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Periodical volume Sonnabend, 6. Januar 1900 Nr, 1

Full text: Der Bär Issue 26.1900

Heute kann man die schön gelegene Hauptstadt Sachsens von 
der Reichshauptstadt bequem in etwa 3 Stunden erreichen. Wenn 
man den Wiener Schnellzug benutzt, der um 8 Uhr morgens, zu 
einer Zeit also, wo cs auch dem übermüdeten Großstädter nicht 
allzuschwer wird, sich Morpheus' Armen zu entreißen, den Anhalter 
Bahnhof verläßt, so genießt man mit einem Billet III. Klasse alle 
Askholischr Hofkirche. 
die Annehmlichkeiten, die der sogenannte Harmonikazug bietet, 
ohne chaß der Wermutstropfen der „Platzkarte" in den Freuden 
becher fällt. An Gelegenheit, das hier ersparte Geld auf edlere 
Weise an den Mann zu bringen, fehlt cs freilich nicht. Man 
begiebt sich in den Speisewagen. Ist es Herbst, so nimmt man 
seine Decke mit — beim noch ist nicht, wie im Winter, geheizt —, 
wickelt sich hinein, setzt sich ans Fenster und sieht draußen die 
Morgennebel emporsteigen, während man behaglich den „braunen 
Trank der Levante" schlürft. Vorläufig sind die wellenden Gebilde 
das Interessanteste, was vom Fenster aus zu beobachten ist, aber 
später wird auch die Gegend sehenswert. In bedeutendem Maße 
allerdings erst, wenn der Zng sich Dresden nähert. Hier wird 
die Landschaft überaus reizvoll' auf beiden Seiten ist die Aussicht 
durch langgestreckte grüne Höhenzüge begrenzt, Landhäuser und 
Ortschaften sind malerisch auf ihnen und zu ihren Füßen verstreut. 
Bei Kötzschenbroda erhebt sich Weinberg an Weinberg; sie machen 
einen guten, wohlgepflegten Eindruck. Möchte die Hoffnung der 
glücklichen Besitzer nie wieder zu Schanden werden, damit nicht aber 
mals die Weise erklingt, die vor 11 Jahren der sonst so weinfrohe 
und verständnisvolle Sänger Johannes Trojan anstimmte: 
Aber der Wein, der in Sachsen 
In diesem Jahr ist gewachsen 
Und bei Naumburg im Thale 
Der rasch fließenden Saale, 
Der ist saurer noch viele Male 
Als der sauerste Moselwein. 
Wenn Du ihn schlürfst in Dich hinein, 
Ist Dir's, als ob ein Stachelschwein 
Dir kröche durch Deine Kehle, 
Das Deinen Magen als Höhle 
Erkor, darin zu hausen. 
Angst ergreift Dich und Grausen. 
Jetzt tauchen in der blauen Ferne die Türme von Elbflorenz 
f, jetzt sind die ersten Hänser erreicht, jetzt halten wir auf dem 
ipziger Bahnhof. — Ach! Dieser erste Eindruck stimmt trübe. 
Indessen, wer die alte Scheune kennt, die Riesenbaracke mit dem 
Gewirr geschwärzter Balken, die der selbstbewußte Hamburger 
Bürger seinen „Berliner Bahnhof" zu nennen beliebt, der findet 
hier Trost in dem Gedanken, daß andere große Städte noch 
Schlimmeres — „Ungenierteres" möchte man sagen — aufzuweisen 
haben. 
Aber der Zug fährt weiter, und schon entschädigt uns ein 
überwältigender Anblick. Wir fahren über die Elbe. Da schweift 
der Blick über den majestätischen Strom bis hin zu der ehr 
würdigen, sechs Jahrhunderte alten Augustusbrücke, und über sie 
hinweg bis zu dem Prachtbau des Opernhauses, bis zu der 
monumentalen Kuppel der Frauen- und dem schlanken, fein- 
gegliederten Turm der katholischen Hofkirche, bis zu der Brühlschen 
Terrasse mit dem in der Morgensonne schimmernden, reichver 
goldeten Kuppelbau der neuen Kunstakademie, bis zu den fernen, 
duftverschwommenen Höhen von Loschwitz. — Es ist ein ent 
zückendes Bild, aber die Augen haben keine Zeit, es zu erfassen; 
längst ist es verschwunden, und der Zug braust in die gewaltige 
Halle des neuen, prächtigen Hauptbahnhofes, der in seiner Art 
eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges ist. In den Jahren 1892—98 
ist der kolossale Bau mit einem Aufwand von 18 Millionen Mark 
nach dem preisgekrönten Entwurf der Bauräte Giese und Weidner 
aufgeführt worden. Außen wie innen ist der Bahnhof mit zahl 
reichen Kunstwerken von hoher Vollendung geschmückt, und das 
Bauwerk mit seinem von der Saxonia bekrönten Hauptportal, 
seiner 25 Meter hohen Kuppel und seinen drei nebeneinander 
liegenden mächtigen, in gefälliger Eisenkonstruktion ausgeführten 
Einfahrtshalleu erscheint auch in der Gesamtheit als ein hohes 
Kunstwerk. Im einzelnen seien die zwanzig in der Meissener 
Porzellanmanufaktur ausgeführten Landschaften aus dem Elbthal 
gebiete erivähnt, die die Wände der Warlesäle zieren. — 
In Dresden unterzukommen, ist trotz der zahlreichen Hotels, 
die übrigens auch Preise kennen, selbst nach der eigentlichen Reise 
zeit nicht so ganz leicht. Ist man ganz fremd, so kann es einem 
passieren, daß man in sechs bis sieben größeren und kleineren 
Gasthöfen vergeblich Aufnahme zu finden sucht, und daß man 
schließlich am besten thut, seine Wut und seinen Hunger vorläufig 
in dem an der Elbe schön gelegenen Helbigschen Restaurant zu 
stillen, wo der freundliche Oberkellner gegen ein freundliches Trink 
Irsurnkirchr. 
geld den Handkoffer solange in seine Obhut nimmt, bis man ein 
Logis gefunden, das der liebenswürdige Ganymed zudem bereit 
willigst nachweist. 
Einen der wertvollsten Schätze und vielleicht den stärksten An 
ziehungspunkt für Fremde aus allen Ländern bildet die berühmte 
Gemäldegalerie. Sie ist in dem den Zwingerhof nach Nordosten
        
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