Path:
Periodical volume Sonnabend, 24. Februar 1900 Nr, 8

Full text: Der Bär Issue 26.1900

Die Vauvtrichtung in der preußischen Geschichtsschreibung. 
gewaltige Gang der Ereignisse im Laufe des neunzehnten 
Jahrhunderts hat Preußen eine vorher kaum geahnte Stel 
lung innerhalb des europäischen Staatengebiets angewiesen: der 
deutsche Einheitsstaat ist unter Preußens Führung neu errichtet 
worden. Was die deutschen Volksstämme seit Jahrhunderten er 
sehnt, was die deutschen Sänger und Dichter erträumt und besungen 
haben, es ist im Jahre 1871 zur Wirklichkeit geworden: die Herr 
lichkeit des geeinten deutschen Reiches ist zu neuem Glanz erstanden. 
Aber was man kaum erhofft, was die meisten auch wohl kaum 
gewünscht oder erstrebt hatten, war gleichfalls eingetreten, Preußen, 
das den Partikularisten so verhaßte Preußen, war au die Spitze 
des neugeeinten Reiches gestellt worden, der König von Preußen 
leitete nunmehr als deutscher Kaiser die umfangreichen Geschäfte 
des deutschen Staatenbundes. 
Sollte Preußen diese Sonderstellung so ganz zufällig, aus 
rein äußerlichen Gründen zugeteilt erhalten haben? — Keineswegs. 
Man brauchte nur in die Vergangenheit zurückzuschallen, nur zu 
erwägen, wie ausgeprägt und zielbewußt die preußische Politik 
stets gewesen war, um zu verstehen, weshalb die leitenden Staats 
männer 1871 die Blicke der deutschen Fürsten auf Preußen gelenkt, 
weshalb diese Preußens König ans den Kaiserschild erhoben hatten. 
Die Entwicklung des preußischen Staates schien für eine gedeihliche 
Entfaltung des neuen deutschen Reiches eine sichere Gewähr zu 
leisten, Preußen schien gleichsam zu der führenden Stellung inner 
halb des germanischen Völkerbundes berufen z» sein. Da die 
preußische Geschichtsschreibung seit dem Anfang des neunzehnten 
Jahrhunderts diese angebliche Vorherbestimmung Preußens zum 
Herrscheramte in Deutschland immer wieder und wieder betont 
batte, so gewöhnte sich das deutsche Volk allmählich au diese Auf- 
fn'sung und betrachtete die Machtstellung Preußens als den Ausfluß 
eines in der Entwicklung des preußischen Staates stets hervor 
tretenden höheren Willens. Diese Auffassung, die in gewissen 
Zeitläuften als politische Waffe und zur Hebung des nationalen 
Bewußtseins ihre Berechtigung hatte, kann nach der Erreichung des 
gcplantenZiels vor der streng historische«Forschung nicht bestehen, und 
wenn die preußische Geschichte trotzdem jetzt noch, in de» Geschichts 
merken sowohl wie in den Schulen, von dem einseitigen teleologischen 
Standpunkt aus betrachtet wird, so ist dies entschieden z» mißbilligen. 
Wie verfehlt und falsch diese Auffassung ist, darüber hat sich 
der Königsberger Professor Hans Prutz in der Einleitung zu 
seiner kürzlich erschienenen „Preußischen Geschichte"*) eingebend 
ausgesprochen. Prntz giebt zu, daß die Neigung zur teleologischen 
Betrachtungsweise tief in der menschlichen Natur begründet ist und 
daß, je gewaltiger die geschichtlichen Ereignisse, je überraschender 
ihre Wanderungen und je größer die erreichten Vorteile sind, um 
somehr die Neigung bei dem einzelnen wie bei dem ganzen Volk 
vorherrschen wird, in dem größten, was ihm geworden, die Ver 
wirklichung einer längst obwaltenden höheren Absicht und die Er 
reichung eines ihm längst gesteckten Zieles zu erblicken, aber er 
tadelt eS, daß Historiker aus politischen Motiven diese Neigung 
benutzen, um Geschichtswerke zu verfassen, die mehr als politische 
Parteischriften wie als wissenschaftliche Bearbeitungen anzusehen 
sind. In der preußischen Geschichtsschreibung findet man diese 
politisch-teleologische Richtung vielfach vertreten. Leopold v. Ranke 
hat in seinen „Neun Bücher preußischer Geschichte" (1847) 
den Versuch gemacht, „die altprenßische Staats- und Gesellschafts 
ordnung mit dem absoluten Königtum von Gottes Gnaden an der 
Spitze gegen den andrängenden Liberalismus zu verteidigen", und 
selbst in der in gereifteren Jahre» vorgenommenen llmgestaltnng 
dieses Werkes, in der „Genesis des Preußischen Staates" 
(1874) konnte er sich dem Einfluß der Gegenwart auf die Be 
urteilung der Vergangenheit nicht entziehen und geht in der 
preußischen Geschichte mit Vorliebe „den Momenten nach, in denen 
sich — unbeabsichtigt und unbewußt, gelegentlich und andeutungs 
weise — die 1866 zum Siege gelangte Richtung schon früher offen 
bart hatte". In beiden Fällen waltet eine gewisse historisch 
politische Tendenz oh, und wenn Ranke auch nur Andeutungen 
macht und lehrreiche Perspektiven eröffnet, so veranlaßt er doch 
seine Leser, die späteren Ereignisse als notwendige, vorherbestimmte 
Folgen der früheren zu betrachten. Noch schärfer als bei Ranke 
tritt das teleologische Prinzip in Johann Gustav Droysens 
„Geschichte der Preußischen Politik" (1855) hervor, in 
welcher der Verfasser nachzuweisen versucht, daß von den ersten 
Anfängen des brartdenburgischen Staates an die Politik der 
Hohenzollern stets darauf gerichtet mar, ihren Staat an die Spitze 
Deutschlands treten zu lagen. Droysens Werk entstand in einer 
politisch bewegte» Zeit, die fortschreitende Erhebung Preußens 
wies den Verfasser auf den von ihm eingenommenen Standpunkt 
*) Preußische Geschichte von Hans Prutz. Bd. 1 und 2. Stuttgart 1900. 
I. G. Cotlaschc Buchhandlung Nachfolger. Die beiden ersten Bände, die bisher erschienen 
sind, behandeln die- braudenburgisch-preusiische Geschichte bis zum Jahre 1740, der dritte 
Baud, der die Zeit von 1740—1815 behandelt, wird Ende des Jahres 1900, der vierte, der 
die Darstellung bis 1888 fortführen wird, 1902 erscheinen. 
hin, und da er zugleich eine unnachsichtige Kritik an der Ver 
gangenheit des preußischen Staates und an den leitenden Persönlich 
keiten übt, so kann man sein Werk unter Berücksichtigung dieser 
Umstände wohl als eine patriotische Unternehmung bezeichnen, 
eine preußische Geschichte, aus der das deutsche Volk seine Ver 
gangenheit verstehen und sich in Gegenwart und Zukunft zurecht 
finden lernt, ist es aber nicht. Am stärksten tritt die von 
Parteiinteressen vorgeschriebene teleologische Betrachtungsweise bei 
Heinrich von Treitschke hervor. In seiner „Deutschen Ge 
schichte im 19. Jahrhundert", die er auf Grund preußischer 
Staatspapiere und deshalb unbewußt als Parteigänger Preußens 
schrieb, kommt es ihm vor allem darauf an, die Berechtigung und 
Notwendigkeit des Jahres 1866 zw erweisen, und so entwirft er, 
wie Prutz sagt, „von der deutschen Geschichte in unserem Jahr- 
hundert ein Bild, das sie als eine fortlaufende Offenbarung des 
infallibelen Preußentums erscheinen läßt"' Preußen scheint nach 
Treitschkes packender Darstellung zu allem berufen, zu allem be 
fähigt und zu allein berechtigt gewesen zu sein. 
Diese Art der Geschichtsschreibung hat, vom politischen Stand 
punkt ans betrachtet, ihre volle Berechtigung, denn sie diente als 
Waffe im Kampf gegen den deutschen Partiknlarismus: nachdem 
dieser Kampf aber entschieden ist, muß die preußische Geschichts 
schreibung in andere Bahnen gelenkt werden. Immer noch ver 
fallen die populären Darstellungen in den alten Fehler und ver 
suchen zu beweisen, daß die preußische Politik einzig und allein 
die Einigung Deutschlands von Anfang an erstrebt habe, indem 
sie die ausgesprochen alldeutsche Politik Preußens als Prüfungs 
zeiten erklären wollen, und es ist eigentlich selbstverständlich, daß 
diese Art egoistischer Geschichtsschreibung bei den anderen, nament 
lich den süddeutschen Stämmen eine starke Antipathie gegen Preußen 
hervorgerufen hat. Aus der populären Geschichtsschreibung geht 
dieser Glaube an die Prädestination Preußens in das Volk über, 
und der Selbstüberschätzung auf Grund irrtümlicher Geschichts 
auffassung ist nun Thür und Thor geöffnet. Dazu kommt, daß 
auch in den Schulen der teleologischen Betrachtungsweise der Vor 
zug gegeben wird: denn die Neugestaltung des historischen Unterrichts 
vom Jahre 1892 geht, wie Prntz meint, geradezu darauf ans, schon 
die Jugend mit der nnhistorischen Auffassung der preußischen Ge 
schichte," mit dem Glauben an den prädestinierten Vorzug Preußens 
zu durchdringen. Der geschichtliche Unterricht wird mit der Gegen 
wart begonnen, die Schilderung ihrer Herrlichkeit regt die Frage 
nach dem Ursprung derselben an, und aus der Vergangenheit 
werden nun hauptsächlich die Thatsachen erwähnt, die Personen 
geschildert, die zur Bildung des gegenwärtigen Zustandes bei 
getragen haben, eine Reihe patriotisch angehauchter Bilder zieht an 
den Angen der Schüler vorüber. Hierdurch wird ohne Zweifel das 
Nationalgefühl erheblich gestärkt, aber zugleich eine echt französische 
Eitelkeit und Selbstüberhebung großgezogen und nebenbei die Er 
kenntnis der historischen Wahrheit untergraben. Außerdem liegt 
die Gefahr nahe, daß solch ein planmäßig herangebildetes, über 
spanntes Nationalgefühl die Jugend zu thatenlosem Genuß des 
von den Vätern Erreichten verleitet, oder daß die Vorführung von 
Herrschern und Staatsmännern, die sämtlich nur das eine Ziel 
im Auge gehabt haben sollen, bei den jugendlichen Gemütern 
Zweifel an der Richtigkeit der Darstellung erweckt. 
Im Gegensatz zu "dieser irrtümlichen Auffassung der preußischen 
Geschichte und der falschen Handhabung des Geschichtsunterrichts 
betont Prntz vor allem die Hervorhebung des persönlichen Moments 
in der Geschichte. Es ist klar, daß ein Fürst oder Staatsmann, 
der, vom teleologischen Standpunkt aus betrachtet, nur als willen 
loses Werkzeug einer höheren Macht erscheinen wird, auf unsere 
leichtempfängliche, skeptisch angelegte Jugend keinen Eindruck machen 
wird, während eine thatkräftige, willensstarke Persönlichkeit, die 
sich ihre eis men Ziele setzt und die Zeitgenossen zur Mitarbeit an 
feuert, durch ihr Vorbild auch die moderne Jugend zu neuen Thaten 
anspornen wird. Natürlich muß sich der Geschichtsschreiber wie 
der Lehrer auch in diesem Falle vor Schönfärberei und Ueber- 
hebung hüten, er muß die vorgeführten Personen nicht als Herren 
auffassen und nicht alles als ihr persönliches Werk darstellen, 
sondern sic als Menschen betrachten und ihre Thaten und ihre 
Handlungsweise ans den umgebenden Verhältnisse» zu erklären 
suchen: nur so wird er die Gestalten der Vergangenheit der Nach 
welt menschlich näher bringen, nur so ein richtiges Verständnis der 
Geschichte, eine wirksame Pflege des Patriotismus anbahnen können 
Mag auch vieles, was Prutz in seinem Werke sagt, und was 
hier nur" in schwachen Umrissen wiedergegeben ist, allzu scharf ge 
urteilt sein, in der Hauptsache kann man seinen Ausführungen 
nur beipflichten, und da er in seiner „Preußischen Geschichte" selbst 
den Versuch gemacht hat, die vaterländische Geschichte unter den 
angeführten Gesichtspunkten zu betrachten, so darf man hoffen, 
daß eine Reform der preußischen Geschichtsschreibung und damit des 
Geschichtsunterrichts recht bald angebahnt werden wird. G. A.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.