore und Wendeltreppen, 
die in weitem Umkreise herumgehen; sonderbar verbaute Häuser, 
denkt der moderne Mensch und wundert sich, wie man ehedem mit 
Treppenfluren und Höfen so verschwenderisch sein konnte und mit 
den Straßen so sparsam. Dort steht, gar nicht weit vom Ringe, 
die alte Elisabethcnkirche mit ihrem vierschrötigen Turme, der mit 
seinen 103 Metern lange der höchste Turm Breslaus war, bis sie 
nämlich vor ein paar Jahren, draußen in der Sandvorstadt, dem 
Dom des Fürstbischofs die Lutherkirche vor die Nase setzten, und 
deren spitzer Hut soll noch drei oder vier Meter höher geraten 
sein. Der Elisabether braucht sich aber darüber nicht zu ärgern; 
denn wenn er sich bloß die spitzige Haube wieder aufsetzen wollte, 
die ihm der Sturm vor drei Jahrhunderten herabgeweht hat, dann 
sollte der neue Kollege schon sehen, wo er bliebe! Drüben auf 
der anderen Seite des Rathauses steht die Magdalenenkirche, die 
jeder Schuljunge in ganz Deutschland kennt aus dem Liede von 
dem „Glockengießer zu Breslau in der Stadt", der so kunstreich war 
und leider auch so jähzornig! Die Magdalenenkirche hat zwei 
Türme, nild man sieht sofort, daß der eine alt und der andere neu 
ist.. Zum neunzigsten Geburtstage des Kaisers Wilhelms I., am 
22. März 1887, wurden die Türme illuminiert; der eine Magdalenen- 
turm brannte dabei ab. Das war den Breslauer» eigentlich nicht recht; 
denn da die beiden Türme sich nicht durch besondere Schönheit aus 
zeichneten, so hätte besser der andere auch abbrennen sollen. Nun 
wußte man nicht, ob man den abgebrannten Turm wieder so auf 
bauen sollte, daß er zu dem stehengebliebenen paßte, oder ob man 
an seine Stelle schon immer einen schöneren setzen sollte, in der 
Hoffnung, daß der andere ja auch bald eimnal abbrennen oder 
einstürzen könne. Man einigte sich schließlich ans den ersteren 
Weg, und daher stehen nun die beiden Türme wieder zwillingsmäßig 
neben einander, nur daß der eine aus altem, grauem Material ist, 
der andere dagegen aus Steinen, die der Breslauer Rauch noch nicht 
genügend hat schwärzen können. Karl Mischke. 
(Ei» weiterer Artikel folgt.) 
Der deutsche Roman im neunzehnten Jahrhundert. 
I. Drr Bildungsroman. 
* n der Spitze der Nomandichtung unseres Jahrhunderts stehen 
zwei Romane, die eine Epoche bedeuten: Goethes „Wilhelm 
Meister", erschienen 1795, und Friedrich Schlegels „Lucindc" ans 
dem Jahre 179!». Sie scheiden den Roman des 19. Jahrhunderts 
scharf von den handlnngs- und wortreichen Romanen der älteren 
Zeit, besonders von den Ritter- und Räuberromanen. Sie füliren 
aber auch, von englischen und frauzösischeii Mustern beeinflußt, 
einen neuen Typus des Romanheldeu und der Romanheldin in 
die deutsche Litteratur ein: „Wilhelm Meister" zeigt uns den jungen 
bürgerlichen Romanhelden, den wir zumeist irrend und strebend ans 
einer jener Entwickelnngsreisen, die das 18. Jahrhundert.liebt, kennen 
lernen, und der eilte fast neue Romangattnng. den Bildungs- oder 
Entwickelnngsroman, prägt „Lnciiide" ist das von allem eman 
zipierte Weib von schrankenloser Subjektivität, von „hohemLeichtsinn". 
Ungemein zahlreich ist die Nachkommenschaft dieses Elternpaares. 
Raincntlich der irrende Jüngling wurde von den Romantikern mit 
Begier aufgenommen. Der älteste dieser romantischen Helden ist 
Ludwig Tiecks „William Lovell", 1795—96, also gleichzeitig 
mit Wilhelm Meister erschienen; sein Pate und Vorbild ist in 
Richardsons Lovelacc unschwer zu erkennen. Vieles in der Form 
und Komposition, wie die raffiniert verwendete Briefform und der 
geheimnisvollc Bund, der William ans den Pfad des Lasters führt 
und der erst zum Schluß auf natürliche Weise erklärt wird, bezeugt 
noch die Einflüsse des älteren Romans. Lovell ist der „Zerrissenste", 
der Verzweifelteste unter seinen Genossen, und in dieser Zerrissenheit, 
in dieser fatalistischen Abhängigkeit von andere», häuft er Schand 
that aus Schandthat. Ein jüngerer und wilderer Bruder Lovells 
ist Godwi, der Held des 1801—2 erschienenen Jugendromans 
von Clemens Brentano. Auch Godwi ist eine nihilistische Natur, 
die ihre Weltlangweile und Selbstverachtung hinter kalter Ironie 
verbirgt, auch sein Gewissen ist weit genug. Aber trotz aller Anklänge 
an Lovell strebt er, wie Wilhelm Meister, nach Entwickelung, er 
ist nicht mehr der Spielball fremder Mächte, sondern bei aller 
Schwäche ist er doch Herr seiner Entschlüsse. Godwi ist nicht so 
lasterhaft, wie Lovell, aber bedeutend leichtfertiger. Neben diesen 
„Blasierten" im schlimmsten Wortsinn fehlt es auch nicht an 
Idealisten. An ihrer Spitze steht Hölderlins „Hypcrion" 
(1797—99 erschienen). Hypcrion steht und fällt mit seiner Idee: 
„Wohl dem Manne, dem ein blühend Vaterland das Herz erfreut!" 
Auch er ist ein passiver Held: er steht ganz unter dem Einfluß 
seines edlen Freundes, er verläßt, freilich aus erhabenen Motiven, 
die Geliebte seiner Jugend, er zieht sich, durch die Niedrigkeit der 
Menschen gebrochen, von der Welt zurück und sucht thatenlos in 
der Einsamkeit und einem großen (Schellingschen) Pantheismus 
Trost. Ein Idealist ist auch Heinrich von Ofterdingcn, der 
Held des 1802 erschienenen gleichnamigen Romans von Friedrich 
Hardenberg-Novalis. Mit ihm treten wir in die seit Heinses 
Ardinghello weit verzweigte Familie der jungen Künstler. Den 
Frieden von Heinrichs reiner Seele stört nur die traumhafte 
Sehnsucht nach der blauen Blume, aber kein Zwiespalt, kein niederer 
Trieb, kein unlauterer Hauch von außen. Erst in dem von L. Tieck 
erschlossenen, nur skizzierten zweiten Teil dieses unvollendeten 
mystisch-allegorischen Romans hätten wir Heinrich als eine Art 
Faust in allen möglichen Lebenslagen kennen gelernt, und allegorisch 
übersinnlich hätte er seine Mission erfüllt. Auf realem Boden 
bewegen sich: „Franz Sternbalds Wanderungen", wie sie 
Tieck 1797—98 erzählte. Stcrnbald ist nichts weniger als cynisch, 
ironisch, zerrüttet, wir lernen vielmehr in diesem jungen Nürnberger
        
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