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Periodical volume Sonnabend, 24. Februar 1900 Nr, 8

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Verantwortlicher Redakteur: Di-. M. F ollicineano, Berlin. — Druck und Verlag: Friedrich Schirmer, Berlin SW., Renenbnrger Straße 14a. 
geführt, DaS Gnrderobepersonal der Königlichen Theater ist ein überaus 
iimfangreiclieS. A» der Spitze der Verwaltung steht als Garderobe- 
inspektor der Jntendantursckretär Riebe, dem zwei Künstler und 
zwei Jntcndantursekretarc als VerivaltnngSbcamte zur Seite stehe», 
Herren- und Damciischncidereic» werden von je einem Meister und 
einem Obergarderobier als dessen Stellvertreter geleitet. Tie Zahl der 
Arbeitskräfte in den Werkstätten wechselt natürlich, zwei Schucidrrgescllcn 
Vad Frarrkenhausrn. 
gehören aber gewissermaßen zum ctatsniäßigen Bestand, Unter zwei 
iveitcren Obergarderobiers sind außerdem vierzehn Garderobiers und 
acht Garderobieren thätig. Ein besonderer Beamter hat den Transport 
der Garderoben zu leiten: die Arbeiten im Magazin Übermacht ein 
Aufseher: ein zweiter Aufseher steht der Rüstkammer vor, 
„Bei Pfeiffer» in dir Schule gegangen" — ist eine Redens 
art, mit welcher der „richtige" Berliner seinen „lieben Freund" gern 
„uzt", wenn er bei diesem im Gespräch einen Mangel der vorausgesetzten 
Kenntnisse oder eine geringe Auffassungskraft entdeckt zu haben glaubt. 
Mit dem Ursprung dieser Redensart hat cs folgende Bewandtnis: Pfeiffer 
war ein ehemaliger Privatschulvorsteher in Berlin, dem im Jahre 1829 
die Leitung der „ö. Kommunal-Armen schule" in der Lindenstraße über 
tragen wurde. Seine „gefühlvolle" Lehrmethode und sein eigenartiger 
Anzug — er ging zumeist im Frack und in leichten Lcdcrschnheu — 
hatten den originelle» Mann in jener Gegend sehr bekannt gemacht. 
Ihm unterstand auch eine „Nachlnlseschnlc", die in demselben Lokal ein 
gerichtet war, und in der wvchcntäglich von sechs bis acht Uhr abends 
Unterricht in der Religion, im Lesen, Rechne» und Schreiben erteilt 
wurde. Zum Besuch der Abendschule waren diejenigen Kinder unter 
vierzehn Jahren verpflichtet, die damals noch in Fabriken oder ander- 
weitig crmerbsiiiäßig während der Tagesstunden beschäftigt werden 
durste». Die Kuabeuabteilung hatte Pfeiffer, Begreiflicherweise kamen 
die meisten der schulpflichtigen Arbeiter ermüdet zu den Lehrstunden, 
und so ließen die Erfolge des Unterrichts trotz pädagogischer „An 
regungen" viel zu wünschen übrig. Der Pflichteifer, mit den: Pfeiffer 
die schwere Aufgabe in der Abendschule zu erfüllen suchte, brachte seinen 
Namen durch die Zöglinge auch in anderen Stadtteilen unter die Leute. 
So geschah cs, daß zur Bezeichnung der Schulbildung eines „Berliner 
Kindes", das wenig gelernt hatte, die erwähnte Redensart entstand. 
Frsnlrrnhanfen. Seitdem der Kyffhäuser mit seinem alten 
Barbarvssatnrm und mit seinem großartigen Kaiser Wilhelmsdenkmal 
ein Ziel der Wanderung für viele Tausende alljährlich bildet, wird das 
Soolbad Frankcnhausen mit seinen heilkräftigen Oucllen und seinen 
herrlichen Wäldern nicht nur von der skrofulösen Menschheit unserer 
Zeit, sondern auch von Vcrgnügnngsrcisendcn in ungezählten Mengen 
aufgesucht. Zweimal wird der Ort in der deutschen Geschichte genannt. 
Das große Thüringer Reich, das sich von der Ohre in der Alimark 
bis im Süden zu den Ufern der Donau (über welche »ach der LebeuÄ- 
beschreibung des heiligen Scvcrinus die thüringischen Reiter oftmals 
setzte», »in im jenseits gelegenen Lande reiche Beute einzuheimsen) 
erstreckte, brach 581 durch Eroberung des alten KünigsschlosseS Bnrg- 
scheidnngcn an der Unstrut derartig zusammen, daß nur noch für einen 
verschwindend kleinen Teil des allen Reiches, nämlich für die Lande in 
der Mitte von dcr Unstrut bis zum Kamme des südlich gelegenen Wald 
gebirges, der Name Thüringen geblieben ist. Nach dem Bericht fränkischer 
und sächsischer Ouellen hatten die Franke» auf ihrem Eroberungszngc 
gegen den König Herniiiifried in einer Schlacht in pago Mersteme 
juxta viüam Runeberchen unweit des heutigen hannöverschen Städt 
chens Ronncberg große Verluste erlitten, die Reihen dcr fränkischen 
Krieger waren so gelichtet, daß die Könige Theuderich und Chlothar 
den Beschluß faßten, die den Thüringern feindlich gesinnten Sachsen 
zur Hilfe heranzuziehen, 9 Heerführer mit je 1000 Mann erschieuen 
auf die Einladung im Lager des Theuderich, um mit den Franken 
gemeinsam die alten Feinde zu bekämpfen. Nachdem die Sachsen unter 
ihrem hochbejahrte» Führer Hatagstst, der das sächsische Feldzeichen mit 
dem Bilde eines Löwen, eines Drachen und eines darüber fliegenden 
Adlers ergriff, siegreich die Küuigsburg erstürmt und erobert hatten, 
erhielten sic von den Franken, ivohl infolge vorher getroffener Ab 
machung, das Land nördlich der Unstrut zum Geschenk, Nach alter Sage 
habe» damals die Franke» zum Schutze der Salzquellen, welche sie sich vor 
behielten, die Frankenburg errichtet und Frankeuhausen erbaut, (S, Abb. 
vom Hofphotograph Linde.) Jäger in seiner Weltgeschichte dagegen 
verlegt die Gründnrg des Ortes in die Zeit Karls des Großen, Rach 
ihm waren die Masseiiverpflaiiznngen, durch welche Sachsen auf 
fränkischen und germanischen, dagegen fränkische Kolonisten auf sächsischen 
Boden überführt wurden, ei» furchtbares, aber sehr wirksames Mittel, 
den Frieden des Landes zu schaffen. Die Namen Frankfurt, Franken- 
hausen, Frankcnthal in Rordwestdeutschland, Sachsenhausen, Sachsen- 
Heim und ähnliche auf süddeutschen Boden sollen an diese Maßregel 
erinnern. 
In der Geschichte der deutschen Reformation spielt Frankeuhausen 
insofern eine unglückliche Rolle, als hier mit der verlorenen Schlacht und 
mit dcr Gefangennahme Thomas Münzers die ü sie Bnuern- 
bcwegung am 15, Mai 1525 ihr sehr klägliches Ende clleicht ist 
das absprechende Urteil dcr Historiker über Münzer, ^ » „Propheten 
mit dem Schwerte Gideons", der in alttestamcntlichcn Schreckenswortcn 
allgemeine Gleichheit verkündete, Gütergemeinschaft einführte und „gegen 
das geistlose, sanstlebcnde Fleisch zu Wittenberg" Schmähschriften erließ, 
durch seine nnseligeu Erfolge, da er über die Geister, die er rief, nicht 
Herr blieb, einseitig beeinflußt. Er war 1490 zu Stolberg geboren. 
Nach einem uustäteu Wanderleben (Ascherslcbcn, Halle, Frohst, Brann- 
schwcig, Kloster Beutwitz bei Weißenfels, Zwickau, Prag und Nord- 
hausen, wo er überall einige Zeit als Lehrer oder Prediger wirkte) er 
hielt er 1523 das Pfarramt zu Allstedt, wo er sich mit einer ans dem 
Kloster ausgetretenen Nonne verheiratete. Hier trat er mit Karlstndt in 
geistige Verbindung, und nun nahm er das politisch soziale Gebiet in 
Angriff, während er die Taufe der Unmündigen noch aufrecht hielt. Seine 
dunkle, exzentrische Sprache erschwert cs, seine politischen und sozialen 
Ideen in voller Schärfe zu erfassen. Den Tod vor Angen hat er 
bekannt, daß nach seiner Auffassung die Obrigkeit, welche sich dcr Ein 
führung der Gütergemeinschaft — die an dcr Spitze seines Programms 
stand — widersetze, dem Untergang geweiht werden müsse. Der rcför- 
matorischen Lehre vom Glauben stellte er die innere Offenbarung gegen 
über, Ta er sich wegen seiner Lehren in Weimar verantworten sollte, 
entfloh er ans Allstedt auf dem Weg 
über eine Mauer »ach.Mühlhausen, 
wohin er nach ziellosen Wander- 
zügcn durch Süddentschland 
im Dezember 1524 zurückkehrte, 
um hier als Mittelpunkt der 
Baucrnbewegung für seine phan 
tastischen Ideen zu wirken. Der 
Mut, den er auf der Kanzel der 
Schloßkirche zu Allstedt gegen 
über den Herzogen Johann und 
Johann Friedrich von Sachsen 
bekundete, verließ ihn völlig gegen- 
übcr den feindlichen Heerhanfen 
vor Franken Hansens Thoren. 
Statt den Tod in dcr offenen Feld- 
schlacht'zu suchen, wurde er, der 
vor der Schlacht großsprecherisch er 
klärte, er ivvlle die feindlichen Kugeln 
in seinem Mantel auffangen, als 
elender Feigling unter einem Bette 
hervorgezogen. Auf dem Schlosse zu 
Hcldrunge», wohin man itin zu 
nächst in die Gefangenschaft führte, 
entriß ihm dicFolter ein umfassendes 
Bekenntnis, Hier erklärte er sich znm 
öffentlichen Widerruf seiner falschen 
Lehre über die Obrigkeit und über das Abendmahl bereit. In den 
letzten Tagen des Mai 1525 wurde er zu Mühlhansen hingerichtet. 
Sein unseres Wissens noch nie veröffentlichtes Bild ist angefertigt nach 
einer photographischen Abnahme (durch Hofphotograph Linde) des im 
Schlosse'zu Heldrungen befindliche» Original-Oelgemäldes. 
vr, G g, S chm i dk-Sachse» b nrg. 
Viuhertisch. 
Tic Tauscnd-Bilder-Bibcl, das volkstümliche, von dcr Deutschen 
Verlags-Anstalt in Stuttgart herausgegebene Bibelwcrk, ist bereits bis 
zur 10, Lieferung gediehen. Damit liegt der vierte Teil dieses gediegenen 
Unternehmens vor, das, je weiter es fortschreitet, eine desto imposantere 
Uebersicht bietet über das, was Künstlerhand seit Jahrhunderte» zur 
Verherrlichung des Buches dcr Bücher geschaffen hat. Aus den Werken 
dcr große» Meister aller Zeiten und Völker erscheint hier eine Auswahl 
des Besten, und zu den trefflickien Nachbildungen klassischer Gemälde 
und Skulpturen gesellt sich eine Fülle Illustrationen, welche landschaft 
liche Darstellungen aus dem heiligen Lande oder Porträts historischer 
Persönlichkeiten wiedergeben. Durch Abbildungen aus der Tier- und 
Pflanzenwelt, von Geräten und dergleichen wird dieser mannigfaltige 
Bildcrschatz vervollständigt. Noch nie zuvor ist das Buch dcr Bücher 
in so reichem Schmucke und zugleich in so wohlfeilem Preis — 40 Lie 
ferungen zu je 40 Pfennig — dargeboten worden. 
Inhalt: Berliner Wandelbilder. (Kunst und Reklame.) — Kaiser Karls V. Stellung znm TeWscheu Reiche. (Ein Gedenkblatt sunt vierhnnderljäWgeu Geburtslage.) 
Von Dr. Gustav Albrecht. — Von der Pariser Weltmisiiellung. Von Karl Mintorv. — Tie Hauptrichti ng in der preußischen Geschichtsschreibung. — Das Rathaus ill Königsberg in der 
Reumark. — Feuilleton des Bär: Wotans Verlobung. (Fortsetzung.) Novelle von Robert Kohlrausch. ~ Moderne Schmuckfachen. — Ein Blick auf die Entwicklung der Schreibmaterialien. 
Von Paul Hirschfeld. — Kunst und Wissenschaft: Sabine Hemcfett'er. — Chronik. — Kleine Mitteilungen. - Büchertisch.
        
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