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Periodical volume Sonnabend, 24. Februar 1900 Nr, 8

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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welche die Spürkrast der Forschung den Derivaten des Stein- 
kohlentheers zu entziehe» wußte, und die dazu beigetragen haben, 
das Reich der Farbentöne in ungeahnter Weise zn verschönern 
»nd zn erweitern. Ferner erblicken wir hier die zumeist ans Ost 
asien nnd der Levante importierten Galläpfel, diese charakteristischen, 
durch einen Reiz bestimmter Wespenarten hervorgerufenen pflanz 
lichen Gewebeneubildungen, die, wie wir bereits oben erwähnten, 
schon seit langer Zeit zum Färben sowie zur Bereitung von Tinte, 
Tannin und Gallussäure benutzt werden. 
In den Werkstätten, die wir nun durchschreiten, empfangen 
wir eine Anschauung von den mannigfachen Schaffensprozessen, 
die erforderlich sind, um ans den betreffenden Rohstoffen die viel 
fältigen, für die verschiedenste» Bedarfszwecke bestimmten Tinten 
sorten zur Erscheinung zu bringen. So betrachten wir, wie die 
Galläpfel in größeren und kleineren Kessel» einein Kochverfahren 
unterliegen, wie dessen Ergebnis mittelst Kelter gepreßt, sodann 
filtriert wird, wie die Masse, nachdem sie mit schwefelsaurem Eisen- 
oxydul gemischt worden ist, je nach ihrer Bestimmung, einen größeren 
oder geringeren Zusatz verschiedener Auiliufarbstoffe erhält und 
auch mit Gummiarabikum versetzt wird. Das letztere Produkt 
hat den Zweck, der Tinte eine gewisse Konsistenz zu verleihen, sie 
zu befähigen, ungeachtet ihrer Dünnflüssigkeit nicht zu leicht aus 
der Feder zu fließen. Svivohl die nach dieser Methode erzeugten 
verschiedenartigen Tintensorten, welche die eigentlichen Gallustinten 
vorstellen, wie auch die in einem glänzenden Blauschwarz sowie 
auch in anderen Tönungen auf dem Papier erscheinenden, leicht 
trocknenden Blauholztinte», die ans einer Lösung von Blauholz 
extrakt und chromsaurem Kali bestehen, repräsentieren die rühmlichst 
anerkannten Schreibtinten der Fabrik. Alle diese Präparate, mögen 
sie in schwärzlicher, dunkelblauer oder bläulich-grüner Färbung 
aus der Feder fließen, verwandeln sich als Schrift schnell in ein 
tiefes dauerndes Schwarz. Den Kopiertinten muß, wie dies bei 
den Erzeugnissen der Firma Reinhold Tetzer der Fall ist, die 
Eigenschaft inncwohnen, weder die Feder noch das Papier an 
zugreifen, im Schreibgefäß keinen Niederschlag zu bilden und selbst 
nach langem Liegen der Schrift noch klare, unveränderliche Kopien 
zn liefern. Außer diesen Tintenfabrikaten, zu denen auch eine von 
der Firma erfundene, ihrer Bestimmung in vollkommener Weise 
entsprechende Notentintc gehört, gelangen in den Werkräumen dieser 
Fabrik noch farbige Tinten mannigfacher Art, des weiteren so 
genannte Wäsche-Tinten, die sich znm Schreiben, Stempeln und 
Schablonieren auf Leinewand nnd anderen textilen Stoffen eignen, 
ferner Autographen- und Hektographen-Tinten, Stempelfarben 
sowie Tuschen in allen Farbentönen zur Herstellung. 
Ein besonderer Arbeitssaal in dem Fabrikbereiche gewährt 
dem Beschauer einen Einblick in das Getriebe der Expedition. Er 
vermag hier das Abfüllen der fertigen Erzeugnisse aus den Fässern 
in die mannigfaltigen Flaschen, Fläschchen und irdenen Gefäße 
zu beobachten, deren Etikettenhüllen in den verschiedensten Kultur- 
sprachen ihm zugleich ein lebensvolles Spiegelbild von den weit 
verzweigten Absatzgebieten der Firma darbieten. Wie wir ver 
nehmen, sollen hier täglich durchschnittlich gegen 12000 kleinere 
und größere Gefäße gefüllt und versandfertig gemacht werden. 
Eine von den übrigen Werkstätten getrennte Abteilung der 
Fabrik ist der ebenfalls in hervorragendem Maßstabe betriebenen 
Herstellung von Siegellacken aller Art gewidmet, unter denen 
namentlich die in den zartesten Farbentünen und Ausschmückungen 
erzeugten Damenlacke unsere besondere Aufmerksamkeit erregen. 
Wir sehen hier, wie die aus amerikanischem Harz oder Kolophonium, 
aus hellen oder dunklen Schellacksorten durch einen Schmelzprozeß 
und einer Mischung mit Farbstoffen und anderen Chemikalien ge 
schaffenen Lackmassen in eigenartige, verstellbare Stangenformen, 
die auf den Marmorplatten langer Tische ruhen, gegossen werden, 
nnd wie sodann die fertigen Lackstangen mit Hilfe sinnreich 
konstrniertcr Gasapparate unter der Einwirkung einer gleichmäßigen 
Hitze die glanzvolle Politur erhalten. Nachdem die infolge der 
Wärme weich gewordenen Stangen wieder erkaltet und erstarrt 
sind, werden sie in einem Expeditionssaal in Kartons gelegt und 
in diesen schützenden Hüllen verpackt. 
Wie wir aus dem Rnndgange durch diesen Fabrikbereich eine 
überzeugende Anschauung von den Bestrebungen empfangen, die 
Schreibmaterialien, dem Zuge der Zeit folgend, mehr und mehr 
zu vervollkommen, so lassen »ns diese regen Bestrebungen erkennen, 
daß die Entwicklung unseres gesamten Kulturlebens mit den Fort 
schritten in der Erkenntnis der Naturgesetze und Naturerscheinungen 
ans das engste verknüpft ist. 
Kirnst nnd Wissenschaft 
Sabine Hrinrfekker. 
Eine Sängerin aus dem vormärzlichrn Vrrlin. 
t em Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze! Wer nennt 
heute noch den Namen Sabine Heinefetters, der schönen 
Bühnensängerin, die vor zwei Meiischenaltern halb Europa mit 
ihrer Kunst entzückte, und die einst mit 
der Sontag und der Malib ran wett 
eiferte! — Sabine Heiuefetter 
wurde am 19. August 1809 zu Mainz 
geboren. Als Harfenmädchen erregte 
sie in einem Vcrgnügnugslokal durch 
ihre schöne Stimme die Aufmerksamkeit 
eines Musikkenners, der sie für die 
Bühne ausbilden ließ. Schon 1825 
betrat sie in Frankfurt am Main die 
meltbedeuteuden Bretter. Kurz darauf 
begann in Kassel, wo Spohr ihr Lehrer 
war, ihre Siegeslanfbahn auf der 
Bühne. Ein Kontraktbrnch führte die 
Sängerin nach Paris, wo sie den Unter 
richt Taudolinis genoß und neben 
Henriette Sonntag und der Malibran 
künstlerische Triumphe feierte. In Berlin 
gastierte Sabine Heinefetter 1827 und 
1850 im königlichen Opernhause und 
gehörte von 1833 bis 1835 der Bühne 
des Königstädtischen Theaters an. Die 
Hauptpartien der Sängerin waren 
Julia, Desdemona, Anna Bolena, 
Rorma, Rosina und Braniera. Neben 
der großen Schönheit, von der das 
nebenstehende Porträt eine Vorstellung 
giebt, wirkte Sabine Heinesetter vor 
allem durch ihre meisterhafte Darstellung, 
während ihre Stimme der der Sterne 
erster Größe am damaligen Gesangs- 
Himmel -— außer den bereits genannten 
sei hier nur an Angelica Catalani 
und Wilhelmine Schrödcr-Devrient erinnert — nicht völlig 
ebenbürtig war; doch rühmt Ludwig Rellstab in einer 
Rezension der Desdemona aus dem Jahre 1830 an Sabine 
Heinesetters Stimme die „metallene Fülle", die „große Bravour" 
und den „unübertrefflich schönen Ansdruck". Ueber ihr Spiel 
als Desdemona sagt der Kritiker, daß es in einzelnen Momenten 
dem besten gleich zu stellen sei, was er überhaupt auf der 
Bühne gesehen habe. Am 14. Juni 1827 schrieb derselbe Kritiker 
in der „Bossischen Zeitung" über die Künstlerin: „Demoiselle 
Heiuefetter aus Kaffel trat im Cortcz 
von Spontini in der Rolle des Amagili 
auf. Sie verbindet eine sehr schöne 
Stimme mit großem Talent _ für den 
deklamatorischen und recitatorischen Ge 
sang In dem großen Duett 
mit Cortez waren Spiel nnd Gesang 
vortrefflich, und auch die letzte Szene 
im Tempel wurde mit einer Wahrheit 
des Ausdrucks gesungen, die, je seltener 
sie ist, um so " höher geschätzt werden 
muß. Vorzüglich ist es ein edles 
Feuer, welches den Gesang der Künstlerin 
belebt, ohne dieselbe zu Uebertreibungen 
zn verführen . . ." 
Sabine Heinefetter gehörte der 
Bühne nur kurze Zeit an. Rach einem 
ruhelosen Wanderleben zog sie sich 
bereits 1842 vom Theater zurück, ver 
mählte sich 1853 in Marseille mit 
einem Herrn Marquet nnd starb am 
18. November 1872 in geistiger Um 
nachtung in einer Heilanstalt zu 
Jlleuau — ein erschütternder Abschluß 
eines Künstlerlebens, das unter so 
glänzenden Auspizien begonnen hatte! 
Ihr Name war schon bei ihrem Tode 
vergessen, und heute, wo seit ihrem 
Ableben wiederum fast drei Jahrzehnte 
verflossen sind, sucht man ihn auch in 
größeren Musikgeschichten vergeblich; 
versunken und vergessen — das ist des 
Mimen Fluch, und dieser Fluch hat auch 
die Erinnerung an die schöne und talentvolle Sabine Heinefetter 
ausgelöscht, die in dem Musikleben der zwanziger und dreißiger 
Jahre eine so glänzende Rolle gespielt hat. , . —e. 
Sabine Heinrfetkee.
        
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