Path:
Periodical volume Sonnabend, 24. Februar 1900 Nr, 8

Full text: Der Bär Issue 26.1900

181 
reifen von Ort zu Ort! Aber indem dieser Wunsch in ihm 
sich formte, kam es ihm zum Bewußtsein, daß er in den 
letzten Tagen viel weniger an seine Gesundheit gedacht hatte 
als sonst, daß er über die pflichtschuldige, fast instinktive Be 
folgung der ärztlichen Regeln hinaus kaum so gelebt hatte, 
wie die Gesundheit es erforderte. Wenn sie ihn nicht mehr 
beschäftigte, was beschäftigte ihn dann? Der Vers gab 
Antwort, der in seiner Seele tönte. Neben dem Müßiggang 
erklang noch ein anderes Wort in ihm, ein stärkeres, größeres, 
helleres Wort — die Liebe! 
Er war wieder vorwärts geschritten, jetzt blieb er von 
neuem stehen wie vor einem jäh geöffneten Abgrund. Die 
Liebe, — welch ein Wahnsinn, daran zu denken! In welche 
Wirrnis trieb ihn die ungewohnte Einsamkeit! Er grollte und 
zürnte, er haßte dieses Mädchen, das ihm so sehr die Ruhe 
der Seele raubte, — warum überlief es ihn wie Frost bei 
dem fernher tönenden Klang jenes anderen Wortes? Nein 
und tausendmal nein, er liebte sie nicht! 
Sich wehrend gegen ihr Bild, kämpfend gegen sich selbst, 
halb erstickt von einem Gefühl, das stärker war als sein 
Wille, kam er bis zu dem Platz, wo Edith ihm den Lorbeer 
zweig gegeben hatte. Und hier brach sein Widerstand in sich 
zusammen. Alle Waffen, die er sich geschmiedet hatte gegen 
ein übermächtiges, ihm fast noch neues Empfinden, zer 
splitterten in seinen Händen. Was er Zorn, Empörung, 
Haß zu nennen versucht hatte, es war nichts als Maske 
gewesen für das andere, sieghafte Gefühl. Es gab kein 
Leugnen mehr, er liebte Edith! Und mit dieser Erkenntnis 
zugleich kam ihm die andere, welch eine Summe von Liebes 
fähigkeit und Liebesbedürfnis in ihm sich aufgespeichert hatte 
in den langen Jahren beständigen Ringens um den Sieg in 
der Kunst. Er hatte keine Zeit gehabt für die Liebe. An 
genehme, heitere Bilder hatten sieh, rasch vorüber gleitend, 
in der ruhigen Flut seines Empfindens gespiegelt; niemals 
aber war diese Flut vom Sturm gepeitscht worden, hatte 
niemals die Ufer überschritten, die Dämme durchbrochen. 
Jetzt war es geschehen. Jetzt ging sie, furchtbar ange 
schwollen, über ihn selbst hinweg, nahm seinen Füßen den Halt, 
umrauschte ihn mit gewaltigen Tönen, hob ihn auf und riß 
ihn widerstandslos mit sich fort. 
Riß ihn fort, — wohin? Zu ihr, zu Edith! Mit 
einemmale war kein anderer Gedanke mehr in seiner Seele. 
Zu ihr, hinunter ins Thal, um sie zu sehen, ihre Stimme 
von weitem zuhören, in denselben Mauern zu sein, im denen 
sie atmete. Jetzt war die Klarheit gekommen, vor der er sich 
instinktiv so lange gefürchtet hatte; jetzt konnte er das Ziel 
benennen, zu dem ihn fieberhafte Sehnsucht trieb. Mit großen 
Schritten eilte er den steinigen Weg hinab, noch immer voller 
Zorn, aber jetzt mir gegen sich selbst, weil er so schwach war, 
diesem Gefühl zu folge». Er betrat das Hotel, schlich ver. 
stohlcu über Flur und Treppe, schaute spähend im leer ge 
wordenen Garten umher, flieg zu den Bänken am Strande, 
zu der Terrasse vor dem oberen Speisesaal empor und — 
fand Edith nicht. 
So trieb er es drei Tage lang, um dann aus seinem 
unentschlossenen, sehnsuchtsvollen Zustand aufgeschreckt zu 
werden durch eine Nachricht, die einer der Hotelgäste ihm zu 
trug. Seit seinem Auftreten gegen den „Sopra" war er für 
die Hausgenossen nicht nur der vielbewunderte, von weitem 
angestaunte Künstler, jetzt war er der Ritter ohne Furcht und 
Tadel, den alle persönlich verehrten. Die Herren begegneten 
ihm mit ausgesuchter Höflichkeit, die Damen bemühten sich 
um ein Gespräch mit ihm, indem sie alle Neuigkeiten der 
gemeinsamen kleinen Welt ihm zutrugen. Die kränkliche Dame 
mit der doppelten Brille war es auch gewesen, die am 
Morgen nach dem Vorfall im Speisesaal zu ihm herangetreten 
war und, vor Lachen fast erstickend, gesagt hatte: „Der 
Sopra, der Uebermensch, — er hat doch gesagt, Sie sollten 
von ihm hören, — er ist abgereist!" 
Rauchmann hatte nur ein wenig gelächelt, — daß er 
so melanchouisch lächeln konnte, machte ihn ganz unwider 
stehlich! Die Dame sprach mit verdoppelter Liebenswürdigkeit 
weiter, er aber dankte ihr nur durch halbe Aufmerksamkeit. 
Was kümmerte ihn jener Mensch? Er hatte kaum mehr an 
ihn gedacht. Um Ediths willen, darüber war er sich jetzt 
vollkommen klar, um ihr zu imponieren, hatte er den Kampf 
gegen den Lästigen aufgenommen. Sie hatte ihn mit keinem 
Blick, mit keinem Lächeln belohnt; was er gethan hatte, war 
also vergeblich gewesen, mar wertlos für ihn. Ilnd nun kam 
jene blasse Dame mit einer neuen Kunde, bei der sie ihn, wie 
er meinte, mit obsonderlichem Ausdruck betrachtete: die 
Generalin und ihre Tochter reisten ab! Der Sänger wußte 
hinterher nicht, was er geantwortet, was er noch weiter 
gesprochen hatte. Sobald wie möglich machte er sich los, 
ging auf sein Zimmer, setzte sich vor die offene Thür zum 
Balkon und starrte lange Zeit regungslos hinaus auf den 
See. War es aus, wirklich zu Ende? Und wenn es so 
war, — war es nicht gut? Er versuchte, die Frage zu 
bejahen, aber indem er es that, indem er sich die Welt ohne 
Edith zu denken versuchte, empfand er einen Schmerz, wie 
er ihn niemals zuvor gefühlt hatte. Und bevor er noch wußte, 
wie er dazu kam, saß er an seinem einfachen Schreibtisch, 
hatte Papier hervorgeholt, hielt die Feder in der Hand und 
— schrieb einen Brief. 
Die Generalin halte ihren üblichen Mittagsschlaf kaum 
beendet, als Edith leise die Thür des Zimmers öffnete und 
vorsichtig hereinschaute. Das schwache Geräusch ließ die halb 
noch Schlummernde völlig erivachen; sie öffnete die Augen 
mit ein wenig Mißbehagen, aber gleich kam wieder das 
gewohnte, freundliche Lächeln auf ihr Gesicht, als sie die 
Tochter erkannte. 
„Komm nur herein, Kind, es ist genug mit dem Schlafen." 
Sie setzte sich mit einiger Mühe aufrecht, unterdrückte 
ein letztes Gähnen und sah zu Edith hin, die, ohne ein Wort 
zu sprechen, zur Balkonthür hinüber gegangen war und nun 
ohne Bewegung und Sprache dort stand. 
„Wie kommt es denn, daß Du zu Hause bist?" fragte 
die Generalin. „Ich glaubte Dich schon oben in San Michele, 
oder auf dem Pizzoeolo gar. Kannst ja nie genug kriegen 
von Deinen Bergen." 
„Da, Mutter, ließ einmal den Brief." Edith bemühte 
sich, ganz ruhig zu sprechen, indem sie zu ihrer Mutter trat 
und ihr ein beschriebenes Blatt hinhielt, aber in ihrer tiefen 
Stimme war doch ein Beben, das sie nicht meistern konnte. 
„Ein Brief, — von wem?" 
„Lies nur." 
„Vom Wotan?" Die Generalin rief es, das Papier 
betrachtend, mit einem Ausdruck der Ueberraschuug, in den 
auch etwas Freude hineinklang. 
„Von Herrn Nauchmann, ja," gab Edith mit noch 
mühsamerer Kälte zur Antwort. Gorts-eu»» sorgt.)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.